Hans Eichenberger: Ikone des Schweizer Produktdesigns - DER SPIEGEL
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Produktdesigner Hans Eichenberger: Mehr als Möbel

Foto: Michael Lio/ Scheidegger & Spiess

Produktdesign von Hans Eichenberger Das sitzt, liebe Schweizer

Er ist einer der ganz Großen des Schweizer Produktdesigns: Hans Eichenberger entwickelte Möbelklassiker, Interieurs und sogar eine Ski-Bindung. Eine ausführliche Übersicht zeigt jetzt erstmals seine Werke.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rückblickend ergibt der Weg Hans Eichenbergers Sinn. Sein Vater arbeitete für die Möbelfabrik Bigla, jene Firma, die in der Schweiz die Lizenz für die Herstellung der Stahlrohrmöbel von Thonet hatte. Er wuchs in einer Familie heran, die man heute wohl als kreativ bezeichnen würde. Der Skiklub Grosshöchstetten war vor der Haustür und die Schreinerlehre, die Eichenberger zwischen 1942 und 45 im 40 Kilometer entfernten Madiswil ableistete, gab ihm den letzten Schliff. Hergestellt wurde alles von Tischen über ganze Inneneinrichtungen bis zu Särgen.

Wie gesagt: Rückblickend wirkt das alles wie ein sehr gutes Fundament für die gestalterischen Arbeiten, mit denen Eichenberger in den folgenden Jahrzehnten das Schweizer Design des 20. Jahrhunderts mitprägen sollte.

Doch man darf eines nicht vergessen: Wo die Mehrzahl seiner Kollegen studierte, wo sich bei ihnen Bezüge zum Bauhaus, zur Züricher Kunstgewerbeschule oder zur HFG Ulm auch im Werk feststellen lassen, war Eichenberger im Prinzip Autodidakt: Die Schreinerlehre war sein höchster Abschluss. 1951 ging er für zwei Jahre nach Paris, um bei Marcel Gascoin das Zeichnen zu lernen. Mit nur 25 Jahren kehrt er zurück und steigt bei "form" ein, einem Möbelladen in der Berner Altstadt, den er schließlich übernimmt.

Eine relativ kurze Episode, die aber viel über ihn aussagt: Die Bereitschaft, etwas auszuprobieren prägte seine Arbeiten, übrigens auch gestalterisch: Eichenberger beobachtete die Strömungen der Zeit und interpretierte sie auf eigene Art und Weise. Damit war er schnell erfolgreich: Schon der 1955 entworfene SAFFA-Stuhl - die Abkürzung bezieht sich auf die "Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit" - bei dem ein Metalrohrgestell und ein gepolsterter Sitz mit einer Rückenlehne kombiniert wurden, die mit der Pflanzenfaser Jonc umwickelt wurde, sorgte für internationales Aufsehen.

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Produktdesigner Hans Eichenberger: Mehr als Möbel

Foto: Michael Lio/ Scheidegger & Spiess

Der gut 190 Seiten starke und reich bebilderte Band zeichnet Hans Eichenbergers Arbeiten nach, beginnend beim 1952 entworfenen Kolonialsessel, bei dem ursprünglich eine Türvorlage aus ausgestanzten Pneugliedern die Sitzfläche gab, bis hin zur 1993 entworfenen "Litfasssäule": ein Containermöbel, das als Werbemittel, als Raumteiler, als Büroschrank, als Messedisplay genutzt werden kann.

Interessant ist dabei, dass sich Eichenberger nicht auf ein Material festlegte. Die 1954 entworfene Stehlampe HE etwa ist aus Metall. Ein zierliches Ding, verstellbar wie ein Orchesternotenständer und reduziert auf das Allernötigste. Der Sessel Cantù (1959) erinnert mit seinem Stahlrohrgestell an die Entwürfe Herbert Hirches, während der Klappstuhl 1901 FS (1966) als Weiterentwicklung des klassischen Egon-Eiermann-Modells zu sehen und dementsprechend aus Schichtholz gefertigt ist. 1970 schließlich schuf er seine "Anti-Möbel": trotzige Brocken aus Vierkantbalken, wie man sie vom Dachstuhlbau kennt. Viel Holz, riesengroße Schrauben. Brutalismus-Möbel gewissermaßen - der Sessel wird noch heute hergestellt.

"Design ist mir suspekt"

Platz finden auch Eichenbergers Arbeiten als Raumgestalter, allen voran die in Halen, einer zwischen 1958 und 1961 entstandenen Siedlung in der Nähe von Bern, in der anhand von 78 Wohneinheiten, fünf Ateliers und einigen Gemeinschaftsräumen und Ladenlokalen das Neue Wohnen erprobt werden sollte und für die die Schweizer Architektengruppe Atelier 5 die Verantwortung trug. Die strenge Ordnung der Betonreihenhäuser ergänzte Eichenberger nicht nur, er brach sie auch ein Stück weit auf und schuf so das, was vergleichbaren Wohnmodellen der Zeit bisweilen fehlte: eine Art Geborgenheit.

"Design ist mir suspekt", sagte Eichenberger selbst einmal. So verwundert es nicht, dass sich bei den in diesem Buch zusammengefassten Arbeiten nicht eine einheitliche Formensprache finden lässt, sondern eher eine Haltung. Der Züricher Architekt und Publizist Claude Lichtenstein erklärt diese in einem Kapitel, das so etwas wie das Herzstück des Buches ist. Er sagt: "Die Neugierde, die Skepsis gegenüber großen Worten und das Vertrauen auf die eigene elementare Erfahrung - das sind Eichenbergers Begabung, seine Ressourcen."

2016 erhielt Eichenberger den Schweizer "Grand Prix Design". Eine folgerichtige, wenn auch späte Würdigung, die mit diesem Buch eine ausführliche und angemessene Begründung erfährt.

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Hans Eichenberger: Designer und Innenarchitekt. Protagonist der Schweizer Wohnkultur (Protagonisten der Schweizer Wohnkultur)

Verlag: Scheidegger & Spiess
Seitenzahl: 192
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