Innovative Bauprojekte: Wohnen mit Schule
Wohnen über der Schule "Das ist geradezu ein Glücksfall"
Gernot Hertl studierte Architektur an der Technischen Universität Graz und hatte von 2016 bis 2017 eine Gastprofessur an der Universität Wien. Andreas Marth ist Gründungspartner des Büros AllesWirdGut mit Sitz in Wien und München.
SPIEGEL ONLINE: Bauboom in den Großstädten, steigende Geburtenraten und sinkende Attraktivität der Vororte führen zu einem starken Anstieg der Schülerzahlen. In Frankfurt müssen deshalb in den nächsten zehn Jahren zwanzig Schulen gebaut werden, in Hamburg sind es dreißig bis vierzig. Aber wie sollen die in den verdichteten Städten noch Platz finden?
Hertl: Wenn man nur nach geeigneten freien Grundstücken für Schulen sucht, wird das schwierig. Zur Urbanität gehört für mich, dass Wohnungen, Büros, Läden, Gastronomie in einem Komplex gemischt werden können. Und gerade für Gebäude mit öffentlichen Funktionen, wie eine Schule, halte ich einen Nutzungsmix für gut.
SPIEGEL ONLINE : So wie beim Bruckner-Tower in Linz, den Ihr Büro derzeit gemeinsam mit dem Büro AllesWirdGut von Andreas Marth bauen: unten sind die International School und ein Kindergarten geplant, im Hochhaus darüber Eigentumswohnungen. Wie kamen Sie auf diese Kombination?
Marth: Das war nicht unsere Idee, sondern eine Vorgabe der Stadt Linz für diesen Wettbewerb.
SPIEGEL ONLINE : Und was ist die Idee des Entwurfs, mit dem Sie die Preisrichter überzeugt haben?
Hertl: Die Schule ist das Gesicht nach außen. Sie hat eine ringförmige, zweigeschossige Struktur, die teilweise direkt unter dem Hochhaus liegt. Der Ring umschließt einen geschützten, intimen Pausenhof. Das Hochhaus hat nur einen Fuß am Boden, nämlich eine verglaste, freundliche Eingangshalle im Erdgeschoss.
SPIEGEL ONLINE : Schule und Wohnhochhaus sind also miteinander verzahnt und doch getrennt. Das bedeutet, jeder Teil muss eigene Treppenhäuser und Aufzüge haben, eigene Eingänge. Das klingt kompliziert.
Marth: Ja, es ist komplizierter, als nur eine Schule oder nur ein Wohngebäude zu planen, aber es ist lösbar. Die Struktur des Hochhauses muss sich durch die Schule ziehen, ohne dass die Funktionalität der Schule beeinträchtigt wird. Der Brandschutz ist eine Herausforderung. Die reinen Baukosten sind bei so einem hybriden Entwurf höher, aber dafür wird das Grundstück viel besser ausgenutzt. Das ist ein Mehrwert.
Innovative Bauprojekte: Wohnen mit Schule
SPIEGEL ONLINE : Wäre es nicht ebenso effizient gewesen, auf kleinerer Grundfläche eine viergeschossige Schule neben dem Hochhaus zu planen?
Marth: Das bezweifele ich. Zwei Etagen sind meines Erachtens optimal für eine Schule. Unten bringt man Räume unter, die stark frequentiert werden, wie zum Beispiel die Aula oder die Cafeteria. In der Etage darüber gibt es ruhige Bereiche für Klassenräume oder Lernlandschaften.
Hertl: Die Herausforderung war, Schule und Wohnen wirklich intelligent übereinander zu stapeln. Ein Irrweg wäre gewesen, den Turnsaal unter den Turm zu setzen, weil das nicht funktioniert. Bei Hochhäusern ist es grundsätzlich schwierig, für den Sockel eine gute Lösung zu finden. Die wenigsten Menschen leben gerne in Erdgeschosswohnungen eines Hochhauses, weil die zum Beispiel keine blickgeschützten Bereiche mit Tageslicht haben. Es ist deshalb geradezu ein Glücksfall, dass der Bruckner-Tower sich nicht bis ins Erdgeschoss durchzieht, sondern dass unten eine öffentliche Nutzung platziert wird, also Schule und Kita. Und diese verweben sich mit dem Stadtgefüge.
SPIEGEL ONLINE : Aber von unten schallt der Schulhoflärm nach oben zu den Eigentumswohnungen.
Hertl: Wie Lärm wahrgenommen wird, hängt auch davon ab, ob man die Lärmquelle sieht. Deshalb haben wir für den Bruckner-Tower umlaufende Balkone vorgeschlagen, die den Blick in die Horizontale lenken und nicht nach unten. Außerdem sind die Unterseiten der Balkone mit Schallschutzmaterialien ausgestattet, der Bodenbelag des Pausenhofs ist schallabsorbierend. Und vielleicht tragen die Bewohner selbst auch zum Lärm bei, denn sie dürfen das Dach der Schule nutzen. Ich glaube deshalb, dass die Sorgen hier größer sind als das Problem.
Marth: In Deutschland muss beim Bauen die "Technische Anleitung zum Schutz vor Lärm" eingehalten werden. Das hat manchmal absurde Folgen. Ich kenne einen Fall, da konnten keine Wohnräume zum Park hin orientiert werden, weil es in dem Park Sportflächen gab - da war der Schallschutz wichtiger als sämtliche Qualitäten, die eine Ausrichtung des Gebäudes zum Park mit sich gebracht hätten. In Österreich habe ich so etwas noch nie gehört.
Wohnst du schon, oder suchst du noch?
Wege aus dem Immobilien-Wahnsinn
SPIEGEL ONLINE : Sehen Sie es als Aufgabe von Architekten, für verdichtete Städte neue Lösungen, also zum Beispiel innovative Nutzungsmischungen vorzuschlagen?
Hertl: Architekten hätten da sicher gute Ideen. Aber in der Realität schlagen wir Lösungen vor für Aufgaben, die uns gestellt werden. In Deutschland beobachten wir, dass Nutzungen meist immer noch getrennt werden. Ich halte es perspektivisch für falsch, eine Schule neben ein Wohngebäude zu setzen, wie man das schon immer gemacht hat, statt über innovative Ansätze nachzudenken. Die Leitfrage muss sein: Was kann ein Gebäude mit Doppelnutzung leisten, das zwei entkoppelte Gebäude nicht leisten?
SPIEGEL ONLINE : Gibt es noch weitere gemischte Schul-Wohn-Gebäude in Österreich?
Marth: Ich kenne kein weiteres. Aber es gibt in Innsbruck eine andere Kombination. Eine Schule über einer Shoppingmall.
SPIEGEL ONLINE : Im Frankfurter Schönhof-Viertel werden derzeit auch Wohnungen über einer Grundschule geplant, ebenso wie in Wien oder in Amsterdam. Sind Sie von anderen Städten um Rat gefragt worden, nachdem Sie den Wettbewerb für den Bruckner-Tower gewonnen hatten?
Hertl: Leider nein. Darauf warten wir noch.