Marlene Dietrichs letztes Kleid: Hauchdünn erleuchtet
Marlene Dietrichs letztes Kleid Es muss leuchten
Garantiert wäre sie längst auf die Bühne geflogen, der Jetpack auf ihrem Rücken von flattrigem Kaum-da-Stoff verhüllt. Hätte den Fans ihre spektakulärsten Auftritte live aufs smarte Handgelenksgerät gestreamt.
Marlene Dietrich, die Frau mit den verhangenen Augen und dem nonchalanten Mund, die heute vor 25 Jahren in Paris starb, war nicht nur Künstlerin, Stilikone und stets neu und anders bepinselbare Leinwand vieler Fantasien und Hoffnungen - sie war auch eine technische Visionärin. Nur leider mit ihren Ideen ein paar Jahrzehnte zu früh dran.
"Wir müssen einen Weg finden, wie das Kleid leuchten kann", schrieb sie im Dezember 1958 ihrem heiß verehrten Kostümkünstler Jean Louis. Ein längeres Konzertengagement in Las Vegas stand an, und die Dietrich, damals 57 Jahre alt, wollte dort alles Glamourmögliche auffahren, das technisch auch nur vage vorstellbar war. Herzstück ihrer Bühnenvision: Ein beleuchtbares Kleid, bestickt mit Blumen, unter denen alle technischen Unhübschheiten verborgen lägen.
Sehr detailliert waren ihre Vorstellungen, die sie seitenweise mit energischen Großbuchstaben niederschrieb, umsetzbar waren sie leider nicht: Die vielen Glühbirnchen hätten das hauchfeine Fast-nackt-Kleid zu schwer gemacht und die Nähte zu sehr belastet, auch die Stromversorgung wäre ein Problem geworden. Das Kleid wurde nie genäht. Bis Anfang Januar dieses Jahres.
Marlene Dietrichs letztes Kleid: Hauchdünn erleuchtet
Fast sechzig Jahre nach den ersten Fashiontech-Entwürfen der Dietrich wurde ihr Lichtkleid doch noch geschneidert. Anlässlich des 25. Todestags bestellte der TV-Sender Arte eine Marlene-Dokumentation bei einer Produktionsfirma, der bei der Recherche die Briefe an Jean Louis in die Hände fielen.
Also suchte man ein Modeatelier, das die Dietrich'schen Lichtspielträume mit heutigen technischen Möglichkeiten erfüllen könnte - und fand Lisa Lang und ihr Berliner Fashiontech-Label ElektroCouture und damit eine Werkstatt, die passgenau für dieses Projekt gemacht schien.
Denn das erste Dekostück, das die 34-jährige Gründerin Lang im Büro ihres Studios aufgehängt hatte, war: ein Bild von Marlene Dietrich. "Sie war für mich schon immer eine Inspiration", sagt Lang. "Nicht nur als Künstlerin, sondern auch als politische, starke Frau. Mit zwanzig habe ich mir die Augenbrauen so gezupft wie sie, und es dauerte fünf Jahre, bis sie wieder nachwuchsen. Und in den Jahren, in denen ich ElektroCouture aufgebaut habe, war da immer ihr Bild und ihr Blick, der sagte: Schätzelein, zeig denen, was du drauf hast."
Licht tragbar machen
Eines der größten Talente von Lisa Lang: Welten verknüpfen, die bislang nichts miteinander zu tun hatten. In ihrem Team gibt es sowohl Schneiderinnen wie Elektriker, und sie selbst ist die Dolmetscherin zwischen der Sprache des Designs und dem oft vernuschelten Elektronik-Dialekt.
Das Ergebnis können twitternde Halstücher oder gestrickte Schals sein, auf denen die Umrisse des Berliner Stadtplans leuchten: Schmuck und Kleidung für Menschen, die zwar geeky und tech-affin aussehen möchten - "aber nicht wie ein Zirkuspferd", sagt Lang. Ihr Motto: "Wir machen Licht tragbar." Dietrich hätte mindestens interessiert eine Augenbraue gehoben.
Für die Realisierung ihrer Pläne behandelte Lisa Lang sie wie jeden Kunden, der mit einer Idee zu ihrem Label kommt: "Ich habe zu meinem Team gesagt: Marlene ist unsere Kundin. Was wollte sie - und was würde sie 2017 wollen?"
Ihr selbst fiel es nicht schwer, sich in Dietrichs Liebe für den großen Auftritt, den perfekt kalkulierten Effekt, die Leidenschaft fürs Überlebensgroße hineinzudenken: Schon 2014 lief Lisa Lang mit einer selbst kreierten Jacke durch Berlin, auf deren Rücken kleine LEDs leuchtende Blitze formten. Die Jacke hatte eine eigene Sim-Karte und eine eigene Telefonnummer: Wenn man ihr eine SMS schrieb, konnte man damit die Farbe der LEDs verändern.
Mit der slowenischen Modedesignerin Anja Dragan, die das Marlene-Kleid schließlich schneiderte, besuchte Lang zur Inspiration den Nachlass Dietrichs, der - unzugänglich für die Öffentlichkeit - in einem Berliner Bunker lagert: 3500 Dinge, vom Topflappen bis zu den durchgetretenen Lieblingsschuhen, die ihr eine Gänsehaut nach der anderen bescherten: "Da ist ja überall noch ihre DNA dran." Besonders faszinierend fand Lang die dicken Bücher mit den Beleuchtungsplänen, in denen Dietrich für jedes Bühnenprogramm detaillierte Anweisungen niederlegte.
Aus hauchdünnem Stoff, mit leitenden Fäden und eingestickten LEDs durchzogen, der eigens für das Kleid angefertigt wurde, schneiderte Anja Dragan schließlich wirklich Marlene Dietrichs letztes Kleid. Seine winzigen Lichter lassen sich per Fernbedienung steuern. Auf bestimmte Lieder abgestimmte Lichtmuster sind auch möglich. Und es ist, anders als seine Grundidee von 1958, ganz gefahrlos zu tragen.
"Marlene wäre damals vielleicht in ihrem Kleid gestorben", sagt Lisa Lang. Denn die Diva wollte die Lampen mit Strom versorgen, indem sie eine Leitung bis in ihren Schuh laufen ließ. Den Stromkreis wollte sie schließen, indem sie mit dem Leitungsschuh auf eine versteckt auf der Bühne angebrachte Metallplatte trat, die an das Stromnetz angeschlossen war. "Sie hätte dabei Stromschläge bekommen können, die zum Herzstillstand geführt hätten", sagt Lisa Lang.
Vermutlich hätte die Diva das für den perfekten Auftritt in Kauf genommen.
Das letzte Kleid der Marlene Dietrich, Sonntag, 7. Mai 2017 um 11.10 Uhr auf Arte.
Weitere Sendetermine: Dienstag, 9. Mai 2017 um 2.40 Uhr und Sonntag, 14. Mai 2017 um 6.45 Uhr