Mode aus Russland: Mehr als Pelz und Logos
Postsowjetische Mode Ost Couture
Der russische Markt für Mode wächst. Die Verbraucher seien wieder bereit, mehr Geld für Kleidung auszugeben, schreibt die deutsche Außenwirtschaftsagentur Germany Trade & Invest (GTAI) in einem Bericht. Die krisenbedingte Abwertung des Rubels habe zudem die Lohnstückkosten gesenkt. Das macht die inländische Stoffproduktion und Kleiderherstellung konkurrenzfähig zu Importware aus Billiglohnländern wie China und Türkei.
Diese Ausgangslage bedeutet gute Chancen für eine neue Generation russischer Modedesigner. "Die Zukunft liegt ganz klar in den Nischenmarken", sagt Alexander Shumsky, Präsident und Organisator der Mercedes-Benz Fashion Week Russia, die mittlerweile in die 38. Saison geht. "Wir wollen uns vom klassischen Einzelhandel mit all den großen westlichen Marken zu einem Hub für eigene Talente entwickeln."
Eines dieser Talente ist Varvara Zenina. In ihren Kollektionen übersetzt sie das Designerbe ihres Landes in moderne Stücke: Kosakenhemden gibt es bei ihr mit seitlicher Knopfleiste, Strickware mit einem ursprünglich aus Karelien in Nordrussland stammenden Muster. Verkauft werden die Stücke ganz zeitgemäß via Onlineshop und Instagram. Das Interesse an ihren Kreationen spiegelt eine wachsende Affinität für russisches Brauchtum und Handwerk wider.
Die Ästhetik junger russischer Designer orientiert sich längst nicht mehr an ausländischen Vorbildern. Die neue Generation macht sich Gedanken über ihren Platz in einer zunehmend vernetzten globalen Welt. Das allgegenwärtige Trauma des sowjetischen Zusammenbruchs, der für Millionen Russen gleichbedeutend war mit dem Verlust von Heimat, ist ein wichtiger Bestandteil der Marken-DNA. Ahmte die postsowjetische Jugendkultur noch die Logos der unerschwinglichen Labels aus dem Westen nach - zum Beispiel mit grotesken kyrillischen Imitaten und gefälschten Drei-Streifen-Jogginghosen - ist heutzutage eher das typisch Russische gefragt.
Mode aus Russland: Mehr als Pelz und Logos
Designer wie Gosha Rubchinskiy und Demna Gvasalia haben es vorgemacht. Beide stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und haben aus dem Ostblock-Look ein erfolgreiches Geschäftsmodel gemacht. Gvasalia verantwortet mit einem Designerkollektiv das einflussreiche Label Vetements und ist seit 2015 Kreativchef von Balenciaga. Rubchinskiy verkauft seine Mode inzwischen in mehr als 150 Ländern. Nebenbei entwirft er für Globalplayer wie Adidas oder Burberry.
Die coolen Fashion Kids in Moskau aber tragen keine dieser Marken, was nicht nur eine Frage des Geldes ist. Viele wollen lieber Outfits von lokalen Labels, jedes mit einer eigenen, sehr genauen Vorstellung davon, was es heißt, jung und russisch zu sein.
Streetwear-Marken wie Sputnik1985 oder Volchok versuchen, anzuknüpfen an den Erfolg Rubchinskiys mit seinem Post-Sowjet-Skater-Mix. Andere, wie etwa Varvara Zenina, gehen weiter zurück und besinnen sich auf historische Wurzeln und Folklore. Die Designerin selbst betrachtet ihre Arbeit dabei durchaus als "relevant in der existierenden Modewelt". Tradition trifft Handwerk trifft Hightech.
Angriff auf Russlands Männlichkeit
Auch traditionelle Geschlechterrollen werden neu interpretiert - ein riskantes Unterfangen in einer Gesellschaft, die Homosexualität größtenteils ablehnt. Der Newcomer Nikita Kalmykov besinnt sich auf russische Kultur, indem er alte Stoffmuster verwendet, gleichzeitig hinterfragt er aber Altmodisches wie Russlands Männlichkeit. Für sein Label Odor verziert er Herrenmode mit traditionell weiblichen Elementen wie Spitze. "Für mich ist der echte Mann eine Person mit absoluter innerer Freiheit, offener Sexualität und unkonventionellem Denken", sagt er.
Das Spiel mit den Geschlechtern beherrscht auch das Label Nikolay Legenda. Denn anders als es der Name vermuten lässt, steckt dahinter kein männlicher Designer, sondern eine Kreative aus Sankt Petersburg: Olga Capitonova. Ihr primäres Interesse gilt der Psychologie und Anatomie, sie interpretiert die Geschlechterstereotype neu, kreiert minimalistische Unisex-Teile in Schwarz-Grau-Weiß und zeigt gut angepasste Anzüge, ganz im Trend der androgynen Mode.
Russische Mode ist nicht mehr nur Prinzessinnen-Couture für It-Girls und Oligarchengespielinnen. Sie hat einen politischen Anspruch. Der Modesoziologe Stephan Rabimov von der Universität der Künste in San Francisco ist überzeugt, sie könne sogar zum interkulturellen Dialog dienen. "Besonders wenn Länder ideologisch so unterschiedlich ticken, kann Mode die gesamte Kommunikation zwischen den Kulturen offenhalten", so Rabimov.
Ob Modediplomatie oder nicht: Was auf russischen Laufstegen zu sehen ist, unterscheidet sich fundamental von dem, was in Paris, Mailand oder New York gezeigt wird und ist genau deshalb authentisch. Typisch russisch eben.