Modelabel Achtland von Berlin nach London gezogen - DER SPIEGEL
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Achtland: London - Berlin - London

Foto: Kate Bellm

Deutsches Modelabel Achtland in London Gegangen, um zu bleiben

Luxus in Berlin? Das konnte nicht gut gehen. Mit Achtland hat eines der beliebtesten deutschen Modelabels das Land verlassen. In London soll es mit dem internationalen Erfolg klappen. Ein Atelierbesuch bei Thomas Bentz und Oliver Lühr.
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Ihr Abschied hat Wunden hinterlassen. Sie wissen das. Thomas Bentz und Oliver Lühr galten als die "größten Design-Hoffnungsträger" Berlins ("SZ"), als "Lieblinge des Modebusiness" ("Berliner Zeitung"), als "Hoffnungen der deutschen Mode" ("Zeit Magazin"); ihre Firma Achtland wurde als "eines der besten jungen Labels" ("FAZ") und "Shootingstar der Szene" ("Handelsblatt") gefeiert.

Doch vor sechs Monaten haben Lühr, 34, und Bentz, 35, ihre Sachen gepackt und sind weg aus Berlin. Sie haben jene Stadt verlassen, in der sie 2011 ihr Unternehmen gegründet hatten und wo sie seitdem wie wenig andere gefeiert wurden. Achtland galt auch als eine Art Heilsbringer; als Beweis, dass Berlin modisch nicht bloß Straße, sondern auch High Fashion kann: feine Stoffe, viel Handarbeit Made in Germany, mit Preisen zwischen 180 und 1800 Euro die Sehrvielbesserverdienenden im Blick. Das ging in Berlin nicht lange gut.

Also haben Lühr und Bentz eine Fähre Richtung Großbritannien genommen, sie wollten diese symbolhafte, langsame Überfahrt. Ein halbes Jahr später sitzen sie in ihrem Atelier im angesagten Londoner Stadtteil Shoreditch und wirken entspannt. 90 Quadratmer haben sie hier unter dem Dach gemietet, es ist ein sehr heller Raum, die beiden Designer haben noch vier Praktikanten beschäftigt, das war's. Gerade ist ihre neue Kollektion für das Frühjahr und den Sommer 2015 fertig geworden, die 45 Teile hängen auf einer Kleiderstange im Raum, die Männer sind sichtlich stolz. Beruflich ist es ein Neustart für die beiden. Privat eine Heimkehr.

Ein Kreativer und ein Geschäftsmann

Lühr, der Blonde und Ruhigere von beiden, absolvierte in London die renommierte Modeschule Central Saint Martins, er arbeitete bei Balenciaga und Chloé. Bentz, brünett und lauter, studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften, er war einige Jahre am Politikinstitut Chatham House beschäftigt. Ein Kreativer und ein Geschäftsmann. Die Kombination funktioniert auch privat, die Männer sind seit fast acht Jahren ein Paar. "Oliver ist der Grund, warum ich zur Mode gekommen bin", sagt Thomas. "Ohne Thomas hätte ich mich nie selbstständig gemacht", sagt Oliver.

Sie haben rund neun Jahre in London gelebt, bevor sie Achtland gründeten - und dafür nach Berlin zogen. In London hätten sie ein bequemes Leben geführt, sagt Lühr. Aber sie wollten das Neue. Berlin ist vergleichsweise günstig und gilt für Nachwuchstalente als Versuchslabor und Sprungbrett. Tatsächlich kamen die Luxusentwürfe der Männer gut an. Die Chefin der deutschen "Vogue" nahm Lühr und Bentz in ein Mentorenprogramm auf. Die Presse jubelte. Doch es reichte nicht.

"Es geht darum, internationale Käufer zu erreichen", sagt Bentz. "Und die schauen nicht auf Berlin." Achtland macht noch keinen Profit, das ist drei Jahre nach der Gründung eines Modelabels nicht überraschend. Gegen allzu große Existenzsorgen hilft es, dass Bentz Mitgesellschafter im Unternehmen seiner Familie ist.

Aber natürlich ist es das Ziel, dass Achtland Gewinn macht. "Und wenn uns das gelingen soll, brauchen wir viele Kundinnen, auch aus Asien und den USA. Und die erreichen wir von London aus deutlich besser", sagt Bentz. In der Stadt würden Handel und Presse deutlich enger zusammenarbeiten, große Ketten wie Marks & Spencer und Topshop oder das Online-Luxusversandhaus Net-a-porter unterstützten die Fashion Week. "Es wäre schön, wenn auch in Deutschland die Industrie genauer hingucken würde, wie sie Talente fördern und in der Stadt halten kann", sagt Bentz.

Deutsche Designer in London

London ist für viele deutsche Designer ein Ziel. Markus Lupfer und die Felder-Zwillinge haben ihre Marken in der Stadt aufgebaut und sind geblieben. Kilian Kerner, eine feste Berliner Größe, zeigte im September 2013 in London seine Premium-Kollektion, es blieb beim einmaligen Ausflug: "Aus Werbesicht war die Show eine gute Investition", sagt er. Er werde künftig weiter Werbung in England machen, seine Entwürfe werden dort verkauft. Die Modenschauen würden aber erst einmal in Berlin stattfinden, sagt Kerner: "Dort muss sich die Marke festigen. Und dann sehen wir weiter."

Wieder Heimat

Für Achtland soll London keine Zwischenstation werden, sondern wieder Heimat. "Wer in London Erfolg haben will, muss hier leben und arbeiten", sagt Bentz. In den vergangenen vier Monaten haben Bentz und Lühr an der neuen Kollektion gearbeitet. Als Inspiration dienten Arbeiten des Bildhauers Antony Gormley, in denen er aus einfachen Strichen menschliche Körper nachgestellt hat. "Diese Körperlichkeit wollten wir mit unserem typischen Blumenmuster in Verbindung bringen", sagt Lühr. Sein Lieblingsteil ist ein korallenfarbiger sportlicher Pullover, auf dessen Vorderseite dank weißen Stickereien und schwarzen Stabperlen eine großes Blumenmotiv prangt.

Mitte Oktober haben die beiden sich eine Woche Urlaub an der Küste in Norfolk gegönnt, "durchatmen und ins Weite starren", sagt Bentz. Dann werden sie der Presse ihre neue Kollektion präsentieren - in Paris und London war es schon soweit, New York soll folgen. Und Berlin. "Deutschland ist immer noch ein Stück Zuhause", sagt Lühr. "Wir drehen der Stadt nicht den Rücken zu."