Modemmesse in Florenz: Schirm, Charme und Hormone
Dandy-Schaulaufen in Florenz Mann, sehen wir gut aus
Ob der Herzog von Florenz besonders viel Wert auf sein Äußeres legte, wenn er im 16. Jahrhundert durch seine Festung Fortezza da Basso flanierte, ist nicht überliefert. Vermutlich war Alessandro de Medici, Spross einer der wohlhabendsten Familien des Landes, meist in edlem Tuch anzutreffen bei seinen Rundgängen durch die fünfeckige Anlage.
Der Stadtherr ist fast auf den Tag genau seit 480 Jahren tot, gemeuchelt von seinem Vetter Lorenzino. Doch in der Festung sind noch immer exklusiv gekleidete Herren anzutreffen. Zumindest zweimal im Jahr, denn dann findet die Pitti Immagine Uomo statt, eine wichtige Messe für Herrenmode in Europa - und ein Klassentreffen der "Pitti Peacocks" (dt. Pitti Pfauen).
Exaltierte Männer in feinstem Zwirn, die stundenlang wie zufällig für die Kameras posieren. Meistens mit gepflegtem Bart, gerne mit Zigarette und auf jeden Fall im vollen Ornat aus Maßanzug mit Hochwasserhose, geschneidertem Hemd, bunten Socken und auf Hochglanz poliertem Schuhwerk. Zur Grundausstattung gehören außerdem eine Sonnenbrille und, zumindest beim Termin in der ersten Jahreshälfte, Handschuhe. Hut und Handtasche werden ebenfalls gerne und stolz getragen.
Modemmesse in Florenz: Schirm, Charme und Hormone
Die Herrschaften kennt man auch von anderen Modeveranstaltungen. Und von Instagram. So geballt und geschniegelt wie in Florenz treten sie aber selten in Erscheinung.
Interessant für den Beobachter sind dabei nicht nur die sorgfältigst zusammengestellten Outfits, bei denen vermutlich sogar die Nähte der Unterwäsche farblich auf Einstecktuch und Krawatte abgestimmt sind.
Spannend ist auch die Frage, wie die eitlen Herren wohl ihren Lebens- und Kleiderunterhalt erwirtschaften. Hochbezahlte Modeblogger kennt die Welt wenige und der Blick in die Fachliteratur bringt nur bedingte Erkenntnis.
Mode aus dem Secondhand-Laden
In ihrem Buch "We Are Dandy" stellen die Fotografin Rose Callahan und der Autor Nathaniel Adams, selbst in der Welt der manierierten Männer zu Hause, 59 Prachtexemplare vor. Um die profane Frage des Broterwerbs geht es dabei in den seltensten Fällen. Das ist im Grunde keine Überraschung, schließlich ist Arbeit "für alle Dandys eher nachrangig und kein Lebenszweck", wie Adams bereits im Vorgänger "I am Dandy" erklärte.
Vielmehr wird bei der Lektüre klar, dass es oftmals kein großes Vermögen braucht, um sich zu kleiden wie ein englischer Lord von vorvorgestern. Im Gegenteil, manche der Herren sind in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und träumten genau deshalb davon, eines Tages die edelsten Schuhe im Block zu tragen. Dafür reicht oftmals schon ein gut sortierter Secondhandladen.
Vielleicht ist die Frage, wie sich die Oberliga der außergewöhnlichen Gentlemen finanziert, ohnehin vollkommen unnötig. Vielleicht sollte man einfach zusehen und staunen. Der Auftritt der "Pfauen" ist nämlich definitiv ein bemerkenswertes Schauspiel, ähnlich wie bei den "Sapeurs".
Wer übrigens selbst Lust hat, einmal mit durchgestrecktem Rücken in Florenz auf die Kamera eines Pressefotografen zu warten, dem sei ein Text des für gewöhnlich in diesen Dingen ungemein gut unterrichteten Jeroen Van Rooijen empfohlen. Der Kollege hat jüngst "eine kleine Betriebsanleitung zum maskulinen Schaulaufen der Eitelkeit" veröffentlicht.