Ottolinger: Ein textiles Plädoyer für Entschleunigung
Berliner Nachwuchslabel Ottolinger Ungewöhnlich schön
Ein Paar Nike-Schuhe nicht für die Füße, sondern zusammengepresst zu einem Trägertop, Blazer, die erinnern an Skulpturen: Gewöhnlich sehen die Entwürfe des Berliner Modelabels Ottolinger definitiv nicht aus. Das zeigte sich jüngst wieder während der Pariser Fashion Week. Normal sollen die Arbeiten der beiden Frauen hinter der Marke aber ohnehin nicht sein. Die Kleider von Christa Bösch und Cosima Gadient sind unkonventionell - abgespaced, aber nicht untragbar. Dieser Designansatz macht sie zu einem der aktuell spannendsten Nachwuchsteams der Modewelt.
Im Ottolinger-Kosmos dominieren Dekonstruktion, Metaebenen und Science-Fiction. Inspiration für die aktuelle Frühjahrskollektion lieferte die Kurzgeschichte "The New Year Train" von Hao Jingfang. Auf gerade einmal vier Seiten entfaltet sich darin ein Gespräch zwischen einem Reporter und einem Ingenieur, der durch Wurmlöcher reist und so das Raum-Zeit-Kontinuum aushebelt. Die Erzählung mündet in der Frage, warum wir es immer alle so eilig haben, die Ziellinie des Lebens zu erreichen.
"Solche Geschichten passen sehr gut zu unserer Arbeitsweise", sagt Bösch. "Es gibt viele Parallelen zum richtigen Leben, aber sie sind anders verpackt und transformiert. Das spiegeln unsere Texturen und Formen wider."
Die Entwürfe für das kommende Frühjahr sehen tatsächlich ein wenig aus, wie durch ein Wurmloch gejagt: Die Knopfleiste eines Kleides driftet nach links, der Verschluss eines Rockes scheint einige Zentimeter zu weit rechts angesetzt. Stofffragmente verschmelzen zu Tops und Badeanzügen, zusammengehalten von Bänderkonstruktionen. An den Bändern baumeln Lippenstifte und Öle mit Hanf-Extrakt. Eine Kollektion samt passender Accessoires für eine dauergestresste Gesellschaft - eben alltägliche Garderobe, anders verpackt und transformiert.
Ottolinger: Ein textiles Plädoyer für Entschleunigung
Bösch und Gadient verschieben nicht nur Knöpfe, sondern auch Konventionen. Das scheinbar Unfertige ist gewollt: Statt glattgebügelter Kleidung zeigen sie den Arbeitsprozess. Dieser Grundgedanke prägt die Identität des Labels. Mal werden die Schaufenster einer Änderungsschneiderei zum Laufsteg, dann posieren skelettartige Cartoon-Figuren in einer Werbekampagne. Die Designerinnen experimentieren aus Prinzip.
So lässt sich vielleicht auch die Standortwahl für ihre Firma erklären: Nach dem gemeinsamen Designstudium in der Schweiz zog es sie 2015 nicht nach Mailand oder Paris, sondern nach Berlin. Eine ungewöhnliche Entscheidung für aufstrebende Modemacher. "Hier haben wir die Ruhe zum Arbeiten", erklärt Bösch. Entworfen wird in der deutschen Hauptstadt, aber gezeigt wird zweimal im Jahr in Paris. "Da ist die Messe, wo alle wichtigen Leute aus der ganzen Welt hinkommen. Der Spagat funktioniert ganz gut für uns."
Avantgarde trifft Kommerz
Ottolinger steht für progressive Mode, teilweise vielleicht sogar zu weit voraus gedacht. Vor einem Jahr entwarfen Bösch und Gadient noch so kompliziert, dass Wickelkleider samt Anleitung verkauft wurden. "Die haben wir diese Saison nicht mehr gemacht, weil es doch etwas zu viel verlangt war", sagt Gadient. Insgesamt ist eine Tendenz hin zu weniger verkopften Designs erkennbar. Seit der Gründung des Labels ist ihre Ästhetik ruhiger, fokussierter geworden. Avantgarde trifft Kommerz - die Kombination lässt Ottolinger in der eigentlich übersättigten Modebranche hervorstechen.
Eine ziemliche Leistung, gerade auf der elitären Pariser Modewoche. Dort dominieren Traditionsmarken wie Chanel und Dior. Den großen Namen setzen Bösch und Gadient Einfallsreichtum entgegen: Sie upcyceln Materialien, schneidern aus Restbeständen. Auffallen gelingt nur mit besonders radikalen oder eben besonders guten Ideen. Bereits nach der zweiten Show attestierte die US-amerikanische "Vogue" ihnen einen eindrucksvollen Start, der Luxuskonzern LVMH nominierte Ottolinger 2018 für seinen begehrten Nachwuchspreis.
Seitdem ist die Bekanntheit des Labels rasant gestiegen. Lange durchschnaufen können Bösch und Gadient trotz des Erfolges nicht. Ein, zwei Tage, das müsse reichen nach der Fashion Week, sagen die Designerinnen. "Meistens beginnt man mit der nächsten Kollektion schon, während man die letzte beendet. Es ist eine fortlaufende Geschichte", so Gadient. Auf die Show über das Relaxen folgt also Arbeit, kein Müßiggang. Anders geht es nicht. Es sei denn mit Zeitmaschine.