Paris - Musée des Arts décoratifs: Knöpfe als Modedetail - DER SPIEGEL
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Verschluss als Statussymbol "Frauen mit Knöpfen - radikal!"

Sie denken, Knöpfe sind egal? Sie irren. Manche sind teuer und prächtig wie Juwelen, sie dienen als Statussymbol oder politisches Statement. Männer tragen Knöpfe rechts, Frauen durften lange gar keine tragen. Warum das alles?
Von Eva Lindner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Gabet, warum ist ein Knopf ein Kunstwerk?

Gabet: In vielen Kulturen hat der Knopf die Standeszugehörigkeit seines Trägers symbolisiert, zum Beispiel im Mittelalter in China. Später wurde der Knopf auch zu einem Thema in der Kunst. Er steht beispielhaft dafür, wie man Kunst geschichtlich neu denken kann: Im Laufe der Zeit wurde viel mit Nähmaterial experimentiert. Neue Formen entstanden, sowohl aus ästhetischen als auch aus funktionalen Gründen.

SPIEGEL ONLINE: Wann entwickelte sich der Knopf zu einem wichtigen Detail modischer Ausstattung?

Gabet: Das 18. Jahrhundert spielt dabei eine wichtige Rolle. In Paris gab es damals viele Kooperationen im Kunsthandwerk, die versuchten, die Frage nach der Bedeutung des Knopfes zu beantworten. Aus dieser Zeit stammen fantastische Objekte: Sehr farbenfroh, aus wunderbarem Material wie Glas, Keramik oder Bronze. Sie sind wie Juwelen. Diamanten, die für sich stehen. Im 18. Jahrhundert waren Knöpfe ein Privileg für Männer. Erst in der Französischen Revolution, Ende des 18. Jahrhunderts, wurden sie auch an Damenkleidung genäht.

SPIEGEL ONLINE: War der Knopf ein modisches Symbol für die Emanzipation der Frauen?

Gabet: Als die Frauen der Revolution anfingen, Knöpfe zu tragen, war das sehr radikal. Der Knopf hatte damals noch keine Funktion, sondern war ein Symbol. In Revolutionen verändern sich Gesellschaften, auch Modedesigner setzen in diesen Zeiten deutlich ihre Ansichten durch. In der Mode des frühen 19. Jahrhunderts findet man deshalb häufig militärische Anspielungen an europäischer Damenbekleidung: viele Knöpfe und Kostümjacken.

SPIEGEL ONLINE: Welche Herausforderungen brachte die Industrielle Revolution, durch die Kleidungsstücke nicht mehr handgefertigt, sondern zur Massenware wurden?

Gabet: Das ist in der Tat ein wichtiger Moment in der Geschichte des Knopfes. Der künstlerische Ansatz wich der Massenproduktion. Aber es gab auch neue Einflüsse durch die Kolonialzeit, zum Beispiel aus Afrika. Aus dieser Zeit stammen Knöpfe, die aus Elfenbein sind. Im frühen 20. Jahrhundert, während des Art déco, kam eine neue Generation von Modedesignern und Künstlern auf, die viel Aufmerksamkeit in Details steckte. Diese Details sollten ihre Sicht auf die Kunst ausdrücken. Der Knopf wurde für Frauen zu einer Abbildungsfläche für Schönheit und verschwand nahezu von der Männerbekleidung. Modedesigner wie Elsa Schiaparelli luden in den Dreißigerjahren Künstler ein, Knöpfe zu entwerfen. Eines der besten Beispiele in der Ausstellung im Musée des Arts décoratifs ist ein Bronze-Knopf, den Alberto Giacometti für Schiaparelli geschaffen hat. Seine fließende Form zeigt die Verschmelzung von Kunst, Design und Mode.

SPIEGEL ONLINE: Welches ist der berühmteste Knopf der Ausstellung?

Gabet: Ich würde sagen, das ist ein Glas-Knopf von Elsa Schiaparelli mit ihrer Unterschrift. Ein Knopf ist häufig der Ort, an dem der Designer sein Werk unterzeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben viele große Modedesigner wie Dior, Yves Saint Laurent und Chanel den Knopf zwar als funktionales Detail, aber auch als Platz für die Unterschrift ihrer Modekunst genutzt.

SPIEGEL ONLINE: Christian Dior hat einmal gesagt, dass Knöpfe "helfen, dem Kleid seine wahre Bedeutung zu geben".

Gabet: Der Knopf ist eben in vielen Aspekten ein Knotenpunkt für die Modegeschichte mit sozialen, künstlerischen, geschlechtsspezifischen oder puren Design-Elementen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Knöpfe an Frauenhemden auf der linken Seite und an Männerhemden auf der rechten Seite angebracht?

Gabet: Das ist eine Kleiderordnung, die tief in unserer Geschichte verankert ist. Ein Erklärungsansatz ist, dass es im betuchteren Umfeld für Dienstmädchen einfacher war, ihre Herrinnen einzukleiden, wenn sie die Knöpfe mit ihrer rechten Hand, die Löcher mit der linken halten konnten. Bei Männern könnte es daran liegen, dass sie früher das Schwert auf der linken Seite getragen haben. Bei einer Linksknöpfung hätte es sich beim Herausziehen im Kleidungsstück verheddert. In anderen Ländern wie zum Beispiel Japan waren diese Gewohnheiten aber nie in der Kultur und der Modegeschichte festgeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Heute gibt es viele Arten, Kleidung zu schließen. Der Knopf hat mittlerweile Konkurrenz von Reiß- und Klettverschlüssen bekommen. Ist der Knopf vom Aussterben bedroht?

Gabet: Reiß- und Klettverschlüsse werden eher für gemütliche oder sportliche Outfits benutzt, klassische Kostüme hatten noch nie Reißverschlüsse. Allerdings gibt es natürlich keine große Knopfindustrie in Frankreich mehr wie früher. Designer wie Chanel und Dior schenken Knöpfen aber viel Aufmerksamkeit in ihren Kollektionen. Und sogar exzentrische, kreative Modedesigner wie Jean-Paul Gaultier und Martin Margiela nutzen Knöpfe in dem Design ihrer Kleider. Sie bleiben ein heißes Thema.


"Déboutonner la Mode", noch bis 19. Juli 2015, Musée des Arts Décoratifs , Paris