Stil-Klassiker: Handybild von Scorpions-Gitarrist Jabs "Sehr weibliche Rundungen"
Matthias Jabs: "Ich war noch nie so verliebt"
Foto: Anne BackhausMatthias Jabs, 59, ist seit 1978 Gitarist der deutschen Hard-Rock-Band "Scorpions". Seit 2008 betreibt er in München das Gitarren-Geschäft "MJ Guitars". Auf seinem Handy hat er 2243 Fotos gespeichert. "Die meisten mache ich aber inzwischen mit dem iPad, da ist die Kamera besser", sagt Jabs. Er hat zum Beispiel eine Sammlung von Urlaubsbildern. "Das macht mir immer gute Laune, die anzusehen. Hier zum Beispiel das, ein Pool direkt am Indischen Ozean." Sein Lieblingsbild ist allerdings ein anderes.the-scorpions.com: Offizielle Homepage der "Scorpions"
SPIEGEL ONLINE: Herr Jabs, welches Foto wollen Sie mir zeigen?
Jabs: Was hätten Sie denn gern?
SPIEGEL ONLINE: Ich möchte das Bild sehen, das Ihnen am meisten bedeutet.
Jabs: Das ist aber vielleicht langweilig.
SPIEGEL ONLINE: Zeigen Sie mal.
Jabs: Aber es ist eine Gitarre. Das kommt ja nicht wirklich überraschend.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist Ihnen das Foto denn wichtig?
Jabs: Eine Les Paul von 1958, ein magischer Jahrgang, eine reine Schönheit, die Stradivari unter den Elektrogitarren. In dieser Art wurden die nur zwischen 1958 und 1960 gebaut. Inzwischen ist sie die meistgesuchte Gitarre der Welt, hinter der sind alle her.
SPIEGEL ONLINE: Und die auf dem Bild gehört Ihnen?
Jabs: Oh ja. Und sie ist in einmaligem Zustand. Sie begleitet mich seit den späten Achtzigerjahren und inzwischen müsste man dafür wohl an die 350.000 Euro zahlen. Es gibt einen richtigen Owners Club: Die stolzen Besitzer der Gitarre kennen sich.
SPIEGEL ONLINE: Wer hat außer Ihnen eine?
Jabs: Zum Beispiel Jimmy Page von Led Zeppelin. Und Eric Clapton.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie an das Instrument gekommen?
Jabs: Wir waren damals in den späten Achtzigern auf US-Tour und spielten in Minneapolis, da bekam ich einen Tipp. So etwas steht ja in keinem Geschäft rum. Zuerst wurde mir die "Flying V" angeboten, von Pete Townshend von The Who. Ein Fehler von mir, sie nicht zu kaufen, die war damals echt günstig und ich hätte sie nehmen sollen. Jedenfalls kam das Angebot von dem Techniker von Townshend und Clapton. Und der kam dann ebenfalls mit der Burst um die Ecke.
SPIEGEL ONLINE: Burst?
Jabs: So wird die Gitarre genannt. Die Farbe heißt "Sunburst", kurz: Burst. Eine besondere Lackierung. Schauen Sie mal, wie die auf dem Korpus verläuft!
Gitarre von Matthias Jabs: Ich nenne sie "Leslie"
Foto: Matthias JabsSPIEGEL ONLINE: Was dachten Sie, als Sie die Gitarre zum ersten Mal sahen?
Jabs: Das kann ich kaum erklären. Sie hat mich umgehauen. Mich hat die Optik völlig fertiggemacht. Diese Form... der Hammer! Eine amtliche Taille, sehr weibliche Rundungen.
SPIEGEL ONLINE: Sie klingen verliebt.
Jabs: Das ist auch so. Ich habe mich schon öfter in eine Gitarre verknallt, aber in keine so wie die. Ich nenne sie "Leslie". Ein sensationelles Gefühl. Ich habe sie gesehen, gekauft und sofort mitgenommen. Früher musste man bei solchen Ausgaben immer zum Tourmanager. Michael war der mit dem Bargeld. Ich konnte damals ja nicht mal eben mit der EC-Karte in den USA 5000 Dollar abheben.
SPIEGEL ONLINE: Also kam das öfter vor?
Jabs: Seit 1979 sind wir mit den Scorpions regelmäßig in den USA unterwegs, manchmal sechs Monate am Stück. Ich habe eigentlich immer, sobald es mal einen Tag frei gab, als erstes die Gelben Seiten aufgeschlagen und nach einem Gitarrenladen im Ort gesucht. Da bin ich dann hin und so haben sich über die Jahre knapp 400 Gitarren bei mir angesammelt.
SPIEGEL ONLINE: Suchten Sie mit System?
Jabs: Das war lange so, man braucht ja immer Gründe, die das Sammeln rechtfertigen. Erst habe ich nur Gitarren aus meinem Geburtsjahr 1955 gekauft. Irgendwann habe ich die Lackierung "Candy Apple Red" entdeckt, da stehe ich total drauf. Die sehen aus wie die Liebesäpfel auf dem Jahrmarkt. Das waren die nächsten, die ich haben wollte. Alle in dieser Farbe. Die erste habe ich 1984 in New York gekauft, eine Telecaster. Mit der habe ich den Anfang von "Wind of Change" gespielt.
SPIEGEL ONLINE: Sammeln Sie noch immer?
Jabs: Eigentlich nicht. Wenn man viel hat, ist irgendwann der Enthusiasmus weg.
SPIEGEL ONLINE: Es bringt Ihnen keinen Spaß mehr?
Jabs: Na ja, auf Tourneen spiele ich ohnehin nur noch Gitarren, die speziell für mich angefertigt sind. Von jeder gibt es zwei bis drei exakte Ersatz-Instrumente, falls mir während des Auftritts eine Saite reißt oder eine kaputtgeht. Hinter der Bühne warten locker 16 identische, unterschiedlich gestimmte Gitarren pro Konzert. Die hat man ja nicht alle lieb.
SPIEGEL ONLINE: Klingt einleuchtend.
Jabs: Dazu kommt unser Reisesystem. Wir nennen das A, B und C. Am 1. Mai reisen wir zum Beispiel nach China und nehmen die Anlage C mit. Wenn wir nach Russland fliegen, reist derweil C von China nach Korea, weil wir da im Juli spielen. In Russland, Tschechien und Polen benutzen wir deshalb Anlage A und so weiter. Das ist billiger, als immer mit dem gesamten Equipment zu reisen.
SPIEGEL ONLINE: Sie spielen zum ersten Mal in China.
Jabs: Ja, das ist spannend. Wir mussten gerade alle Songtexte des Programms nach China schicken. Wegen der Zensur und so. Mit Sex haben die hoffentlich kein Problem.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie nicht gerade auf Tour Ihr Lieblingsinstrument spielen?
Jabs: Eigentlich schon, ja. Andererseits: Das große Risiko möchte ich halt nicht mehr eingehen.
SPIEGEL ONLINE: Die Burst bleibt also daheim?
Jabs: An einem sicheren Ort. Sie begleitet mich nur noch ins Studio, da darf sie glänzen. Mit ihr zu reisen und aufzutreten, wäre einfach zu gefährlich. Auch wenn das schade ist. Eine Gitarre wird ja besser, wenn man sie viel spielt. Früher habe ich Leslie deshalb beim Soundcheck immer vor die Boxen gestellt. Damit wenigstens der Klangkörper beschallt wurde, wenn ich sie schon nicht live spielen konnte.
SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie sie?
Jabs: Immer. Es kribbelt in meinen Fingern, wenn sie nicht in der Nähe ist. Irgendwann bietet jemand eine Million dafür, da bin ich mir sicher. Aber die verkaufe ich nie.
Anne Backhaus, Jahrgang 1982, bekam die Idee für "Eins aus tausend", als sich auf ihrem Handy 3574 Fotos angesammelt hatten und sie aus Speichermangel löschen musste. Das ging viel leichter als befürchtet. Backhaus lebt in Hamburg, im Anschluss an ihr Volontariat bei SPIEGEL ONLINE arbeitete sie als Video-Reporterin für die Redaktion. Heute reist sie als Autorin und Filmemacherin um die ganze Welt. Von den Menschen, die sie unterwegs trifft, finden sich einige mit ihrer Foto-Geschichte hier wieder.