Die Dinge des Lebens Bikini und Kuchen
Marillenkuchen mit Sahne
Foto: Olyina V/ ShutterstockEs gibt keine Partys, keinen Sekt und kein Feuerwerk. Doch das Gefühl, "ein neues Jahr beginnt", ist am Anfang des Herbstes mindestens so ausgeprägt wie am 1. Januar. Der Jahreswechsel mitten im Jahr wird nämlich von wirklichen Wechseln begleitet. Während die Tage um Silvester meist durchgehend grau sind, aufgehellt nur von der übrig gebliebenen Weihnachtsbeleuchtung, werden nun die aller letzten Spätsommertage von einer spürbar früher einsetzenden Dämmerung abgelöst.
Die Bäume färben sich bunt, bald werden sie kahl. Der Alltag hat wieder Rhythmus und Struktur. Um kurz vor acht am Morgen sind die Schulkinder unterwegs, im Büro sind nun auch jene Kollegen aus dem Urlaub zurück, die in der Nachsaison unterwegs waren. Die luftigen Kleider hängen im Schrank wieder in zweiter Reihe, die Wollpullover liegen vorn. Mit dem Restschwung des Sommers werden gute Vorsätze gefasst: positiv bleiben, sich nicht verrückt machen lassen, das Sommergefühl in den Herbst retten.
Ausgabe 3/2019
Body Positivity
Wie sich unser Selbst- und Körperbild gewandelt hat
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Ein allerletzter Aperol Spritz für diese Saison, die Gedanken schweifen lassen, zum Beispiel daran, wie unbeschwert die Badetage am Wörthersee waren. Eine Reise dorthin ist immer wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Nicht nur wegen der Heimatfilmkulisse, auch wegen der völlig unaufgeregten Stimmung. Noch in diesem Jahrtausend konnte es einem dort passieren, dass man plötzlich Peter Alexander begegnete, vor der Auffahrt zu seiner Villa, mit seidenem Tuch um den Hals und tatsächlich genau wie Peter Alexander aussehend.
Um im blitzblauen See zu baden, geht man in eins der altmodischen Strandbäder. Das schönste liegt in Krumpendorf. Am Eingang steht ein kleines Holzhaus, jemand verlangt ein paar Euro Eintritt, oft sitzt aber auch niemand da, nichts wird hier besonders eng gesehen. Ein kurzer Kiesweg und dann breitet sich der grüne Rasen wie ein Teppich aus. An seiner Kante das Glitzerblau und ein paar Holzstege, die auf den See hinausreichen. Die wahren Strandbadprofis breiten ihre Handtücher auf einem der Stege aus, morgens zwischen neun und halb zehn. Dann treffen viele Damen mit Liegen und größeren Badetaschen ein, und einzelne Herren, die nur ein aufgerolltes Tuch unterm Arm tragen. Wer um diese Zeit kommt, geht erst mal schwimmen.
An heißen Tagen tragen fast alle Frauen einen Bikini, die dünneren und die dickeren, die vierzigjährigen und die achtzigjährigen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts demonstrieren will, sondern daher rührt, dass man zum Baden und Schwimmen im Hochsommer halt Bikini trägt, weil Badeanzüge unangenehm am Bauch kleben und weil man im Bikini auch besser sonnenbaden kann. "Sie haben aber schon eine schöne Farb'", sagt eine ältere Dame zu einer anderen älteren Dame.
Bin ich die Einzige, die es bemerkenswert findet, dass sich die Frauen und Männer hier völlig selbstverständlich so zeigen, wie sie sind? Ohne sich kunstvoll mit irgendwelchen luftigen Tüchern zu verhüllen oder mit stummem Stolz ein wenig angestrengt zu posieren? Womöglich liegt es am fortgeschrittenen Alter vieler Badegäste, womöglich wissen sie einfach, dass älter zu werden auch ein Privileg ist, dass sich ein Körper im Laufe des Lebens verändert. Jedenfalls entlarvt ein einzelner Besuch in diesem Bad den ganzen Körperkult unserer Gegenwart als grandiosen Firlefanz.
Gegenüber vom Steg gibt es übrigens ein Café, ungefähr um halb elf kommt der täglich frisch gebackene Marillenkuchen aus dem Ofen, er wird lauwarm und mit einer großen Portion Schlagobers serviert. Das könnte eine Anregung fürs neue Jahr sein, so ein Kuchen schmeckt auch an einem Vormittag im November.