Mensch und Natur Wir sind eins
"Die Natur" hat Konjunktur. Sie ist geradezu angesagt. Verlage, die Auflage machen wollen, drucken Autoren, die über Bäume und Blümchen schreiben - oder über Algen und Hirsche. Medienhäuser bringen Zeitschriften mit explizitem Natur-Fokus wie "Walden" oder "Wohllebens Welt" auf den Markt. In Universitäten werden Programme aufgezogen, bei denen die Natur im Fokus steht. Und Naturpädagogik, die "Bildung für nachhaltige Entwicklung", ist mittlerweile Mainstream. Die Berliner Buchhandlung "Zabriskie" verkauft ausschließlich Werke mit Naturbezug.
Nach Jahrzehnten der Skepsis gegenüber allem, was nach Naturnähe, Natürlichkeit oder gar Naturidyll klang, kann man daraus den Schluss ziehen: Die Natur lebt. Doch wenn wir uns in der Welt umschauen, sehen wir das Gegenteil: Die Natur stirbt einen dramatischen Tod. Um dieses Sterben zu erfassen, reichte Anfang des Jahres ein Blick auf die lodernden australischen Wälder. Oder im vorigen Sommer auf die seltsam saubere Autoscheibe. In 100 Jahren, so jüngste Studien, könnten alle Insekten von unserem Planeten verschwunden sein.
Ohne Insekten gibt es keine Menschen. Die Kerbtiere sind das Papier, auf dem das Buch des Lebens geschrieben ist. Ihr Sterben lässt uns im Alltag spüren, dass die Bedrohung der Natur auch uns betrifft, seelisch wie körperlich. Die Natur rückt uns in dem Maße näher, wie sie real schwindet.
Wir erfassen: Die Wesen der Biosphäre, wir eingeschlossen, bilden mit den Ozeanen, der Atmosphäre und den Böden ein Gewebe, einen geteilten Atemraum. Wir sind das Leben, an dem alle teilhaben, aus dem alle schöpfen und dem alle etwas schuldig sind. Gemeinsam. Lange galt es als sentimental, so etwas laut zu sagen. Heute wirkt es offensichtlich.
Auch Bienen kennen Euphorie und Schwermut
Das hilft, den Boom des Lebendigen bei Buchautoren, Künstlern, Zeitschriftenmachern und Wissenschaftlern zu erklären. Hier lebt nicht die alte Idee einer menschenunabhängigen natürlichen Welt als mal harmonische, mal erbarmungslose Kulisse unseres Handelns auf. Vielmehr sind wir, fast ohne es zu merken, in einem neuen Weltbild angekommen. In diesem erkennen Menschen sich auch das Recht zu, für ihre Mitwesen Gefühle zu entwickeln. Darum wurde Peter Wohllebens Buch über die Gefühle der Bäume ein Bestseller. Es zeigt Natur nicht als technischen Schaltplan, sondern als geteilte Lebendigkeit, die mitzuerzeugen glücklich macht.
Selbst die Wissenschaft kommt heute mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass sich die anderen Wesen, Tiere oder Pflanzen weit weniger von uns unterscheiden als früher gedacht. Biologen protokollieren, dass Fruchtfliegen ein Leben lang an chronischen Schmerzen leiden, wenn sie in ihrer Jugend verletzt wurden. Forscher finden Euphorie und Schwermut bei Hummeln und Bienen. Sie weisen nach, dass Bäume fremder Arten einander ohne Gegenleistung Hilfe spenden. Sie werden Zeuge, wie Putzerfische sich selbst im Spiegel erkennen, also so etwas wie ein Ich-Bewusstsein offenbaren.
Womöglich ist es auch so: Im Angesicht der Katastrophe erscheint es absurd, länger auf der Etikette eines Zeitalters zu beharren, das mit der künstlichen Spaltung zwischen Mensch und der belebten Welt ein Desaster heraufbeschworen hat. Wer vielleicht für immer Abschied nimmt, sagt endlich die Wahrheit und zeigt seine Gefühle.
Diese Gefühle sind nicht einmal besonders kompliziert. Jedes Kind kennt sie, denn Kinder werden mit Neugier, Empathie und Begeisterung für andere Wesen geboren. Am ehesten könnte man unsere Empfindungen als Liebe bezeichnen: Es sind die Gefühle, die man hat, wenn man einer Familie angehört. Sie zeigen uns, was für uns richtig ist und für die anderen, damit Gemeinschaft möglich bleibt. Wenn wir an der Gegenwart anderer Wesen Freude haben, so sagen diese Gefühle, dann gebührt ihnen ein Platz in unserer Mitte.
Unser Schicksal ist an das aller Wesen gekettet
Wir lernen aus dem Sterben der Natur für das Leben. Wir sehen: Die Natur als das ganz Andere hat es nie gegeben. Es gibt immer nur Verwandtschaft mit anderem Leben. Auf die Natur zu zeigen, führt zu ihrer Abtrennung und damit zu ihrer Zerstörung. Die Verwandtschaft zu allem Leben und zu der Materie, aus der es hervorgeht, ist spürbar wie nie. Laden wir die Lebendigkeit der Natur ein, erfüllt sie uns. Verdrängen wir sie, gehen wir mit ihr unter. Unser Schicksal ist an das aller Wesen gekettet.
Auf diesen Ideen eine neue Welt zu bauen wäre tatsächlich radikal - so radikal, wie es die Wissenschaftler des internationalen Klimapanels in ihrem Bericht 2018 forderten. Fangen wir mit diesen Änderungen sofort an. Lassen wir unsere Gefühle für die Familie des Lebens zu. Heißen wir die nichtmenschlichen Akteure willkommen. Reden wir nicht mehr über "die Natur", sondern sprechen wir jedes Wesen als unser Gegenüber an. Wir sind ein Fleisch und Blut, eins mit den verkohlten Leierschwänzen im australischen Busch, mit den fragilen Prachtjungfern am austrocknenden Weiher im Brandenburgischen. Hören wir auf, "Natur" zu schützen wie einen unbequemen Besitzgegenstand. Beginnen wir mit der Arbeit an unserer Beziehung zur Lebendigkeit.