Wie die Modebranche nach neuen Materialien forscht Stoffwechsel
Zur Berlin Fashion Week im Januar holte die Designerin Marina Hoermanseder die Natur in den Betonbau "Neuzeit Ost". Die Österreicherin dekorierte die brutalistische frühere Lagerhalle zur Dschungellandschaft um und schickte Models in Grün mit Plateauschuhen über den Laufsteg. Die meisten Handys schnellten jedoch bei einem Look nach oben, der zu den Klängen des Musikmärchens "Peter und der Wolf" präsentiert wurde: Das Model trug Hoermanseders legendären Lederschnallen-Rock, dazu ein graues T-Shirt, und hielt ein Transparent mit der Aufschrift "My Skirt Is Made Out Of Pineapple" hoch. Fridays for Future auf dem Catwalk. Eine Demonstration gegen die Ressourcenverschwendung und Umweltsünden der Bekleidungsbranche.
"Der Ananasrock symbolisiert den Zeitgeist. Ich wollte damit zeigen, wie vielseitig und luxuriös nachhaltige Alternativen in der Mode heute sein können", sagte Hoermanseder nach der Show. Mit dem Auftritt schuf die Designerin ein Bild für die wohl wichtigste Bewegung in der Gegenwartsmode: die Materialrevolution.
Die Branche ist auf der Suche nach nachhaltigen Materialien, die synthetische Kunststoffe ersetzen. "Forschung und Entwicklung werden sich zunehmend auf die Materialwissenschaft konzentrieren und in großem Maßstab neue Fasern, Textilien, Finishes und andere Materialinnovationen nutzen", prophezeit der "State of Fashion 2020 Report", den der Branchendienst "The Business of Fashion" gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey herausgibt.
Angefangen hat die Revolte mit recycelten Materialien. Cyrill Gutsch gehört zu den Pionieren. Mit seiner Marke "Parley for the Oceans" vertreibt er seit Jahren Gewebe, für das Plastik verarbeitet wird, das aus dem Meer gefischt wurde. Doch selbst der Vorreiter aus Freiburg ist der Auffassung, dass die Verwendung von recyceltem Müll aus dem Ozean etwa für Adidas-Turnschuhe nur der erste Schritt sein könne: "Plastik ist der Fehler im System." Dieser Stoff, der wie kein anderer für unsere Wegwerfkultur steht, müsse letztlich verschwinden.
The New Black: Bluse von H&M aus der Conscious-Kollektion, für die 2,3 Kilo Orangenschalen verwertet wurden.
Foto: H&M
Das Problem: Kein Material lässt sich so günstig und einfach herstellen wie Kunststoff. Weltweit ist die Produktion erdölbasierter Synthetikfasern seit 2008 um mehr als zwei Drittel angestiegen auf zuletzt 72,2 Millionen Tonnen. Mit Recycling allein ist diesen Massen nicht beizukommen. "Das größte Problem liegt darin, dass die Kleidungsstoffe meist nicht sortenrein sind", erklärt Textilfachmann Andreas Engelhardt. Beliebte Mischfasern enthalten Elastan oder Polyester. Selbst Stoffe aus natürlichen Rohstoffen sind damit versetzt.
"Die Trennung und Umwandlung von Kleidungsstücken in Rohstoffe, aus denen brauchbare neue Garne für die Bekleidungsindustrie entstehen, ist bis heute mit immensem Energieaufwand verbunden", sagt Alexander Nolte. Der Berliner macht mit seiner NGO "Stop! Plastic Academy" auf die Probleme von Kunststoff und Mikroplastik aufmerksam. "Außerdem müssen vielen recycelten Kunstfasern jede Menge Neufasern beigemischt werden", so Nolte. "Ein sogenanntes Faser-zu-Faser-Recycling findet so gut wie gar nicht statt."
Ein Viertel des weltweiten Textilmülls wird weiterhin mit beträchtlichen Schäden für die Umwelt verbrannt, mehr als die Hälfte vergammelt auf Deponien. Und das dauert: Plastikfasern sind erst nach 450 Jahren verrottet.
Gib Gummi: Bestseller-Modell V-10 von Veja mit Sohle aus Amazonas-Kautschuk
Foto: Veja
Nolte, der auch das Label Langbrett betreibt, verwendet für Sneaker, Boots und Sandalen deshalb Naturprodukte wie Baumwolle, Kautschuk oder Leder. Beim Kauf erfährt der Kunde zudem, dass sein Neuerwerb nach dem Auftragen kein Abfall ist. Fast jeder bringt seine Schuhe irgendwann zurück zu Langbrett. Dort werden sie in ihre Einzelteile zerlegt und die Materialien wiederverwertet.
Die Visionäre der Branche experimentieren zunehmend mit neuen Rohstoffen aus der Natur und entwickeln umweltfreundliche Garne. Das Obermaterial der Sneaker des amerikanischen Erfolgslabels Allbirds etwa besteht aus Wolle und Eukalyptusfasern, die Einlagen werden aus Rizinussamen hergestellt. In den Sohlen werden Fasern verarbeitet, die auf Zuckerrohrbasis entstehen. Das Röhricht wird nachhaltig angebaut, bei der Herstellung des Endprodukts Sweetfoam wird mehr CO² verbraucht als produziert. Diese Materialinnovation bieten die Allbirds-Gründer Tim Brown und Joey Zwillinger auch anderen Marken als nachhaltige Lösung an. "Wir haben Anfragen von 100 Firmen, 20 davon werden das Material in diesem Jahr in ihre Produktion aufnehmen ", so Brown.
Das spanische Label Ecoalf hat jüngst mit einer Funktionsjacke auf der Basis von Kaffeesatz von sich reden gemacht. Die Faser neutralisiert Gerüche, trocknet schnell und bietet natürlichen Schutz vor UV-Strahlen. Auch Pangaia, ein englisches Fashion-Kollektiv aus Wissenschaftlern, Technologen und Designern, möchte die Zukunft der Mode mit innovativen Ideen bereichern. Der jüngste Coup: eine Faser auf Basis von Wildblumen, die als Daunenersatz für Winterjacken aus recyceltem Polyester dient. Die fein verzweigte Struktur der Pflanzenfasern hat sich als guter Wärmeschutz erwiesen.
Fruchtzwerg: Tasche aus Traubenextrakten aus der Conscious-Kollektion von H&M
Foto: H&M
Die Natur bietet jede Menge Ausgangsprodukte für neue Materialien: Kork, Rosen, Hanf oder Rizinus werden bereits zu Textilien, Yogamatten und sogar Brillen verarbeitet. All diese Innovationen - auch "man-made fibres " genannt - sind Kunstfasern auf Basis von natürlichen Rohstoffen. Reine Naturprodukte wie Baumwolle oder Leder, so die Kritiker, seien nicht unbedingt nachhaltig. Für den Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle etwa wird massenhaft Wasser benötigt, oftmals kommen Pestizide zum Einsatz. Und Leder ist letztlich ein Abfallprodukt der Fleischindustrie, eines der größten CO²-Produzenten. Zudem benötigt man zum Gerben viele Chemikalien.
Viele Kunden und Produzenten plädieren da lieber für die modifizierte Variante: "Man-made fibres sind für die Umwelt oft besser verträglich und können vor allem so produziert und verarbeitet werden, dass sie zu hundert Prozent abbau- oder recycelbar sind", sagt Andreas Röhrich, Direktor der Produktentwicklung und Textilbeschaffung bei Wolford. Der Strumpfhosenhersteller hat mit seiner Aurora-Linie aus Leggings und Tops erstmals Modestücke auf den Markt gebracht, die "Cradle to Cradle"-zertifiziert sind. Das heißt, sie sind Teil eines Stoffkreislaufs - der Gegenentwurf zum vorherrschenden linearen System, das die Umwelt schröpft.
Vier Jahre hat die Entwicklung gedauert, ein gutes Dutzend Unternehmen war daran beteiligt. Selbst die verwendeten Färbemittel mussten sich für den biologischen Kreislauf qualifizieren. Abgetragene Kleidungsstücke können zu Wolford zurückgebracht werden. Das Unternehmen lässt sie dann in industriellen Kompostieranlagen zu Humus oder Biogas verarbeiten. "Wir sind sehr stolz darauf, doch wir stehen erst am Anfang eines Weges", sagt Röhrich. Gerade einmal 35 000 Aurora-Stücke wurden im vergangenen Jahr verkauft.
Kreislauf: Leggings und Top aus der Aurora-Linie von Wolford sind vollständig wiederverwertbar
Foto: Wolford
Umweltschonende Materialien für die Herstellung von Textilien haben generell noch einen weiten Weg vor sich. "Die meisten Innovationen sind zwar positive Entwicklungen, decken aber nur kleine Mengen des globalen Bedarfs", bestätigt Materialexperte Engelhardt. Potenzial sieht er derzeit vor allem in Viskosefasern, die aus nachhaltiger Forstwirtschaft gewonnen werden. Die daraus entstehenden Stoffe - Lyocell/Tencel, Modal oder Lenpur - werden ohne Einsatz von Chemikalien hergestellt und sind vollständig abbaubar.
Neben Wolford gehört unter anderem auch der Moderiese H&M zu den Abnehmern. Trotzdem fällt die jährliche Produktion von sechs bis sieben Millionen Tonnen bislang bescheiden aus. Zurzeit sieht Röhrich keine ernst zu nehmende Ersatzfaser für Polyester, was vor allem daran liegt, dass die Herstellung innovativer Fasern noch sehr teuer ist.
Ein nachhaltiges Forstwirtschafts-Projekt im Amazonasgebiet konnte auch die beiden Gründer des Turnschuhlabels Veja, François-Ghislain Morillion und Sébastien Koop, überzeugen. Auf der Suche nach Lösungen, die Sneaker zu 100 Prozent nachhaltig machen, reisten die beiden ein Jahr lang durch große Produktionsländer der Modeindustrie: China, Südafrika, Indien und Brasilien. "Eine wirkliche Verbesserung konnten wir bei den meisten Ideen nicht feststellen, weder für die Bevölkerung noch für die Umwelt", erzählt Morillion. "Im Wesentlichen steckte dahinter bloß Marketing." Doch dann entdeckten sie in Brasilien Naturkautschuk, der dort wild wächst und nach einer jahrtausendealten Tradition von einheimischen Gummischneidern geerntet wird. Erhält man Tradition und Kautschukbäume, erhält man auch ein Stück des Regenwaldes. Seit 2004 hat Veja etwa 195 Tonnen Naturkautschuk geerntet und damit 120 000 Hektar Wald vor der Abholzung bewahrt. Zudem garantiert Veja den Gummischneidern faire Arbeitsbedingungen.
Ohne Zucker: Jacke des Modelabels Ecoalf aus Kaffeeresten und wiederverwertetem Kunststoff
Foto: Ecoalf
Bei der Herstellung macht Naturkautschuk allerdings nur einen geringen Teil des Materials eines Sneakers aus - etwa 25 Prozent der Sohle sind aus dem natürlichen Material gefertigt. Auch der Jacke von Ecoalf wird viel Plastik - wenn auch recyceltes - beigemischt, um den Kaffeesatz zu binden und daraus eine brauchbare Faser zu gewinnen. Und bei Allbirds sind die Schuhe trotz aller Anstrengungen noch nicht kompostierbar. "Die geschlossene Kreislaufwirtschaft ist eine komplexe Herausforderung, die wir angehen müssen", sagt Brown. "Noch arbeiten wir daran, unsere CO²-Emissionen bei der Herstellung auf null zu reduzieren."
Veja-Chef Morillion bestätigt, dass seine Marke vom geschlossenen Kreislauf noch weit entfernt ist. Unzählige Testphasen stehen bevor, neue Lieferanten müssen gefunden, Produzenten überzeugt und neue Herstellungswege aufgetan werden. Bestes Ergebnis bisher war ein Schuh aus Amazonaskautschuk und Kunstfasern auf Basis von Rizinusöl, Bananenöl und Reisabfällen, der etwa zur Hälfte nachhaltig hergestellt wird. Man arbeite gerade an einem plastikfreien Laufschuh und biete eine vegane Variante des Bestsellers V-10 an - statt aus Leder ist er aus einem Material gefertigt, das aus Maisabfällen gewonnen wird.
Kleine Schritte in Richtung nachhaltiger Kunstfasern macht auch H&M. So stellte die Fast-Fashion-Kette mit ihrer Conscious-Kollektion Stücke aus neuen Materialien vor: eine Tasche aus Traubenextrakten, eine vegane Lederjacke, für die Ananasblätter verwertet wurden, eine Bluse aus seidenähnlichem Material, das Orangenschalen enthält, und Badeschlappen aus Seealgen. Diese wurden Gewässern entnommen, die durch Algenblüte gefährdet sind. Der Haken: Die Endprodukte bestehen dennoch zum Großteil aus erdölbasierten Stoffen oder recyceltem Plastik. Auch H&M räumt ein, dass die neuen Materialien nur einen geringen Anteil an seiner Gesamtproduktion ausmachen.
Mit Zucker: Sneaker von Allbirds aus Woll-Pflanzengemisch, Sohle aus Rohrzucker und Schnürsenkel aus recyceltem Plastik
Foto: Allbirds
Anti-Plastik-Aktivist Nolte fordert, dass solche Stoffinnovationen sich nicht mit dem Siegel der Nachhaltigkeit schmücken dürften, solange sie nach Gebrauch weder zu Garnen weiterverarbeitet noch als Kompost verwertet werden können. Also alles nur Greenwashing? Oder ein nötiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einer besseren, weil umweltfreundlicheren Modezukunft?
Schnelle Erfolge, so viel ist klar, sind auf diesem Gebiet nicht zu erzielen. Das Londoner Unternehmen Ananas Anam etwa arbeitet bereits seit den Neunzigerjahren an einem Lederersatz, der ohne PVC auskommt. Das neue Material Piñatex basiert auf Ananasblättern und ist prinzipiell biologisch abbaubar. Um die Festigkeit eines Rocks von Hoermanseder oder einer Jacke für H&M zu erzielen, bedarf es noch einer Beschichtung, der Plastik beigemischt ist. An umweltverträglicheren Alternativen wird gearbeitet.
Allerdings: "Noch ist kein Ersatz für Plastik gefunden", sagt Parley-Chef Gutsch, vom Markt nehmen könne man das Material also nicht so einfach. Bis 2030 will er eine Lösung finden und experimentiert unter anderem mit Bananenschalen. Die Materialrevolution zieht sich hin. Bis dahin können wir nur auf Zwischenlösungen setzen und es halten wie François-Ghislain Morillion von Veja: "Es ist doch immer noch besser, ein Produkt zu kreieren, das erst zu einem kleinen Teil nachhaltig ist, als gar nicht mit der Entwicklung anzufangen."