Saarwein Aber bitte mit Säure
"Viele haben seit den Achtzigerjahren keinen Saarwein mehr probiert", lautet die simple These von Stephan Weber. Nur so könne diesen Vinophilen entgangen sein, dass der Qualitätsweinbau Einzug gehalten und die Gewächse von den Ufern des Moselzuflusses längst das Image "sweet and cheap" abgelegt hätten.
"Das wurde eben damals sehr nachgefragt, gerade auch von einigen Exportmärkten wie den USA oder Japan", erklärt der Jungwinzer, der mit seinem Bruder Michael drei Hektar Reben bewirtschaftet.
Auch Alexander Jelen, zuständig für den Vertrieb bei den Bischöflichen Weingütern Trier, macht das übertriebene Chaptalisieren, also das Aufzuckern des Mostes, das in den Achtzigern praktiziert worden sei, für den nach wie vor angeschlagenen Ruf der Region verantwortlich. Natürlich führt die Kellerei der Kirche etliche trockene Weißweine sowie etwas Spätburgunder in ihrem Sortiment. Allerdings finden sich auf der Weinkarte, wie auch bei den anderen Kellereien aus der Gegend, ebenfalls zahlreiche halbtrockene und fruchtsüße Weine.
Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass diese Weine chaptalisiert wurden, was bei den Prädikatsweinen wie Kabinett oder Spätlese ohnehin verboten ist. Dass ein gewisses Quantum an natürlicher Süße nicht zu Alkohol vergoren wird und als sogenannte Restsüße im Wein verbleibt, ist häufig eine bewusste Entscheidung des Kellermeisters, der die Gärung unterbricht.
Fordernde Weine trotz Restsüße
Aber warum tut man so etwas? Schließlich hält der Trend zu trockenen Weinen in der Breite noch immer an, und mancher Weintrinker probiert erst gar nicht die halbtrockenen Gewächse, die sich mittlerweile oft etwas schamhaft feinherb nennen - ein Begriff, der im Weinrecht gar nicht existiert.
"Saarweine sind nicht prädestiniert für zu wenig Restsüße, weil die Frucht sonst nicht rüberkommt", sagt Alexander Jelen. Außerdem wollten viele im Grunde ihres Herzens gar keine staubtrockenen Weine, auch wenn sie alles andere erst einmal rundheraus ablehnten. "Viele Winzer gehen daher bei den trockenen Weinen an die neun Gramm Restzucker heran", lautet seine Erfahrung.
Dabei spielt er auf die Regel an, dass trocken genannte Weine bis zu neun Gramm Restzucker pro Liter enthalten dürfen, vorausgesetzt der Gehalt an Säure schließt mit auf und liegt maximal zwei Gramm darunter. Bei den Saarweinen, in der Mehrzahl Rieslinge, ist die Säure außerdem strukturgebend: Kabinettweine etwa, die einen deutlicheren Zuckergehalt im Most aufweisen müssen und oft für etwas fülligere Weiße stehen, fallen in diesem Anbaugebiet durchaus fordernd aus. Die Säure sorgt aber auch für Frische und ermöglicht eine hervorragende Lagerfähigkeit.
"Moselweine sind runder", wagt Mona Loch, Geschäftsführerin bei der Kellerei Reichsgraf von Kesselstatt, einen Vergleich. Die Saar warte dagegen mit Feinmineralik und Frucht auf und liefere geradlinige und spritzigere Weine. "Saarweine kaufen eher die, die sich auskennen", glaubt sie angesichts der häufig etwas fordernderen Erzeugnisse. Loch hat einige Restsüße-Spezialitäten im Angebot, darunter eine Spätlese mit gerade einmal 7,5 Prozent Alkohol, aber einem würzig-rauchigen Aroma und Noten von süßlichem Gewürz am Gaumen sowie einem langen Nachhall. "So viel Aromatik bei so wenig Alkohol, das gibt es eigentlich nur an der Saar", sagt Loch.
Der teuerste Weißwein der Welt
Dass die Saar in den letzten Jahren nicht mehr allzu präsent in den Köpfen war, liegt vermutlich auch daran, dass seit nunmehr zehn Jahren die frühere Gebietsbezeichnung Mosel-Saar-Ruwer auf den Etiketten der Gebietsbezeichnung Mosel gewichen ist, auch wenn die Trauben von einem der kleineren Zuflüsse stammen. Das hat sicherlich die Werbung erleichtert und ist angesichts der Größenverhältnisse - an der Mosel wird eine zehnfach größere Rebfläche als an der Saar bewirtschaftet - auch nachvollziehbar. Gerecht wird es den Weinen aber nicht.
Die Saar ist kein anderer Stern, aber sie hat ihr eigenes Profil. Das beweist zum Beispiel Egon Müller, der mit seiner Familie eines der bekanntesten Weingüter an der Saar betreibt und dort die teuersten Weißweine der Welt anbaut. Seine Weine erzielen bei Auktionen bis zu fünfstellige Preise pro Flasche. Vermutlich deshalb hat sich Günther Jauch ausgerechnet in Kanzem eine Kellerei gekauft.
Die Welle möglichst säurearmer Weine flacht immer weiter ab, mehr Charakter ist angesagt. Noch gleicht die Frage "Ist der trocken?" zwar häufig einem Ausschlusskriterium. Doch das Bestehen auf ausschließlich trockenen Weinen weicht so langsam der Erkenntnis, dass ein paar zusätzliche Gramm Restzucker kein Verbrechen sind. Zumal viele Saarweine, die formal zu den halbtrockenen zählen, wegen der prägenden Säure alles andere als süß schmecken.
Probieren Sie es aus!
Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech .