Architektur für alle Die schönsten hässlichen Gebäude Deutschlands
Lichtkunstdenkmal Löffelfamilie, Leipzig
Foto: imagoDer Tag des offenen Denkmals findet jährlich im Herbst statt, dieses Jahr am 11. September (teilweise schon am 10). Tausende Denkmäler und Bauten in ganz Deutschland werden an diesem Tag geöffnet, Ausgrabungsstätten und Fachwerkhäuser, Burgen, Büroklötze, Kirchen und Pilgerstätten. Wir haben für Sie eine Vorauswahl getroffen. Wer mehr wissen will, liest unten weiter. Für die ganz Eiligen: Hier eine Galerie mit allen von uns empfohlenen Bauwerken:
Tag des offenen Denkmals: Hier lohnt ein Besuch
Grindelhochhäuser, Hamburg
Die deutsche Nachkriegsmoderne begann auf einer Hamburger Kriegsbrache: Mitten in Harvestehude, einem gutbürgerlichen Stadtteil Hamburgs, liegen die zwölf zwischen 1946 und 1956 nach den Wohnideen von Architekten wie Le Corbusier erbauten Grindelhochhäuser. Was zur Zeit der Erbauung als Luxus galt - etwa ein eigenes Bad - war bald eine Selbstverständlichkeit, und so verloren die Bauten zwischenzeitlich stark an Wertschätzung. Im Jahr 2000 wurden sie unter Denkmalschutz gestellt und alle Teile des Ensembles vorbildlich saniert. Heute sind Wohnungen in den Grindelhochhäusern begehrt.
Christuskirche, Bochum
Altarraum der Christuskirche in Bochum
Foto: Achim BednorzWas für Oberbayern die Barockkirchen sind, ist für Nordrheinwestfalen das Gotteshaus nachkriegsmoderner Prägung: Zahlreiche Kirchen können am Tag des offenen Denkmals besichtigt werden. Die Christuskirche in Bochum zählt zu den wichtigsten Nachkriegskirchen Europas: Das 1956 bis 1959 etwas abgerückt vom historischen Glockenturm neu errichtete Schiff stammt von Dieter Oesterlen, der nach dem Krieg für eine ganze Reihe Sakralbauten verantwortlich war. Das Besondere zeigt sich im Inneren: Kein Bild schmückt die Kirche, keine Reliquie, nur das große Kreuz - der Raum ist eindrucksvoll genug.
Ehemaliges Rotaprint-Fabrikgebäude, Berlin
Eines der markantesten Gebäude Berlins - und gleichzeitig eines, das aufgrund seiner recht abgeschiedenen Lage an einer ruhigen Wohnstraße selbst Architekturfreunden nicht immer ein Begriff ist. Die ehemalige Niederlassung des Druckmaschinenherstellers Rotaprint. Das Haus ist vor allem die Kombination zweier auf den ersten Blick wenig kongruenter Architekturstile: Während die Bürogebäude im Hof mit ihren leichten Glasfassaden an die Arbeiten der klassischen Moderne erinnern, entsteht ab 1958 an einer Ecke des Geländes ein unverputzter Betonbau, der gleichzeitig abweisend und mit seinem hervorstehenden Erker eigenartig freundlich wirkt.
Kulturkirche Liebfrauen, Duisburg
Decke der Liebfrauenkirche
Foto: Kulturkirche Liebfrauen/ Christian DiehlAchtung! Der Begriff "Brutalismus" lässt sich nicht von "brutal" ableiten, sondern aus dem Französischen: "Beton brut" ist roher Beton und eines der zentralen Wirkprinzipien des Architekturstils. Die anderen lauten: Erkennbarkeit der Konstruktion und formale Lesbarkeit des Grundrisses. Kurz gesagt: Keine Mätzchen, was bei der 1958 bis 1960 von Toni Hermanns errichteten Kulturkirche Liebfrauen den Blick auf die ungewöhnliche Front mit ihrem Sandsteinrelief und die Fenster lenkt: Die wurden wie auch einige andere Einrichtungsgegenstände aus der Vatikankirche der Brüsseler Weltausstellung 1958 entnommen.
Kino International, Berlin
Die Karl-Marx-Allee ist eine der architektonischen Herzkammern Berlins: Die in den Fünfzigerjahren errichteten Stalin-Bauten treffen auf die Laubenganghäuser Hans Scharouns, das Haus des Lehrers winkt mit Walter Womackas großem Wandmosaik. Beim Kino International, das im Rahmen des zweiten Bauabschnitts erbaut und 1962 von Walter Ulbricht eröffnet wurde, ist der Name Programm: Der Bau von Josef Kaiser und Heinz Aust hat mit dem etwas piefigen Zuckerbäckerstil der Stalinbauten nichts mehr zu tun, sondern sucht den Anschluss an die großen Architekten auch der westlichen Welt. Für die Einordnung in der sozialistischen Moderne sorgt das Wandrelief "Aus dem Leben heutiger Menschen".
Olympisches Dorf, München
Im Norden des Olympiaparks liegt der Beweis dafür, wie wunderbar wohnlich Beton sein kann: Das Olympische Dorf mag von Weitem wie eine triste Hochhaussiedlung wirken. Wer sich vom Park aus nähert, wird sehen, dass das nicht stimmt: Es finden sich auch Bungalows, Reihenhäuser und niedriggeschossige, terrassierte Wohnblocks, vor allem aber Mut zu Farbe in der Gestaltung und viel, viel Grün. Das für die Olympischen Sommerspiele 1972 als autofreie "Stadt in der Stadt" konzipierte Viertel beherbergt heute etwa 6100 Bewohner. Wer hier wohnt, möchte nicht mehr weg.
Steigenberger Hotel, Köln
Konferenzsaal im Steigenberger Hotel
Foto: Steigenberger HotelsOhne Theodor Kelter sähe Köln wohl anders aus. Der Architekt zeichnete sich mit seinem Büro für zahlreiche Bauten in der Kölner Innenstadt verantwortlich. Auch wenn die Schönheit seiner Bauten sich erst auf den zweiten Blick offenbaren mag: Das Steigenberger Hotel, das an der Stelle der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Oper errichtet wurde, gilt mit seiner sich an den Theorien Mies van der Rohe orientierenden Vorhangfassade als eines der wichtigsten Beispiele für die Arbeiten Kelters.
Ehemalige IBM-Hauptverwaltung, Stuttgart
Im Werk Egon Eiermanns nimmt die 1972 fertiggestellte ehemalige IBM-Zentrale allein aufgrund ihrer Größe eine Schlüsselstellung ein. Diese Größe ist heute ein Problem: Seit 2009 stehen die Gebäude, die abgeschieden im Wald bei Vaihingen liegen, leer, zeitweise wurde sogar über den Abriss diskutiert. Der angedachte Mix aus Wohnen, Arbeiten und Forschen in einem ganz neuen Stadtquartier rund um die ikonischen Bauten ist nicht mehr als eine Vision. Schon weil die Zukunft des aus vier Pavillons und einem Kantinenbau bestehenden Ensembles so unklar ist, lohnt der Besuch.
Lichtkunstdenkmal Löffelfamilie, Leipzig
Eineinhalb Stunden am Tag leuchtet die offenbar notorisch klamme Löffelfamilie - es sei denn, man ruft an oder schickt eine SMS: Für drei Euro kann man die 1973 am Firmensitz der VEB Feinkost Leipzig angebrachte Leuchtreklame erstrahlen lassen. 90 Sekunden löffeln die Werbefiguren dann Suppe, etwas abgehakt, aber durchaus einträchtig. Am Vorabend des Tags des offenen Denkmals findet unter der wohl bekanntesten Leuchtreklame der ehemaligen DDR ein Straßenfest statt.
Bürostadt Niederrad, Frankfurt
Olivetti-Hauptquartier
Foto: imago/ imagebrokerDie Idee einer Bürostadt im Grünen war Anfang der Sechzigerjahre neu. Die Defizite zeigten sich rasch: Während tagsüber die Angestellten großer Unternehmen wie Olivetti, der Bahn oder Hochtief in das Areal im Süden Frankfurts strömten, herrschte in den Straßen nachts gähnende Leere: Der letzte Bus zurück in die City fuhr um 19.30 Uhr. Seit 2010 werden Bürogebäude zu Wohnraum umgewidmet, dazu kommen Neubauten. Das architektonisch schönste Gebäude auf dem Gelände stammt von Egon Eiermann: Die Hauptverwaltung des Schreibmaschinenherstellers Olivetti wurde 1972 eröffnet und verströmt gerade im Vergleich mit ihren Nachbarn eine gewisse Heiterkeit.
Tag des offenen Denkmals: Hier lohnt ein Besuch
Tag des offenen Denkmals: Bundesweit am 11. September, zum Teil bereits am Vortag. Bei einigen Veranstaltungen ist eine Voranmeldung nötig. Das vollständige Programm ist erhältlich unter tag-des-offenen-denkmals.de .