Titus Schade "Allnacht": Geheimnisvoller Architekturkosmos - DER SPIEGEL
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Titus Schade: Hinter all diesen Mauern

Foto: Titus Schade/ VG Bild-Kunst, Bonn/ Foto: Uwe Walter

Bildband "Allnacht" Albtraumhäuser

Titus Schade schafft aus Häusern Bilderwelten, die mal an Filmkulissen, mal an düstere Träume erinnern - aber nie an Architektur. Mit "Allnacht" erscheint nun eine Auswahl seiner Arbeiten. Hier sind die besten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Recht früh in diesem Buch nimmt uns Titus Schade quasi mit ins Atelier. Er zeigt uns seine Regale. Etwa das "Regal Katastrophe", in dem eigenartig deformierte Häuser lagern, sie sehen aus, als hätte sie jemand mit dem Geländewagen überfahren, mit großen Gummihämmern bearbeitet oder mit starker Hand zerquetscht wie die Klassenrowdys früher ihre leeren Coladosen. Das zweite Regal nennt sich "Stadtrand", hier wirkt alles aufgeräumter. In den Fächern stehen Vorortwohnblocks, eine Kirche aus den Fünfzigerjahren - keck hebt sich das Dach gen Himmel, expressionistische Buntglasfenster -, Lagergebäude, ein Fachwerkhaus, an dem sogar noch die Kellerwanne hängt.

Die Regale sind keine echten Regale, es sind Bilder von Regalen, die interessant zweidimensional wirken, aber ein wichtiges Wirkprinzip der Schade'schen Arbeit begründen: Sie führen mit ihrem Setzkastenprinzip in das ein, was auf den folgenden Buchseiten passiert. Sie stellen quasi die Einzelteile bereit, aus denen die Kunst entsteht, die wir beim Weiterblättern sehen. Sie machen uns mit Schades Motiven bekannt, und diese Motive sind Häuser, vor allem jene, die sich in einem Spannungsfeld aus urbanem Raum und Land bewegen.

Titus Schades Buch erinnert an eine Zugfahrt quer durch die Republik. Mühlen, Kirchen, Wohnblocks, Fachwerkhäuser. Das Fachwerk ist für Schade wichtig. Es prägt nicht nur seine Kunst, sondern begegnet uns in "Allnacht" immer wieder auch als Ornament, das einzelne Teile des Buches voneinander abgrenzt.

Es ist offenbar eine Lust an der geometrischen Form, an der exakten Aufteilung von Flächen, die den 32-Jährigen antreibt. Der Leipziger, der bei Neo Rauch lernte und wie ebenjener seine Arbeitsräume auf dem Gelände der Leipziger Spinnerei hat, inszeniert diese Form häufig wie ein Bild in einem Bild. "Wäre es möglich, die Temperatur in Schades Bildräumen zu messen, sie wäre wohl nahe dem Nullpunkt", schreibt Kito Nedo in einem der kleinen Essays dieses Buches.

Nedo hat Recht, schon die Absenz von Mensch und Tier entzieht Schades Bildern jede Wärme. Häufig wirkt diese Leere sogar bedrohlich, etwa im 2014 entstandenen "Eisenstadt": Hier wird das Fachwerkhaus vom Eisblau vierer Monde beschienen, davor brennen Lagerfeuer, die nach rechts den Weg in einen Wald weisen, den man lieber nicht betreten möchte. An anderer Stelle wird tatsächliche Tristesse nachgezeichnet, etwa in "Luftbild" (2009). Wir sehen ein Doppelhaus, vermutlich Sechzigerjahre. Viele Verandaflächen, wie man eben seinerzeit baute, als man davon ausging, man könne sich nach dem Tagwerk angemessen ausruhen. Auf dem Bild sind diese Flächen verweist, alles erstickt in einem Schmutzgelb, als hätte jemand Sand übers Land gestreut.

Später werden die Bildmotive hingegen von allen Realitäten entkoppelt. Man sieht nur Fassaden, nur Formen. Fenster sind kleine, schwarze Höhlen. Berge, auf denen wuchtige Gemäuer stehen, erinnern an Etageren in Frühstückcafés. Manchmal rückt auch der Himmel in den Vordergrund, machen sich die Häuser klein, wirken sie wie Bunker.

Fiktion, die Realität atmet

Bisweilen begegnen einem die Bilder von Titus Schade in freier Wildbahn. Man steht dann vor einer Siedlung oder einem Ensemble von Häusern oder einer kleinen Stadt und wundert sich. Darüber, wie das alles so gar nicht zusammenpasst. Darüber, wie einzelne Elemente einer Stilepoche auf eine andere gepfropft werden. Der gnadenlose Alpinbrutalismus Schweizer Touristendörfer in seiner ständigen Unfertigkeit ist da zu nennen, wo ganze Berge für den Skisport zubetoniert und Betonbettenburgen eilig mit allerhand Kitschholz verschalt werden.

Vielleicht auch das Nikolaiviertel in Berlin, das aus Plattenbauten besteht, denen man in den vergangenen Jahren der DDR quasi falsche Schnurrbärte und allerhand Tand angeklebt hat, damit man das Fertighausige an ihnen nicht mehr erkennt. Oder bayerische Bauerdörfer, in denen das Streben nach handwerklicher Pracht längst Pragmatismus weichen musste, wo also neben dem geranienbehängten Bauernhaus der unverputzte Stall stinkt, der Silo aus Sichtbeton steht.

Titus Schade ist kein Chronist, kein Abbilder im klassischen Sinne, seine Kunst bleibt Fiktion. Aber diese Fiktion atmet stets Realität, das macht sie so wunderbar. Oder, um mit Schades Lehrer Neo Rauch zu sprechen: "Die Kategorie des Eigentümlichen im positiven Sinne gefüllt zu haben, können die Bilder des Titus Schade ohne Weiteres für sich in Anspruch nehmen."

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Kito Nedo, Leonie Pfennig, Neo Rauch, Marc Ries:
Titus Schade: Allnacht

Hatje Cantz Verlag; 120 Seiten; 39,8 Euro.

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