"Farbe des Jahres" 2018 Ausgerechnet Lila
Prince liebte Lila
Foto: Chris Pizzello / REUTERSAusgerechnet Ultra Violet. Diese Farbe hat das einflussreiche Farbenunternehmen Pantone als "Farbe des Jahres" für 2018 ausgerufen. Augerechnet, weil: Es gibt wohl kaum eine Farbfamilie, die historisch so viel Macht und Reichtum symbolisiert wie Lila. Und dabei früher zumindest entsetzlich stank: nach irgendwas "zwischen fauligen Meeresfrüchten und Knoblauch", schreibt Kassia St. Clair in ihrem Buch "Die Welt der Farben".
Im vergangenen Jahr kürte Pantone eine Art grelles Lindgrün, im Jahr davor einen Roséton und ein blasses Blau - und jedes Mal setzt das selbst ernannte "Farbeninstitut" damit die Industriemaschinerie in Gang: In allen kurzlebigen Designsparten, von der Inneneinrichtung bis zur Mode, entstehen Produkte in jenem fiktiv gesetzten "Farbstyle des Jahres". Über diese Marktreflexe mag man schimpfen. Doch die Kommerzialisierung von Farben ist ein alter, will sagen: schmutzbrauner, Hut, wie die Londoner Designjournalistin St. Clair in ihrem neuen spektralfarbenen Kompendium Ton für Ton aufs Prächtigste aufdröselt.
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17.10.2026 15.07 Uhr
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Heute wie damals galt das bewährte Prinzip: "Follow the Money". Gold als Königsfarbe ist offensichtlich - dass Lilatöne so kostbar waren, liegt schlicht an ihrer aufwendigen Mischung. Das Ultramarin gewann man aus Lapislazuli, das in Blöcken von einer einzigen Fundstelle in Afghanistan entlang der Seidenstraße auf Kamelen über Venedig nach Europa transportiert wurde. Und das dunkle Rot ist Tyrischer Purpur, gepresst aus den im Mittelmeer lebenden Purpurschnecken: Jede sonderte nur einen Tropfen ab.
Die Farbproduktion bis Mitte des 15. Jahrhunderts war so immens, schreibt St. Clair, dass die "vor Jahrtausenden weggeworfenen Muschelberge zu Landmarken entlang der östlichen Mittelmeerküste geworden sind". Daher auch der bestialische Geruchsmix (die Schneckenmilch riecht nach Knoblauch) - der Preis fürs Hochpreisige. Der Ton hatte so viel Prestige, dass sogar "königliche Geburtsräume mit lilarötlichem und tyrischem Stoff geschmückt wurden": standesgemäße Atmosphäre für neue Königskinder.
Der Marktwert von Farben und somit ihr Ranking zu verschiedenen Zeiten zieht sich wie ein - sorry - Knietief-im-Dispo-roter Faden durch Kassia St. Clairs Lexikon. Als sie für ihre Doktorarbeit über Maskenballkostüme des 18. Jahrhunderts recherchierte, fielen ihr irgendwann die nuancierten Farbschattierungen auf. Bald war sie so fasziniert von all den kuriosen Namen und der Genese von Gerbmaterialien und Tönungen, dass sie eine Farbkolumne in der Zeitschrift "Elle Decoration" startete. Kleine Kostprobe aus dem vorrevolutionären Frankreich: Apfelgrün mit weißen Streifen war "Die muntere Schäferin", daneben gab es Farbtöne wie "Taktloses Klagen", "Von bestem Ruf", "Unterdrücktes Seufzen".
"Kaisergelb" und "Drachenblut"
Und so pickte sich St. Clair also 75 Nuancen der Spektralfarben heraus und ging mit grandioser Lust am Abseitigen ihren Geschichten nach. Neben Offensichtlichem wie "Kaisergelb" oder "Drachenblut" ist vor allem erhellend, wie präzise - und auch kryptische - Schattierungen existieren. Sonderlich geläufig sind sie jedenfalls nicht, diese Farbtöne zwischen Seladon (Grün), Heliotrop (Lila), Mumie (jepp: Braun), Obsidian (Schwarz), Koschenille (Rot), Gummigutta (Gelb), Minium (Orange), Isabellfarben (Weiß) und Flohfarben (Überraschung: Rosa).
Auch Letzteres übrigens eine Story über den Marktwert: Eigentlich wollte Louis XVI. nur das glänzende Taffetakleid aus aschigem Rosé beleidigen, das seine junge Gattin Marie Antoinette trug. Und ätzte, es sei "flohfarben". Das Ergebnis: Sie wandelte es in ein Must-have. Alsbald trug man bei Hofe sogar Schattierungen in "Flohrücken" und "Flohbauch".
Inzwischen sind es höchstens Modekönige, die Farbtrends begründen - oder eben Unternehmen wie Pantone: 2018 wird also Lila überall zu finden sein. Im Pantone-Shop gibt es von der Kaffeemaschine bis zum Wanderrucksack alles in der Farbe. Wie sehr sich die Menschen hierzulande für die Farbe begeistern, wird sich zeigen. Bei Umfragen in Deutschland landet Lila regelmäßig auf den hinteren Plätzen, vor allem bei Männern ist es unbeliebt. Schon Goethe fand, die Farbe sei "ohne Fröhlichkeit". Immerhin ist sie inzwischen erschwinglich und stinkt nicht mehr nach fauligen Meeresfrüchten und Knoblauch.