Umfunktionierte Kirchen Heiliges Bettgemach
Im Dorf Cold Hanworth, im Osten Großbritanniens zwischen Sheffield und der Nordseeküste, steht eine Kirche zum Verkauf. Hier soll niemand mehr beten, hier soll jemand einziehen.
Die Kirche wurde in ein Wohnhaus umgebaut, und die Bewohner können sich nun dort, wo früher die Kirchenglocken läuteten, ins Bett legen oder da, wo einst der Altar stand, Geschirr spülen. Umgeben sind sie dabei von Marmor und Engelsstatuen. Und wer draußen ums Haus läuft, könnte über einen alten Grabstein stolpern: Wo jetzt der Garten ist, war früher ein Friedhof.
Damit müssen die Interessenten schon klarkommen, wenn sie hier einziehen wollen. Für 450.000 Pfund steht ihnen immerhin ein Palast zur Verfügung - mit viktorianischen Fenstern in den schweren Gemäuern.
Auch in Deutschland und anderen Teilen Europas wurden bereits zahlreiche Kirchen umfunktioniert: Es werden Haare in früheren Kirchen geschnitten (Salon Hairdom), Betten gemacht (Hotel Martin's Patershof) oder Gerichte serviert (Restaurant Glück und Seligkeit).
"Am Anfang waren einige Bürger und die Kirche noch dagegen, das Gebäude in ein Restaurant umzuwandeln, aber die Alternative wäre gewesen, es abzureißen", sagt Tibet Akbas, Betriebsleiter des Restaurants in Bielefeld. Jetzt komme es in der Stadt ganz gut an: "Viele Gäste holen erst einmal ihr Smartphone heraus, um Fotos zu machen."
Das letzte Abendmahl war tabu
Akbas vergesse zwar manchmal, dass er in einer früheren Kirche arbeite, aber das Restaurant biete auch immer mal wieder Aktionen an, um die Architektur des Gebäudes hervorzuheben, dann gibt es etwa Dinner in einem besonderen Licht. "Vergangenes Silvester wollte ich ein Essen 'Das letzte Abendmahl' nennen. Aber meine Chefs haben mich gebremst, weil sie meinten, das sei Gotteslästerung", sagt Akbas. Die Chefs würden besonders darauf achten, dem Haus seine Würde zu lassen. "Der Altarbereich ist uns heilig", sagt Akbas. "Dort haben wir eine Lounge eingerichtet."
Stijn Beschuyt, Manager in Martin's Patershof in Belgien, sagt, die Betreiber freuten sich darüber, der Kirche eine neue Bestimmung geben zu können. "Das Gebäude wurde entweiht und der Altar entfernt." Allerdings kann die neue Inneneinrichtung des Gebäudes auch wieder komplett herausgenommen werden - so kann das Haus in eine Kirche zurückverwandelt werden, wenn Bedarf besteht. "Das war die einzige Vorgabe gewesen, die die Kirche an die Umfunktionierung gestellt habe", sagt Beschuyt.
Die Gäste kämen mitunter, weil sie einmal in einer Kirche übernachten wollten. Auf dem Reiseportal Trip Advisor schreiben sie dann Sätze wie: "Frühstücken im alten Kirchensaal. Mal was anderes" oder: "In der Kirche essen, baden, schlafen; originelle Idee. Säulen, Fenster und auch die Aufteilung der Räumlichkeiten lassen den ursprünglichen Zweck des Gebäudes nicht vergessen, ohne dass beengende Klosteratmosphäre aufkäme."
Kirchengebäude werden verkauft und umfunktioniert, weil den Kirchen die Mitglieder davonlaufen. In den vergangenen zehn Jahren sind fast fünf Millionen aus der evangelischen und der katholischen Kirche ausgetreten. Viele Christen finden die Institution altmodisch, können sich nicht mehr mit den Werten identifizieren, sind erschüttert von Figuren wie Franz-Peter Tebartz-van Elst.
Außerdem wurde der Einzug der Kirchensteuer verändert. Banken und Sparkassen ziehen die Kirchensteuer seit diesem Jahr nun automatisch auch von Kapitalerträgen ab, also von Zinsen und Dividenden. Bislang mussten die Kirchenmitglieder diese Erträge selbst in der Steuererklärung angeben - als Teil der Einkommensteuer.
Die Supermarktkette Tesco in einer ehemaligen Kirche
Weil die Kirchen also immer weniger Einnahmen haben, versuchen sie, Kosten zu sparen, etwa indem sie Kirchengebäude verkaufen und damit auch nicht mehr für deren Erhalt aufkommen müssen. Hunderte Gebäude werden in Deutschland mittlerweile nicht mehr für Gottesdienste genutzt und wurden bereits verkauft. Doch oft ist es gar nicht so leicht, Käufer für sie zu finden, weil viele von ihnen denkmalgeschützt sind und nur bedingt umgebaut werden dürfen.
Die Schönheit der Gebäude bleibt so zwar erhalten, allerdings gibt es mittlerweile schon die seltsamsten Umfunktionierungen: In England hat sich die Supermarktkette Tesco in einer alten Kirche niedergelassen. In den Niederlanden ist ein Buchladen in ein Gotteshaus eingezogen. In dem kleinen Ort Milow in Brandenburg dient eine frühere Kirche als Sparkasse.
Und in Mönchengladbach wurde eine Kirche in eine Kletterhalle umgewandelt, an deren Wänden nun bunte Tritte und Haltegriffe angebracht sind. Ob das gut bei den Kletterern ankommt? Auf Twitter sind die Meinungen unterschiedlich: "Es gibt schlimmere Dinge, in die man eine Kirche verwandeln kann", schreibt jemand. "Eindrucksvoll", ein anderer.
Vielleicht ist es aber keine schlechte Idee, eine Kirche in eine Kletterhalle umzuwandeln, denn wer weiß, vielleicht schauen die Schutzengel nun ein bisschen genauer hin, wenn jemand abrutscht und nach unten fällt.