Vitra Design Museum eröffnet Schaudepot - DER SPIEGEL
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Vitra Schaudepot: Mekka für Design-Liebhaber

Foto: Vitra Design Museum/ Julien Lanoo

Neues Design-Museum Das Superwohnzimmer

Sie sind Stars in ihrem Metier: das Architekten-Duo Herzog und de Meuron. In Weil am Rhein haben sie ein Designmuseum gebaut, das von drinnen genau so aufregend ist wie von draußen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf die Frage, wie er das neueste Bauwerk seines Unternehmens beschreiben würde, lacht Jacques Herzog kurz auf. Dann sagt der Architekt: "Von Weitem sieht es aus wie ein gewöhnliches Backsteinhaus. Ein Haus mit Satteldach und Türe - that's it. Wenn man näher kommt, wird man feststellen, dass es doch nicht so ganz gewöhnlich ist. Es besitzt beinahe etwas Textiles. Wie Strickwerk. Es spricht die Sinne an." Später verwendet er den Begriff der "autorenlosen Architektur".

Autorenlose Architektur? Von Herzog & de Meuron, einem der führenden Architekturbüros der Welt?

Das ist gepflegtes Understatement. Ein paar Augenzwinkereien in der Ausführung mussten dann doch sein. Zum Beispiel die Ziegel, die gewissermaßen falsch herum gesetzt wurden, die Bruchkante nach außen. Unterm Dachfirst laufen sie in Zickzacklinie, ein bisschen wie bei einem Haus aus dem Baukasten.

Einen starken Ort bilden. Aber keine Faxen machen. Das sind die Anforderungen, die moderne Architektur erfüllen muss.

Auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein ist diese Regel von doppelter Bedeutung, immerhin haben für das Schweizer Möbelunternehmen in den letzten 25 Jahren Größen wie Zaha Hadid, Tadao Ando, Frank Gehry und Antonio Citterio gebaut. Da muss man als Architekt liefern.

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Möbel: Zehn Designklassiker - schön und bezahlbar

Foto: Deutsche Werkstätten Hellerau

Herzog & de Meuron haben geliefert. Ihr Schaudepot ist ein starker Ort. Wenn die Sonne scheint und man an einem der Cafétische auf dem ebenfalls geziegelten Vorplatz sitzt, ertrinkt man fast in diesem Ziegelrot. Ein schöner Gegensatz, weil im Hauptraum eine beinahe sakrale Ruhe herrscht. Weiße Wände. Hellgrauer Boden. Dazu Leuchtstoffröhren. Hier sprechen die Ausstellungsstücke.

Das älteste ist ein Windsor-Stuhl und stammt aus dem England des 18. Jahrhunderts. Das jüngste Modell ist gerade einmal ein Jahr alt und ein Aluminium-Möbel aus dem 3D-Drucker. Läuft man die Strecke zwischen diesen beiden Stücken ab, passiert man über 400 Objekte.

Einige davon kennt man, etwa den 1956 entworfenen, ikonischen Lounge Chair von Charles und Ray Eames, die Stahlrohrmöbel von Mies van der Rohe, Alvar Aaltos Schichtholzsessel für das Paimio Sanatorium in Finnland oder das Regal "Carlton" von Ettore Sottsass.

Zwischen all diesen Modellen, die längst zum Common Sense kontemporärer Gestaltung gehören, haben aber auch viele nicht so bekannte Möbelstücke Platz gefunden.

Keine Angst vor Reizüberflutung

Was interessant ist: Die Ausstellung hat keine Angst vor Reizüberflutung, sondern funktioniert gerade durch ebendiese: Wer den Blick durch den Raum wandern lässt, wird ständig neue Sichtachsen finden und ganz eigene Bezüge herstellen.

Es ist gewissermaßen das Gegenteil eines kuratierten Sehens und zeigt zweierlei: Zunächst einmal die Pluralität ästhetischer Vorstellungen. Was ist schön, was nicht? Muss ein Stuhl auf seine Essenz reduziert sein, seine Aufgabe? Darf Gestaltung Selbstzweck sein?

Ebenso wichtig sind technische und handwerkliche Aspekte. Wie gingen Designer mit neuen Materialien um? Wer führte Stahlrohr, Schichtholz, Fiberglas, Kunststoffe in das Werkstoffsortiment ein? Was blieb, was verschwand wieder?

Fragen, die in den vergangenen Jahren kaum ausführlich beantwortet wurden. Design als Disziplin der Kunstgeschichte ist gerade in Deutschland mit seiner Ingenieurstradition, in der Gebrauchsgegenstände vor allem funktionieren müssen, relativ neu. Das Vitra Design Museum leistet hier seit über 25 Jahren Arbeit: In Frank Gehrys Museumsbau wurden seit seiner Eröffnung 1989 über 50 Ausstellungen gezeigt.

Das Themenspektrum reichte dabei vom Bauhaus über Architektur und Popart bis zu Design in Afrika. Was fehlte, waren Räume für die eigentliche Sammlung, die Rolf Fehlbaum, der ehemalige Vorsitzende von Vitra, in den Sechzigerjahren initiiert hatte und schließlich an das Designmuseum übergab: Über 4000 Stücke umfasst sie heute. Während also hoch gelobte Wechselausstellungen mehr und mehr Besucher nach Weil am Rhein lockten, blieb eine der Herzkammern des gesamten Campus in Kellergeschossen verborgen.

"Wir konnten unser Museum mit den Wechselausstellungen in recht kurzer Zeit etablieren. Jetzt ist es Zeit, unsere Sammlung zu zeigen", sagt Mateo Kries, einer der beiden Museumsdirektoren. Auf eines legt er dabei Wert: "Wir nennen es bewusst nicht Dauerausstellung. Es ist ein Schaudepot in dem Sinne, dass ein Depot immer auch lebt. Es hat eine Fluktuation."

Nachlass von Charles und Ray Eames

Vor allem aber besitzt das Schaudepot zahlreiche offene Enden, an denen man als Besucher selbst ansetzen kann. So ist das tatsächliche Depot im Untergeschoss zumindest visuell erreichbar. Man kann durch große Fensterscheiben in den Nachlass von Charles und Ray Eames blicken, in die umfangreiche Lampensammlung oder die Abteilung für skandinavische Möbel.

Dazu kommt die Möglichkeit, den Restauratoren bei der Arbeit zuzusehen und eine große Materialsammlung: Verschiedene Kunststoffe, Leder, Fiberglas, nachhaltige Rohstoffe - all das lässt sich in Schubladen betrachten und zum Teil sogar haptisch wahrnehmen.

Durch das neue Schaudepot bekommt der Vitra Campus einen zweiten Eingang. Er wird noch stärker zum öffentlichen Ort, rückt näher an Weil am Rhein, aber auch an Basel heran. Und er soll weiter wachsen. Jacques Herzog wagt einen Blick in die Zukunft: "Vielleicht kommen mal ein kleines Hotel oder Ateliers für Architekturstudenten oder Designer dazu."

Kries schwebt eine Summer School vor. Junge Menschen auf dem Rasen zwischen den Gebäuden, diskutierende Kleingruppen von Studenten, Vorträge und Workshops, all das kann man sich gut vorstellen, schließlich ist es im Begriff des "Campus" enthalten. Als Motto würde ein Zitat von Charles Eames passen, dessen Arbeiten im Schaudepot eine so zentrale Position einnehmen: "Nehmt das ernst, was euch Freude bereitet."


Vitra Design Museum - Schaudepot. Eröffnung am 4. Juni, Öffnungszeiten täglich 10-18 Uhr. Website des Museums.