Wandteller: Die neue alte deutsche Heimeligkeit - DER SPIEGEL
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Schmuckteller: Vom Tisch an die Wand

Foto: Atomteller

Neue deutsche Heimeligkeit Der Wandteller ist zurück. Ja, echt.

Früher pure Angeberei, heute reine Ironie: Der Schmuckteller ist zurück, als Hipster-Tribut an die neue deutsche Gemütlichkeit. Ist das schlechter Geschmack? Nicht unbedingt!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Damit hat alles angefangen." Mia Grau holt einen dieser blau-weißen Zierteller aus dem Küchenschrank, die sonst gerne mal bei Großeltern an der Wand hängen. "Spiekeroog 1986" steht darauf, ein Andenken an die Zeit, als sie an der Nordseeküste und die Elbe entlang segelte.

An der Wand über dem Esstisch hängen 19 solche Teller, einer neben dem anderen. Landschaften in kobaltblauem Aquarell auf Porzellan, Blumenrand, unten eine Banderole mit Ortsnamen. Grau deutet auf einen mit einem kleinen Segelschiff, "Unterweser" steht in der Banderole, auf den Tellern daneben "Stade", "Brokdorf", "Brunsbüttel": alles Atomkraftwerke, an denen Grau damals vorbeisegelte.

Die Autorin und Regisseurin und ihr Partner Andree Weißert, ein Architekt, haben 2015 die ganze Serie auf den Markt gebracht: Atomteller . Für jedes deutsche Kraftwerk ein Motiv. "Sie sind die Erlaubnis, diesen Stil ironisch zu brechen", erklärt Weißert. Sie nennen es "Futurnostalgie", ein Andenken daran, dass Atomenergie bald der Vergangenheit angehören möge: "Auf Wandtellern wandelt sich das Bild eines AKW plötzlich zu etwas Neuem", erklärt Grau. "Die Silhouette, die Kuppel, der Kühlturm: Das hat etwas von einer Kathedrale."

Das Motiv mag ungewöhnlich sein, die Teller in der Vertikalen sind es längst nicht mehr: Geschirr hängt auf einmal dort, wo lange vor allem Drucke oder Fotografien die Wand schmückten - sofern sie nicht gleich ganz skandinavisch leer blieb. "Beim Dekorativen geht man derzeit hin zum Räumlichen", sagt Patricia Stahl, Leiterin des Hoechster Porzellanmuseums  und Mitglied im Arbeitskreis Keramikforschung. "Teller verbinden das Zwei- und Dreidimensionale."

Diese Tendenz beim Interior Design ist kaum zu übersehen: Neben Wandtellern tauchen auch Makramee-Teppiche wie aus den Siebzigern wieder auf, Leuchtschriftzüge oder Mobiles wie sie sich einst Alexander Calder ausdachte. Porzellanmarken wie Seletti, Fornsasetti oder Astier de Villatte setzen mit ihren Designs und Kooperationen mit Künstlern wie Maurizio Cattelan ganz konsequent darauf, dass ihre Teller nicht auf dem Tisch stehen, sondern die Wände dekorieren - ohne dass es trutschig wirkt. Egal ob es das pixelige Gesicht der Opernsängerin Lina Cavalieri auf Fornsasetti-Tellern ist, Cattelans Entwurf mit Messer, blutigem Herzen und Hufeisen, die zusammen "I love you" buchstabieren, Astier de Villattes Platten mit Totenköpfen, Pfeilen und kleinen Stühlen: garantiert nicht wie bei Oma.

Wie alt die ältesten Schmuckteller seien, lasse sich nicht sagen, so Patricia Stahl vom Porzellanmuseum, jedoch hätten sich verzierte Kacheln und dekorative Teller als Wandschmuck abgelöst. Sie schlägt einen Bogen vom maurischen Einfluss, der bis heute die Kacheltradition von der Türkei bis Portugal prägt, hin zu zarten Fayencen im 17. Jahrhundert. "Damals war in Europa chinesisches Porzellan so begehrt wie teuer, und Delfter Keramiker begannen, die Formen und Dekore zu imitieren."

Chinesische Glückssymbole wie Vögel wurden flugs zu reiner Deko. Europäische Motive hingegen waren weit mehr als Schmuck: Denn damals wanderte das Porzellan in den Salon zu den Büchern, wo alle Objekte von Vasen bis Globen dazu dienten, Wissen zu transportieren: "Man vermittelte große biblische Erzählungen und historische Mythen über Teller", erklärt Stahl. Wie stark dieser Bildungsimpuls war, schimmert noch in einer Ausgabe der "lllustrirten kunstgewerblichen Zeitschrift für Innen-Dekoration " von 1893 durch. Der Autor mutmaßt, dass die runden Medaillon-Fresken à la Raffael im Vatikan genauso eine Inspiration für die damalige Schmucktellermode "findiger Dekorateure" gewesen sein könnten wie die "übersichtliche und eigenartige Aufstellung der keramischen Sammlungen der Museen".

Dass Teller überhaupt vom Geschirr zum Deko-Objekt wurde, war also schon damals ein Akt der Abgrenzung: Porzellan war lange reinster Luxus. Man leistete sich ein paar besondere Einzelteile, mit opulenten Szenen, Sinnsprüchen, Silber- und Goldverzierungen - und alle, die vorbeikamen, sollten das sehen. Und das geht nun einmal nur in der Vertikalen, nicht gestapelt im Schrank. Der Schmuckteller "erhielt die Funktion als ein den standesgemäßen Wohlstand präsentierendes Schaustück", schreibt die Kunstwissenschaftlerin und Archäologin Christine Dippold in einem Aufsatz über Tafelgeschirr.

Als mit der Jahrhundertwende Steingutgeschirr massenkompatibel wurde, Porzellan billiger produziert werden konnte, "wurde der Schmuckteller kleiner, bürgerlicher", so Museumsleiterin Stahl. Er diente zunehmend als Andenken - bis heute legt etwa die Porzellanmanufaktur "Royal Copenhagen" einen jährlichen Sammelteller zu Weihnachten auf. Zu Kriegszeiten zierte den gerne auch mal ein Mädchen beim Holzsammeln im Wald.

Diese gewisse "Sehnsucht nach Heimeligkeit", die die Atomteller-Macher hinter dem unübersehbaren Interesse an Wandgeschirr vermuten, knöpft sich derzeit ein Künstler vor, der das Thema perfekt inszeniert: der Fotograf Jürgen Teller. In seiner Bonner Ausstellung ("Enjoy your Life ", bis 25. September) zeigt er seine Bilder, nomen est omen, auf Teller gedruckt. Unverkäuflich, versteht sich.

Für Grau und Weißert ist ihre AKW-Serie das genaue Gegenteil: "Wir wollen die Teller nicht auf einen Kunstsockel stellen. Jeder soll sie kaufen können", sagt Grau, ein Kraftwerk verschenke sie gar als Abschiedsgeschenk für Mitarbeiter. 39 Euro kostet ein AKW auf Porzellan. Man kann also auch einfach Kuchen auf Krümmel essen.

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