Zu Besuch bei Mathias Hahn: Teil 5 der Designer-Wohnserie - DER SPIEGEL
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Hausbesuch bei Mathias Hahn: Very british

Foto: Tina Hiller

Zu Hause bei Designer Mathias Hahn Warum hängt hier eigentlich eine Zwiebel?

Wie lässt es sich bei knappem Wohnraum luftig leben? Der deutsche Designer Mathias Hahn ist nach London ausgewandert. Bei unserem Besuch zeigt er, wie ein kleines Apartment zur großen Freiheit wird.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Zur Person
Foto: Tina Hillier

Mathias Hahn, Jahrgang 1977, studierte zunächst in Essen Industriedesign, für sein Masterstudium wechselte er auf das Royal College of Art in London. Danach gründete er mit weiteren Künstlern in der englischen Hauptstadt das bekannte OKAYstudio. 2010 wurde er unter die Finalisten für den German Design Prize in der Kategorie Newcomer gewählt, ein Jahr später wurde seine Jinn-Lampe mit dem Red Dot Award ausgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hahn, wie würden Sie Ihren Wohnstil beschreiben?

Hahn: Ich glaube, Räume sollten sich mit den Personen, die darin leben, entwickeln können. Persönlich heißt das für mich, sehr bewusst zu entscheiden, was ich über meine Türschwelle lasse und was nicht. Ich finde viele Dinge schön und faszinierend, muss sie deswegen aber nicht besitzen. Jeder Gegenstand, der mich hier umgibt, erzählt eine individuelle Geschichte oder ist mit Personen verknüpft. Das macht einen gestalteten Raum zu einem Zuhause.

SPIEGEL ONLINE: Welches ist Ihr liebstes Einrichtungsstück?

Hahn: Jedes Ding hier hat seine Berechtigung. Der kleine Schubladenkasten, auf dem die Stereoanlage steht, zum Beispiel . Den habe ich vor Jahren vor einem Juwelier auf der Bond Street gefunden. Erst war ich nicht sicher, ob ich ihn brauchen kann, nun nutze ich ihn fast täglich. Das erste Einrichtungsstück hier war übrigens die Zwiebel, die in der Küche hängt. Das ist angelehnt an das Janosch-Kinderbuch "Oh, wie schön ist Panama", in dem auch Dinge von der Decke baumeln. Wir haben uns einen Spaß daraus gemacht und hängen hier immer wechselnd das "Gemüse der Woche" auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Ihrer eigenen Stücke stehen in der Wohnung?

Hahn: Wenn ich Muster und Prototypen habe, nehme ich sie oft zum Testen mit nach Hause. So manches bleibt dann für längere Zeit. Wie ein Objekt wirklich funktioniert, merkt man oft erst im Alltag. Denken Sie an Besteck: Meist häufen sich da unterschiedliche Modelle an, und trotzdem hat man meist ein oder zwei Löffel, die man eher bereit ist abzuspülen, weil man sie lieber benutzt als die anderen. Warum das so ist, darüber macht man sich normalerweise keine Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Produkt kam der Durchbruch?

Hahn: Das war wohl mit meinen ersten Leuchten wie der Lantern für Ligne Roset und der Scantling für Marset. Sie transportieren meine Denkweise sehr gut und haben viel, was danach kam, in Bewegung gesetzt. Für mich ist grundlegend, dass die Dinge neben der reinen Form und dem Material auch eine Zeichensprache haben, die einfach gelesen werden kann. Das kleine Dimmrad an meiner Leuchte Jinn für Vertigo Bird zum Beispiel, die im Wohnzimmer neben den Gläsern steht. Die Funktion davon versteht der Betrachter sofort.

SPIEGEL ONLINE: Erinnerungsstücke horten - dafür oder dagegen?

Hahn: Ich habe diese Idee von Horten und Sammeln immer befremdlich gefunden. Ich reise viel, und es gibt so viele Dinge, die mir da durch die Hände gehen, die ich beobachte und wahrnehme. Wenn ich da jedes von diesen Dingen, die mich faszinieren, besitzen und in meine Höhle schleppen wollte, hätte ich schnell keinen Platz mehr. Eine Ausnahme gibt es: Gläser und Gefäße . Eine ganze Zeit lang habe ich mir eingeredet, dass ich mich rein beruflich dafür interessiere. Aber in Wirklichkeit habe ich ein echtes Faible dafür.

SPIEGEL ONLINE: Was gefällt Ihnen gar nicht in Ihrer Wohnung - und warum steht es trotzdem noch da?

Hahn: Der Esszimmertisch ist momentan ein Platzhalter aus meinem Studio. Das sind einfache Tischböcke mit einer Platte darauf, also im Grunde ein Nicht-Tisch.

SPIEGEL ONLINE: Woran darf man auf einem Flohmarkt auf keinen Fall vorbeilaufen?

Hahn: Ich lebe ja in London, hier ist die Flohmarktkultur sehr ausgeprägt. Die Leute lieben das, sie stellen sich in den Regen, um ihren alten Silberleuchter zu verkaufen. Die Art und Weise, wie man hier mit alten Dingen umgeht, ist auch eine andere, sie werden mehr gepflegt. Der Handel hier ist professioneller. Man findet schneller wirklich authentische Dinge, die dann aber auch nicht immer billig sind.

SPIEGEL ONLINE: Welche Tricks gibt es sonst noch für schmale Budgets?

Hahn: Gelassenheit und der Mut zur Lücke. Im Zweifel lieber eine Weile Leerstellen lassen, bevor man bei der Einrichtung Kompromisse eingeht. Die besten Lösungen sind nicht immer eine Frage des Budgets, man muss sich nur manchmal den Raum geben, danach zu suchen und bewusster zu entscheiden: "Was brauche ich wirklich?"

SPIEGEL ONLINE: Ikea - ja oder nein?

Hahn: Ich habe gerade erst einige Möbel für die PS-Serie von Ikea entworfen. Generell finde ich es wichtig, gute Entwürfe auch einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Design ist nicht zwangsläufig eine Frage des Preises. Die Herausforderung ist es, Dinge zu schaffen, die relevant für das alltägliche Leben sind und gleichzeitig materialgerecht und durchdacht.

SPIEGEL ONLINE: Und was geht gar nicht?

Hahn: Falsche Kompromisse. Ich tue mich schwer mit Wohnungen, in denen Dinge stehen, die einen reinen Repräsentationszweck erfüllen und nichts mit den Personen zu tun haben, die mit ihnen leben. Wir verbringen zu viel Zeit in unserem häuslichen Umfeld, als dass es uns egal sein könnte, was uns da umgibt.

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