Trennungskummer im Studium Ohne dich geht's mir besser
Hält diese Liebe ein Leben lang? Oder nur für sechs Semester? Die Hochschule ist der Platz, an dem die Geschlechter in ihren besten Jahren aufeinandertreffen. Die Umgebung ist neu, die Gesichter auch, und Partys locken mindestens an jedem zweiten Wochenende.
Gelegenheit macht Liebe, und wer sich nicht trifft, wird auch kein Paar. Ein Studium ist die perfekte Zeit zum Verlieben - aber was ist, wenn der eine studiert, der andere schon arbeitet? Oder wenn einer weit weg muss und der andere ihn nicht ziehen lassen will? So gut sich ein Studium zur Anbahnung eignet, so schnell kann es auch das Ende einer großen Liebe bedeuten.
Wenn dann alles aus ist, leidet mindestens einer Kummer. Drei Studenten erzählen aus Sicht des Verlassenen: von der Beziehung, von der Trennung, vom Überwinden und Loslassen. Davon, wie die Post-Beziehungs-Ära das Leben verändert.
Max - "Sie hatte wohl genug von meinem Klammern und Jammern"
Als Marie Schluss macht, entdeckt Max die Dinge, die ihn immer an ihr genervt haben. Gut für ihn - und großes Pech für seine nächste Liebe.
Als die Unstimmigkeiten im Liebesleben von Max, 23, und seiner Freundin Marie, 21, sich zur Krise auswachsen, sind sie schon drei Jahre zusammen. Er ist in Shanghai, sie in Passau. Er absolviert sein Pflichtpraktikum, sie studiert Staatswissenschaften. Max, damals Student der Betriebswirtschaftslehre, geht es nicht gut: Die Arbeit gefällt ihm nicht, er fühlt sich einsam.
Marie dagegen geht es blendend: Sie ist in einer neuen Stadt, lernt viele Leute kennen, geht feiern, engagiert sich an der Uni. Für sie fühlt sich alles aufregend und frei an. Doch Max konnte sich einfach nicht mit ihr freuen. "Je enthusiastischer sie sich in alles Neue stürzte, desto größer war die Angst, dass sie uns vergisst." Beim Telefonieren spricht er von den Wochenenden in München, von der gemeinsamen Zukunft. Marie interessiert vielmehr die Gegenwart. "Sie experimentierte so viel, wollte auch herausfinden, was sie im Leben nicht will", sagt Max, heute 28, im Rückblick. Er habe sich im Leben "irgendwie angekommen" gefühlt damals, wollte Struktur und Unaufgeregtheit.
Alles begann in der Schule, und früh glaubten beide: Das ist das große Ding. Für Marie ist Max der erste Freund, für ihn ist sie die erste Freundin, die ihm etwas bedeutet. Max sagt, ihre Liebe sei reif und tief für ihr Alter gewesen. Ihn fasziniert ihre Lebensfreude, Kritikfähigkeit und unstillbare Neugier. In inhaltlichen Dingen hätten sie immer gestritten. "Wir waren totale Gegenpole." Was sie vom Leben erwarteten, wovon sie träumten, klang ähnlich: zusammenziehen und Familie. Nur das Wann stimmte nicht überein. "Für mich hätte das sehr bald kommen können", sagt Max.
Max liest jetzt sogar morgens Zeitung
Nach dem Abi will sie nach Australien, an einer Schule unterrichten. Er sagt ihr, dass eine Fernbeziehung für ihn nicht funktionieren würde, und Marie lässt sich überreden und bleibt. Dann bricht er auf, für ein Semester, und ausgerechnet nach Australien. "Unfreiwillig; die Studienordnung wollte das", versucht Max noch heute zu erklären.
Marie fliegt ihm nach, für zwei Monate. Er zieht weiter nach Shanghai. Wenig später macht sie per Skype Schluss; nach fast drei Jahren Beziehung. "Sie hatte wohl genug von meinem Klammern und Jammern", sagt er. "Und dann war da noch ein anderer." Max ist unbeherrscht und fühlt sich verloren. Also liest er ihre E-Mails. Das Passwort hatte sie ihm anvertraut. "Ich wusste mir nicht anders zu helfen. Wir waren so weit voneinander entfernt."
Wieder in Deutschland, lebt er sein Leben anders. Motto: suchen, finden, testen. Weil er Marie nicht mehr hat, macht er sich Maries Lebensphilosophie zu eigen. Er tut Dinge, die sie mochte, und die er nur widerwillig akzeptierte oder zu denen er missmutig mittrotte: Theater, Oper, morgens Zeitung lesen - "sogar den Kulturteil". Er reist monatelang durch Südamerika, macht einen MBA in Südafrika und arbeitet in den USA, ohne dass ihm das die Studienordnung vorschreibt.
Von seiner nächsten Freundin nach Marie trennt er sich, weil sie ihm zu selbstlos ist. Ein Studium in ihrer Wunschstadt ließ sie sausen, weil sie bei Max in München bleiben wollte. Der Max von heute schüttelt den Kopf über den Max, der Marie am liebsten an sich ketten wollte: "Manchmal lohnt es sich abzuwägen, zwischen persönlichem und gemeinsamem Glück."
Melanie - "Dass der andere nicht aus dem Leben radiert wird, war klar"
Melanie und Paul sind seit 13 Jahren zusammen. Sie führen eine offene Beziehung, dann macht er Schluss - doch sie bleiben unzertrennlich.
Sie gelten als perfektes Paar, als Künstlerpärchen. Sie, die Dekorateurin mit blonden Locken und blauen Augen, er, der Geiger mit asiatischen Wurzeln. "Wenn sich Paul und Melanie mal trennen, glauben wir nicht mehr an die Liebe", sagen ihre Freunde und schwadronieren von Kindern. "Die haben sich unsere Zukunft mehr ausgemalt als wir", sagt Melanie.
Sie ist 17, er 18, als sie sich auf einer Party in Berlin treffen. Er lernt Krankenpfleger, sie Dekorateurin. Sie starten ihre Beziehung auf Augenhöhe. "Wir waren uns emotional sehr nahe, gleichzeitig hatte jeder viel Freiraum, um sich zu verwirklichen." Was Melanie an Paul schätzte: Er war "cholerisch und durchgeknallt, bedingungslos ehrlich und liebevoll, ein Chaot voller Lebenslust".
Er arbeitet im Krankenhaus, macht Musik und gibt Konzerte als Geiger. Mit Ende 20 genügt Melanie ihre Ausbildung nicht mehr, sie will studieren. "Für mich war klar, dass da noch mehr kommen muss." Sie bewirbt sich für Architektur, wird angenommen. "Der Anfang vom Ende", sagt Melanie. "Ich an der Uni, er nicht. Da hat er sich unterlegen gefühlt."
"Was wir jetzt haben, ist viel größer"
Bald sagt Paul: "Ohne dich geht's mir besser." Noch drei Monate leben sie in der gemeinsamen Wohnung, schlafen weiter nebeneinander ein, wachen zusammen auf und weinen viel. "Dass der andere nicht aus dem Leben des anderen radiert wird, war klar."
Sie zieht aus, probiert neue Männer aus - wobei das auch während der Beziehung nie ein Problem war, sagen beide. Sie führten sie offen. "Das eine ist Sport, das andere Liebe." Eifersüchtig oder verletzt seien sie nie gewesen, sagt Melanie.
Heute sind beide neu vergeben. Trotzdem telefonieren sie oft, sehen sich regelmäßig, übernachten beieinander. Gerne würden sich Melanie und Paul auch mal zu viert treffen, aber so locker wie sie sehen die neuen Partner das gute Verhältnis zu den Ex-Partnern nicht. Melanies letzte Beziehung ging deshalb in die Brüche. "Wer mich vor die Entscheidung 'Ich oder Paul' stellt, hat schon verloren. Er ist mein Ex und mein bester Freund und Bruder." Wenn Freunde fragen, warum sie es nicht noch einmal mit Paul versucht, antwortet Melanie: "Weil das, was wir jetzt haben, viel größer ist."
Marc - "Die waren einfach so tiefenentspannt und liebevoll"
Rainbow Gathering in Colorado: "Liebe, respektiere und ehre dich selbst"
Foto: Peter M. Fredin / APEmilia, 24, macht Schluss, und Marc, 22, ist klar: Ich muss mich verändern. Er sucht nach Sinn und findet ihn in einem Hippie-Camp. Er gewinnt Vertrauen und Kraft und schließlich sogar Emilia zurück.
Im Studium der Theaterwissenschaften in einer Stadt in Nordbayern lernt Marc Emilia kennen. Er fällt ihr auf, Marc fällt jedem auf. "Ich war unheimlich laut, aufgedreht, schrie buchstäblich nach Aufmerksamkeit." Er trinkt viel, boxt im Keller, hört nur noch Rock'n Roll, trägt schwarze Band-T-Shirts, lässt sich Piercings stechen, die Ohrläppchen weiten.
Viele nervte er, Emilia nicht. Marc hadert mit sich, mit seinem Traum vom Musikersein, ist oft schlecht gelaunt. "Ich habe mich und die Welt nicht geliebt." Er weiß wenig mit sich anzufangen, will immer bei Emilia sein. Die fühlt sich verantwortlich. Nach eineinhalb Jahren wird es Emilia zu viel: Das ständige um ihn Sorgen lässt ihr kein eigenes Leben mehr. "Ich musste sie gehen lassen", sagt Marc.
An dieser Stelle in seinem Leben denkt Marc um und fragt sich nach seinen Träumen. Ihm fallen ein: Natur, VW-Bus, Musik, Blumen, Harmonie und Freiheit. Im Internet stößt er auf eine Einladung zum "Rainbow Gathering" in der Slowakei, eine Mischung aus Vier-Wochen-Festival und Landkommune. "Ich wusste: Da musst du hin."
Hippie-Sätze werden wirklich gelebt
Mit Wanderrucksack, Gitarre und Zelt fährt er los - bis zu dieser Waldlichtung nahe Rimavská Sobotta im Süden der Slowakei. Als er ankommt, wird er umarmt, geküsst, bekommt warmen Kakao. "Ich dachte erst, die sind alle übelst breit", sagt er. "Aber viele hatten gar nichts geraucht. Die waren einfach so tiefenentspannt und liebevoll."
Er sieht viele nackte Menschen, die über Wiesen spazieren, im Kopfstand meditieren, ums Feuer sitzen. Marc tauscht seine Band-T-Shirts gegen bunte Leggings und Batik-T-Shirts, spielt Gitarre, singt alte Hippie-Lieder, isst vegan, spricht sich von seinen Sorgen frei.
Es gibt keine Strukturen, keine Hierarchien, kein Programm, keine Regeln im Regenbogen-Camp. Jeder tut, wozu er Lust hat und versucht, Liebe und Weltfrieden Wirklichkeit werden zu lassen. "Hier habe ich gemerkt, dass Hippie-Sätze tatsächlich geglaubt und gelebt werden und nicht bloß Gelaber sind." Sein wichtigster Satz, den er vom Rainbow Gathering mitbringt: "Liebe, respektiere und ehre dich selbst."
Zurück vom Selbstfindungstrip trifft er zu Hause auf seine alte Liebe: Emilia. Sie lernt ihn ganz neu kennen. Er lässt ihr jetzt Freiraum und macht sein eigenes Ding. Im Irish Pub spielt er für sie selbstgeschriebene Lieder, und ein halbes Jahr nach der Trennung sind sie wieder zusammen. Gemeinsam fahren sie zur Jahreswende zum "World Rainbow Gathering" in Mexiko.
Alle Namen der Partner geändert.
Erster Liebeskummer: "Das Gefühl quält mich wahnsinnig"
Ärger mit Lehrern oder Eltern? Herzschmerzen? Kummer?
Am Jugendtelefon des Vereins "Nummer gegen Kummer" beraten Jugendliche Jugendliche, immer Samstags von 14 bis 20 Uhr - anonym und kostenlos. mehr...