11. September Weg frei für Prozesswelle
New York - Manchmal sind die Formulierungen von Juristen verwirrend. Alvin Hellerstein, Bundesrichter in Manhattan, hat die Terrorattacken vom 11. September 2001 in seinem Urteilsspruch als "vorhersehbares Risiko" bezeichnet. Dieser Richterspruch kann vor allem für vier Unternehmen noch sehr unangenehme Folgen haben: Für die beiden Fluggesellschaften American Airlines und United Airlines, weil sie die Terroristen überhaupt an Bord gelassen haben. Für den Flugzeugbauer Boeing, weil die Türen vom Cockpit aus nicht gegen Terroristen abgeriegelt werden konnten. Für die Pächter und Eigentümer des World Trade Centers, weil ihre Evakuierungspläne nicht für einen solchen Terrorfall ausgelegt waren oder weil das Gebäude nicht sicher genug gebaut war.
Mit seinem Urteil hat es Richter Hellerstein den Betroffenen des 11. September ermöglicht, alle Unternehmen wegen Fahrlässigkeit zu verklagen, die an den schrecklichen Folgen der Terroranschläge etwas hätten ändern können. "Obwohl die Terrorakte natürlich schrecklich waren, kann ich nicht erkennen, warum die Beklagten von aller Verantwortung freigesprochen werden sollen", sagte der Richter. Mit seinem Urteil sind auch 80 Klagen vor Gericht zugelassen, die im Zusammenhang mit den Attentaten gegen Unternehmen eingereicht wurden.
Bisher hatten die betroffenen Unternehmen, die von den Terrorattacken größtenteils in eine tiefe Krise gestürzt wurden, auch noch aus einem anderen Grund gehofft, von Schadensersatzklagen verschont zu bleiben. Über einen Hilfsfonds sollten die Opfer und Hinterbliebenen des 11. September großzügig finanziell entschädigt werden - unter einer Bedingung: Sie verzichten auf alle weiteren Ansprüche gegen staatliche und private amerikanische Körperschaften. Bisher jedoch haben sich längst nicht alle Berechtigten bei dem Hilfsfonds gemeldet. Rund 1.700 Familien können laut "Forbes" noch bis 22. Dezember wählen, ob sie das Geld vom Fonds nehmen oder lieber vor Gericht ziehen. Angesichts der horrenden Schadenersatzsummen, die US-Unternehmen in der Vergangenheit wegen fehlender Sicherheitshinweise zahlen mussten, ist dies keineswegs eine leichte Entscheidung.