11 Wall Street Nebelkerzen statt Feuerwerk
Die amerikanische Wirtschaftselite benahm sich diese Woche wie Alan Greenspan. Lou Gerstner, Steve Jobs, Scott McNealy - sie alle drückten sich um Prognosen wie sonst nur der Chef der US-Notenbank.
Eigentlich sollte diese Woche die lang ersehnte Klarheit bringen. Wie geht es der US-Wirtschaft? Wann kommt der Aufschwung? Über die Hälfte der im Dow-Jones-Index gelisteten Unternehmen gab Quartalszahlen bekannt. Börsianer und Anleger hatten die Wende herbeigeredet, in ihrer Vorfreude bereits Dow Jones und Nasdaq nach oben gepusht. Jetzt mussten die Bosse nur noch bestätigen, dass das Geschäft in der zweiten Jahreshälfte anziehen werde.
Sie wurden bitter enttäuscht. Besonders der Technologiesektor, seit dem Nasdaq-Crash unter besonderer Beobachtung, wollte noch keine Entwarnung geben. Intel kündigte an, der Preiskrieg mit AMD werde sehr wahrscheinlich die Gewinnmargen in der zweiten Jahreshälfte beeinträchtigen. Apple deutete an, die zweite Hälfte könnte unter den Erwartungen bleiben. Es folgte Lou Gerstner mit dem dunklen Orakel, dass auch IBM nicht unverwundbar sei. Microsoft setzte noch eine ausgewachsene Gewinn- und Umsatzwarnung obendrauf.
Diese Fakten zusammengenommen scheinen ein klares Bild zu ergeben: Es geht weiter abwärts. Doch auch das wollte keiner gesagt haben. Stattdessen hieß es immer wieder: Die "Visibility" lasse Prognosen nicht zu.
"No Visibility" bleibt die am häufigsten gebrauchte Beschreibung des derzeitigen Zustandes. Dicke Wolken hängen weiterhin über der US-Wirtschaft, keiner traut sich vorherzusagen, wann sie sich wieder lichten. Die Softwarehersteller Sun und EMC weigerten sich rundheraus, eine Prognose für den Rest des Jahres abzugeben.
Zu allem Überfluss warf auch Alan Greenspan noch ein paar Nebelkerzen. In seiner gewohnt krausen Redeweise sagte er in seinem halbjährlichen Rechenschaftsbericht vor dem US-Kongress: "Wir sind nicht frei von dem Risiko, dass die wirtschaftliche Schwäche größer ist als bisher angenommen." Und um diese Aussage noch nichtiger zu machen, fügte er hinzu: "Es gibt erste Anzeichen, dass sich etwas von positiver Natur zu entwickeln scheint."
Auch Greenspan weiß also nicht, wie es weiter geht. Die US-Wirtschaft könnte sich zum Jahresende wieder erholen, sie könnte aber auch weiter abrutschen.
Die einzigen, die eine klare Meinung haben, sind wie immer die Analysten. Aber die haben ja auch nichts zu verlieren - schließlich können sie unbehelligt ihre Meinung jede Minute ändern. Die Analysten jedenfalls glauben laut der Konsensschätzung von Thomson Financial/First Call, dass die Gewinne im dritten Quartal noch einmal rückläufig sein werden, bevor sie sich im vierten Quartal erholen. Das allerdings sei erfahrungsgemäß viel zu optimistisch, meint Charles Hill, der Umfrageleiter bei Financial Thomson. Es sei vielmehr absehbar, dass sich die Gewinne bis zum Jahresende nicht mehr erholten.
Die Investoren sind nach der Zahlenflut genauso schlau wie vorher. Ihnen bleibt nur eine Gewissheit: Die Krise ist noch nicht überstanden. Doch nicht einmal diese traurige Erkenntnis scheint irgendjemanden aufzuregen. Die Kurse bewegten sich im Verlauf der Woche kaum. Der Dow schloss am Freitag auf dem Niveau von Montag, der Nasdaq-Composite verlor schlappe zwei Prozent.
Statt eines Feuerwerks richtungweisender Quartalszahlen also nur die gleiche alte Geschichte: Das Geschäft ist schwierig, Prognosen über die Besserung gibt es nicht. Doch die Börsenpsychologie verlangt einen gewissen Nervenkitzel. Darum werden die US-Anleger jetzt dem nächsten, alles verändernden Großereignis entgegenfiebern: Der Fed-Sitzung im August, wenn Greenspan vielleicht die siebte Zinssenkung in diesem Jahr bekannt gibt.