11 Wall Street Schuld sind nicht die Terroristen
New York - Für manche kommen Katastrophen offenbar gerade zur rechten Zeit. Da hat ein Unternehmer seine Firma tief in die Krise gewirtschaftet und überlegt krampfhaft, wie er Mitarbeiter entlassen kann. Die nächste Gewinnwarnung liegt schon ausformuliert auf dem Schreibtisch, er wartet nur noch auf einen günstigen Zeitpunkt, um sie seinen Aktionären unterzuschieben. Das dritte Quartal ist miserabel gelaufen, er weiß es.
Plötzlich entbrennt eine neue Weltkrise - und die Zurückhaltung ist dahin. Über Massenentlassungen beschwert sich niemand mehr. Im Gegenteil: Jeder zeigt vollstes Verständnis. Das schlechteste Quartal seit zehn Jahren? Ist doch klar, nach der brutalen Attacke.
Es steht völlig außer Zweifel, dass der Terroranschlag die US-Unternehmen hart getroffen hat. Auch haben Firmenchefs gerade garantiert nichts zu lachen. Aber es ist zu durchsichtig, wie viele den Terroranschlag dazu benutzen, von Management-Fehlern und anderen hausgemachten Problemen abzulenken. Vergessen ist die Rezession, auf einmal reden alle nur noch von dieser irrationalen externen Kraft, die die Nachfrage ausradiert hat.
Der Boom endete lang vor dem 11. September
Kodak beispielsweise hat seine Gewinnerwartungen für das dritte Quartal von 90 auf 65 Cents pro Aktie reduziert - wegen der Attacke, wie es heißt. Nur was hat Kodak damit zu tun? Die Auswirkung des Terroranschlags auf den Gewinn jedenfalls ist weit übertrieben.
Der 90er-Jahre-Boom hat lange vor dem 11. September geendet. Selbst die Flugzeugindustrie steckte bereits in einer tiefen Krise. Auf Grund der Rezession waren Geschäftsreisen stark zurückgegangen. Pilotenstreiks hatten die Personalkosten nach oben getrieben. Die US-Linie Midway hatte bereits Bankrott erklärt, Swissair und Sabena standen mit einem Rad im Grab, American Airlines senkte noch am 7. September die Erwartungen für das dritte Quartal. Entlassungen standen an.
Der Terroranschlag hat all das vernebelt. Auf einmal hat der Online-Buchhändler Amazon.com die perfekte Ausrede, wenn aus dem lang angekündigten ersten Profit im vierten Quartal 2001 wieder nichts werden sollte. Noch hat das Unternehmen nichts dergleichen verlauten lassen, aber wer wäre ernsthaft überrascht? Daimler-Partner Chrysler hat den Break-Even bereits verschoben.
Kreative Buchführung: So viele Terrorkosten
Vor diesem Hintergrund erscheint die jüngste Entscheidung des Financial Accounting Standards Boards (FASB) richtig. Der FASB legt die Bilanzierungsregeln für US-Unternehmen (GAAP) fest. Er hat entschieden, dass Verluste nach dem 11. September nicht als außergewöhnliche Kosten separat bilanziert werden dürfen. Stattdessen müssen sie voll vom Umsatz jedes Unternehmens abgezogen werden. Sie drücken so den Nettogewinn. Firmen hatten gefordert, dass sie die "Terrorkosten" separat ausweisen dürfen, um den Gewinneinbruch zumindest auf dem Papier zu vermeiden.
Zunächst erscheint die FASB-Entscheidung absurd, denn sie bedeutet: Unternehmen müssen jederzeit darauf gefasst sein, dass Flugzeuge ins World Trade Center fliegen und die Wirtschaft lahm legen. Es ist sozusagen ein Geschäftsrisiko. Viele Firmen, darunter die Fluggesellschaften, haben sich über diese Interpretation bereits beschwert: Was sind außergewöhnliche Kosten, wenn nicht diese?
Doch auf den zweiten Blick wird klar, warum der FASB so entschieden hat. Er fürchtete (zu Recht), dass die Unternehmen alle möglichen Kosten dem Terroranschlag zuschreiben würden. Damit würde die Bilanz eines Unternehmens mehr verfälscht, als wenn alle gleichermaßen unter dem Nachfrageeinbruch leiden.
Künstlich aufgeblähte Gewinne
Abgesehen davon ist es schlicht unmöglich, die wirklichen Terrorkosten zu identifizieren. Beispiel United Airlines: Repräsentieren die zwei abgestürzten Maschinen außergewöhnliche Kosten? Sind die Schadensersatzzahlungen an die Angehörigen außergewöhnlich? Die Extra-Kosten, weil die Flughäfen zwei Tage geschlossen waren? Die auf Grund der Flugangst geringeren zukünftigen Einnahmen? Es gibt keine befriedigende Antwort auf diese Fragen, schließlich ist Luftfahrt auch ein Risikogeschäft. Deshalb blieb dem FASB nichts anderes übrig, als den Terror als normalen Faktor im alltäglichen Geschäftsleben zu begreifen.
Das wird natürlich keine Firma daran hindern, in Pressemitteilungen die Terrorkosten auszugliedern und künstlich aufgeblähte Pro-Forma-Gewinne zu vermelden. Besonders Internetfirmen praktizieren die Kunst der Pro-Forma-Gewinne seit Jahren. Man darf gespannt sein, wie kreativ die Erklärungen zum dritten Quartal ausfallen.