11 Wall Street: Telekom – reif fürs Revival? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

11 Wall Street Telekom – reif fürs Revival?

Telekommunikation ist nach der Attacke auf das World Trade Center plötzlich wieder in aller Munde. Doch die Anleger sollten sich nicht täuschen lassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Haben Sie es auch schon gelesen? Niemand wird mehr zu Meetings fliegen, stattdessen werden nur noch Videokonferenzen abgehalten. Auch der letzte Handy-Gegner wird sich jetzt eins kaufen - schließlich sind die Dinger ja in manchen Situationen doch sehr nützlich. Unternehmen werden ihre Kommunikationsnetze von Grund auf renovieren. Alles wird dezentralisiert, Mitarbeiter werden aus Sicherheitsgründen zunehmend von zuhause arbeiten. Nicht zuletzt wird ein guter Teil des 40-Milliarden-Dollar-Notpakets der Regierung in die Reparatur der zerstörten Infrastruktur fließen. Kurz: Der kriselnde Telekom-Sektor bekommt in der Nach-Terror-Welt eine zweite Chance.

Schöne Szenarien, und nicht alle sind von der Hand zu weisen. Die Nachfrage nach Videokonferenz-Hardware und -Software hat tatsächlich bereits angezogen, berichtet das "Wall Street Journal". Ebenso prognostizieren Analysten einen Nachfrageanstieg nach Breitband-Leitungen und Handys. Zudem profitieren besonders die europäischen Telekom-Firmen, die von UMTS-Schuldenbergen erdrückt werden, von den Zinssenkungen der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank (EZB).

Doch die Anleger sollten nicht vergessen, dass es sich bei Telefongesellschaften und Telekom-Ausrüstern um die gleichen Firmen handelt, die auch nach Massenentlassungen immer noch zu viel Kapazität aufweisen. Die Nachfrage ist eingebrochen. Der Shake-Out in dem aufgeblähten Markt steht noch bevor.

Die gesteigerte Nachfrage in Nischenmärkten wie Breitband wird nicht den Investitionsstopp der Unternehmen ausgleichen. Vor dem 11. September hatte die Investmentbank Deutsche Banc Alex Brown prophezeit, dass die US-Nachfrage für Telekom-Produkte 2001 um 20 Prozent einbrechen werde.

Daneben verblasst der zu erwartende Umsatz mit Breitband-Leitungen. Der neue Boom wird, selbst wenn sich die Nachfrage verdoppelt, höchstens ein halbes Prozent zum Umsatzwachstum der großen Telefongesellschaften beitragen, schätzt Craig Shere, Telekom-Analyst bei der Rating-Agentur Standard and Poors.

Ebenso die Reparaturkosten der zerstörten Infrastruktur. Die Marktforscher von IDC schätzen sie auf 250 Millionen Dollar. Ein Tropfen in dem 450-Milliarden-Dollar-Meer jährlicher Technologieausgaben. Und längst nicht genug, um den Abwärtstrend umzukehren.

Auch für Telekom-Ausrüster wie Nortel und Lucent ist noch kein Ende des Leidens in Sicht. Großkunden wie Qwest und WorldCom haben bereits angekündigt, ihre Investitionen nächstes Jahr um 20 Prozent zu reduzieren. Wenn andere nachziehen, wird es ein weiteres schwarzes Jahr für die Netzwerk-Spezialisten.

Der entscheidende Faktor im Telekom-Sektor ist - wie in allen anderen Branchen - die Rezession. Wie lange wird sie dauern? Wie weit wird sie reichen? Sinkende Gewinne werden die großen US-Firmen zu weiteren Kostensenkungen zwingen. Deshalb werden sie zweimal überlegen, ob sie in diesem wirtschaftlichen Umfeld tatsächlich mehr in Sicherheit und Kommunikation investieren. Ebenso zweifelhaft erscheint das Szenario, dass Telekommunikation in nennenswertem Umfang Geschäftsreisen ersetzen wird. Und sei es aus dem Grund, dass viele Dinge nicht am Telefon besprochen werden können.

Mehr lesen über