11 Wall Street Wie betrunken war Carly?
New York - Das arbeitende Amerika erwachte nach dem langen Labor-Day-Wochenende, das traditionell das Ferienende markiert, und rieb sich verblüfft die Augen: Die Welt hatte sich verändert. Alles war anders. Wieder mal. Wieder waren Computer involviert. Und Druckerpatronen.
Die Titelseiten der Zeitungen berichteten von einer 25-Milliarden-Dollar-Elefantenhochzeit, die die Computerindustrie und damit das Universum erschüttern würde. Hewlett-Packard-Chefin Carleton Fiorina und Compaq-Chef Michael Cappellas schwärmten von der schönen neuen Welt. "Ein absolutes Powerhouse" werde durch die Fusion der beiden Computerhersteller entstehen, tönte Cappellas. Ins neue Hewlett-Packard (HP) werde nun die alte Start-up-Kultur wieder einziehen, freute sich Fiorina.
Pech nur für das neue Power-Paar, dass die Anleger sofort an die Geschichte der zwei Lahmen denken mussten, die auch nicht dadurch laufen lernen, dass sie sich zusammentun. Oder an die Geschichte von den zwei Betrunkenen, die sich gegenseitig am Fallen hindern, aber keinen Schritt vorwärts kommen. Oder die oft gemachte Erfahrung, dass Schulden nicht weniger werden, wenn man seine zwei Kreditkartenkonten auf einem Konto zusammenfasst.
Unschöne Bilder, aber an sowas denken Anleger nunmal. Und wer will es ihnen verdenken? Beide Partner haben mit sinkenden Marktanteilen und Gewinneinbrüchen zu kämpfen. Compaq ist von Dell als größter PC-Hersteller abgelöst worden. HP hat in den vergangenen vier Quartalen verlässlich die Erwartungen zunächst gedämpft und selbst dann noch enttäuscht.
Warum um alles in der Welt sollte es diesen beiden nach einer Hochzeit besser gehen? Zumal sie austauschbare Produkte haben. Statt sich zu ergänzen, haben sie hinterher alles doppelt. Stellen Sie sich vor, all diese hässlichen grauen Boxen. Gottseidank gibt es ja eBay, aber so viel Überschuss wird man auch da nicht los.
Die Fusion erscheint als eine Verzweiflungstat. Böse Zungen munkeln, Carly wolle durch die spektakuläre Offensive ihren Job retten. Falls das ihr Plan war, ging er nach hinten los: Jetzt fragen Beobachter gehässig, wie Carly das Ruder beim neuen Giganten herumreißen will, wenn es ihr bei HP schon nicht gelungen ist. Zumal Compaq noch nicht einmal die Fusion mit Digital Equipment im Jahr 1998 verdaut hat.
Selten sind zwei Heiratswillige auf eine solche Mauer der Ablehnung gestoßen. Die Kurse beider Aktien fielen nach der Ankündigung von einem Fünf-Jahres-Tief zum nächsten. In nur einer Woche verloren HP-Aktien 24 Prozent, die von Compaq 16 Prozent. Durch die fallenden Kurse schrumpfte der 25-Milliarden-Deal zu einem 20-Milliarden-Deal.
In den Augen der Anleger war die Fusion kein Befreiungsschlag, sondern eine Beichte, dass es den beiden Firmen dreckig geht. Einige hoffen sogar darauf, dass die Kartellbehörden die Fusion verhindern. Fiorina und Capellas sind im Moment auf Tour, um die institutionellen Investoren umzustimmen. Vier Monate haben sie Zeit, dann stimmen die Aktionäre über die Fusion ab. Die Frage ist: Was für Argumente haben sie?
Als erstes fällt natürlich das Wort "Synergien". Im Klartext: Leute rausschmeißen. Drei Viertel der versprochenen Einsparungen von 2,5 Milliarden Dollar sollen im Personalbereich erreicht werden. Voraussichtlich müssen 15.000 der insgesamt 145.000 Mitarbeiter gehen. Beide Firmen hatten bereits vorher ihre Reihen erheblich geschrumpft. Nicht gerade das, was man eine Zukunftsstrategie nennt.
Und das grundlegende Problem bleibt: Der PC-Markt ist reif geworden, sehr reif. Hier ist kein Geld mehr zu machen, egal wie groß man ist. Die Gewinnmargen sind bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft. IBM, die Computer-Oma, hat sich deshalb längst in Richtung e-Business-Lösungen weiter entwickelt. Dahin wollen auch Compaq und HP. Aber wieder lautet die Frage: Warum sollten sie es zusammen schaffen, wenn sie es allein nicht geschafft haben?
Für die Computerbranche ist die Fusion ein zweischneidiges Schwert. Langfristig mag es gut sein, dass es in dem überfüllten Markt einen Wettbewerber weniger gibt. Aber zunächst einmal verringert sich die Nachfrage nach Chips und sonstigen Computerteilen. Und das ist definitiv das Letzte, was die Branche gerade braucht.