14 Kreditkarten Junge Amerikaner sind hochverschuldet
Washington - Paula studiert an einer Universität im US-Staat Virginia. Gerade 20 Jahre alt, hat sie sieben verschiedene Kreditkarten in der Tasche. Wo sie nicht immer geblieben sind: Paula hat innerhalb von 14 Monaten mehr als 10.000 Dollar Schulden angehäuft.
Zuerst kaufte sie ein Fahrrad, dann einen Fernseher und einen CD-Player - ganz zu schweigen von häufigen Treffs mit Freunden in Cafés und Restaurants. Jetzt hat Paula ihre Eltern gebeten, ihr aus der finanziellen Patsche zu helfen. Zum großen Glück ließen sich Mom und Dad nicht lumpen.
Jennifer aus Texas muss dagegen selbst für ihre Schulden gerade stehen. Auf 20.000 Dollar hat sie es binnen eines Jahres gebracht - dank sage und schreibe 14 Kreditkarten. Um aus der Misere zu kommen, arbeitet sie vier Mal in der Woche abends als Kellnerin in einem Schnellimbiss.
Immer mehr junge Amerikaner gehen hoch verschuldet ins Erwachsenenleben, weil sie ihre Plastikkarte zu häufig gebrauchen. Der Kreditkarten-Kunde muss nur alle vier Wochen einen kleinen Mindest-Teilbetrag zahlen. Wer wie die meisten Studenten knapp bei Kasse ist, belässt es dabei und benutzt derweil die Kreditkarte munter weiter - mit dem Ergebnis, dass der Schuldenberg stetig steigt. In vielen Fällen kommt als weitere Bürde noch ein Studentendarlehen hinzu, so dass Abertausende Dollar Minus für Hochschulabsolventen schon fast gang und gäbe sind.
Nach jüngsten Berechnungen haben Amerikaner im Grundstudium durchschnittlich 2750 Dollar Kreditkarten-Schulden. Bei älteren Studenten liegt der Betrag mit rund 4800 Dollar sogar noch höher. Allein 1999 suchten rund 460.000 US-Bürger unter 35 Jahren durch eine Bankrotterklärung Schutz vor den Gläubigern, wie das für die Verteilung von Studentendarlehen zuständige Unternehmen Nellie Mae herausfand. Die Zahl junger Leute, die sich Hilfe suchend an Verbraucherkredit-Beratungsdienste wenden, wächst ständig.
Einer der Gründe für den Trend: Die Kreditkarten-Firmen haben die vergangenen elf Jahre des Wirtschaftswachstums dazu genutzt, die US-Bürger mit einer Rekordzahl von Angeboten zu überhäufen. Die Amerikaner besaßen nach Schätzungen im Jahr 2000 bereits durchschnittlich neun Kreditkarten. Im selben Jahr wurden von den Gesellschaften 3,3 Milliarden Briefe mit neuen Verlockungen verschickt. Adressaten waren dabei zunehmend auch die jungen Leute.
Werbe-Slogans der Gesellschaften wie "Wir bieten alles, was Sie wollen" und "Wir erfüllen Ihre Wünsche" kommen bei der Jugend besonders gut an, sagen Experten. Sie sehen auch ungute Einflüsse durch Fernsehserien wie "Melrose Place" und "Beverly Hills 90210".
Der flotte Lebensstil junger Leute, der dort vorgeführt werde, erwecke unrealistische Erwartungen, stellte zum Beispiel der 31-jährige Buchautor Jason Anthony kürzlich in der Zeitung "USA Today" fest. "Wir werden ermutigt, viel mehr auszugeben, als wir haben." Anthony weiß, wovon er spricht: Er selbst war vor wenigen Jahren so hoch verschuldet, "dass mir das Wasser bis zum Hals stand".
Allein zwischen 1998 und 2000 ist der Anteil der amerikanischen Studienanfänger mit Kreditkarten von 67 auf 78 Prozent gestiegen. 32 Prozent von ihnen hatten einer Umfrage zufolge im vergangenen Jahr vier oder sogar mehr der Plastikkärtchen in der Tasche. Und vielen ergeht es so wie Paula: Während sie sich immer tiefer in Schulden stürzte, flatterten fast wöchentlich neue Kreditkartenangebote ins Haus.
Gabriele Chwallek, dpa