NAHRUNGSMITTEL 15 Töne
Der Zeitpunkt war passend. Als die
westdeutschen Hennen endlich wieder goldene Eier legten und die Preise so hektisch stiegen wie nie zuvor, da plauderte am vergangenen Dienstag Professor Bernhard Grzimek im Fernsehen über Hühner, und den 20 Millionen Tierfreunden vor den Bildschirmen verschlug es vollends den Appetit.
Glückliches Federvieh nämlich ist es nicht, das seine Eier aus deutschen Lan den frisch auf des Bundesbürgers Frühstückstisch legt. »Grauenvolle Tierquälerei«, knurrte der Frankfurter Zoodirektor. Denn die meisten der 60 Millionen Hennen sind in fensterlosen Legefabriken eingekerkert. Sie sollen, zu Tausenden in Drahtkäfigen übereinandergepfercht, möglichst rasch mit möglichst wenig Futter möglichst viele Eier produzieren.
Von 2,4 Millionen Hühnerhaltern vor zehn Jahren ist nur noch die Hälfte übrig, zwei Drittel aller Hennen zogen in die sogenannten Legebatterien ein. Da rollen die Eier vom Fließband, da ist kein Quadratmeter Erde mehr für die »Scharrer«, die sich ihr Futter so zusammenpicken, daß die chemische Zusammensetzung ihrer Eier stimmt.
Kritik an der Massentierhaltung gilt in der grünen Zunft als »Gefühlsduselei«. Das Vieh werde, fabulierte ein Fachblatt, »zwar in wirtschaftlich vernünftigen Bestandsgrößen, aber immer so gehalten, daß eine individuelle Betreuung der Tiere möglich ist«.
Damit hätten die Hühnerhalter viel zu tun. Der westfälische Strumpfwirker Schulte (Marke »Nur die") baute Silos für mehr als 500 000, Bertelsmann-Junior Johannes Mohn für rund 970 000 Hühner. Die Brüder Schockemöhle ließen gar Quartiere für über zwei Millionen Hennen errichten.
Früher hatte ein Küken ein Jahr lang Zeit, um sich zum Legehuhn zu mausern. Im modernen »Veredelungsbetrieb« muß die Junghenne fünf Monate nach Verlassen des Brutkastens ihr erstes Ei legen, und ein Jahr danach stirbt die »Leistungshenne« für den Suppentopf, bis zuletzt am Fließband. Klagt Grzimek: »Ein Schlachter bringt alle zwei Sekunden ein Huhn um, je Stunde 1800 Tiere.«
»20 Hühner in zwei Stunden«, so pries der Cuxhavener Lohmann-Geflügelkonzern seinen Propangas-Verbrennungsofen an, wichtiges Requisit der Massenfarmen. Denn laut Grzimek verendet etwa jede fünfte Henne vorzeitig, die Kadaver werden verbrannt.
Jedes Huhn, das überlebt, erzeugt im Durchschnitt pro Jahr 270 Eier -- exakt dreimal mehr als noch 1949. Dafür sorgen insbesondere der Kraftmix, vor allem Gras- und Maismehl, aus den Mühlen der Futtermittelindustrie und Zutaten aus den Retorten der Chemie-Unternehmen Hoffmann La Roche und BASF.
Die Futtermittelindustrie. so frohlockte ihr Fachverband, sei »der am schnellsten wachsende Industriezweig Westdeutschlands«. Allein der Ausstoß an Geflügelfutter hat sich seit 1953 annähernd verzehnfacht auf fast vier Millionen Tonnen.
Schon für 170 Gramm Futter liefert ein Batteriehuhn ein Ei. An der »Futtermaschine, Modell L für Legehennen«, kann es sich ganz aufs Fressen konzentrieren. Mit einer Geschwindigkeit von vier Metern je Minute zieht eine Gleitkette das Futter an den Hühnern vor bei. Als »ausreichender Futterplatz für jedes Tier« gelten, so die Bedienungsanleitung, »fünf cm Futterbahn, das heißt 20 Tiere auf einen laufenden Meter« -- im Mastbetrieb gar kommen 30 »Bratkörper« auf den Meter.
»Wenn wir Menschen uns so streng nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ernähren würden« wie wir Legehennen füttern, wären wir zweifelsohne gesünder«, meint dennoch der Industrieverband.
Der Dauer-Streß der Batteriehennen muß durch erhöhte Vitaminzufuhr gemildert werden. Vitamin B 2 der Hoff mann La Roche AG »unterhält und stimuliert die Eiproduktion (Huhn)«, Vitamin E dient zur »Erhöhung der Legeleistung«, Arzneimittel im Futter beugen Seuchen vor.
Weil Hühner ohne Grünfutter nur Eier mit blassem Dotter legen, die der Verbraucher als minderwertig ablehnt, füttert die Industrie die Hühner mit Gewürzpaprika, der neben anderen Wirkstoffen farbaktive Carotinoide enthält, die -- so ein Hersteller -- »außerordentlich effektvoll« sind.
So stiegen die Importe des Paprikapulvers bis 1968 zügig auf mehr als 6700 Tonnen, von denen gut 40 Prozent ins Hühnerfutter gingen. Seitdem indes fiel die Einfuhr rapide auf 4700 Tonnen, von denen kaum noch zehn Prozent den Hühnern zugute kommen. Denn mit den Synthetik-Farbstoffen Carophyll. Citranaxanthin oder Avizant beziehen die Eierfabrikanten das Dottergelb jetzt auch noch aus den Retorten der Hoffmann La Roche AG und der BASF -- 15 Gelbtöne stehen zur Wahl.
»Opas Huhn ist tot«, weiß der Fachverband der Futtermittelindustrie. Professor Grzimek aber fordert eine »gesetzlich geschützte Gütemarke für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die von natürlich aufgezogenen Pflanzen und Tieren stammen«. Genug Interessenten, die »ihr Frühstücksei mit gutem Gewissen, ohne Gedanken an grauenvolle Tierquälereien und ohne Gifte essen möchten«, meint er, würden dafür gerne mehr zahlen.