FLUGGESELLSCHAFTEN 50 Prozent Rabatt
Alle Jahre wieder, wenn in München das Oktoberfest beginnt, packt die Spitzenmanager des Düsseldorfer Touristikkonzerns LTU das Reisefieber. Dann zieht es sie zum Zweitsitz der Firma in die Bayernmetropole, um im Käfer-Zelt bei Bier und Hax'n Geschäftsfreunde zu bewirten.
Für die nötige Stimmung sorgte in den vergangenen Jahren stets LTU-Chef Hans-Joachim Driessen, 50. Als ehemaliger Faschingsprinz weiß der gebürtige Rheinländer, wie man eine Tischgesellschaft unterhält.
Dieses Jahr mußten die LTU-Oberen erstmals ohne ihre »Stimmungskanone« (WIRTSCHAFTSWOCHE) auskommen. Driessen wurde im Frühjahr ohne Angabe von Gründen fristlos gefeuert. So was kommt in der deutschen Industrie nicht alle Tage vor. Immerhin hatte der LTU-Chef erst kurz zuvor von seinem obersten Boß, WestLB-Chef Friedel Neuber, einen neuen Fünfjahresvertrag bekommen.
Seither rätselt die Branche über die Gründe für den Rausschmiß. Insider spekulierten, Driessen habe zu viele verschiedene Flugzeugtypen gekauft, deren Wartung das Unternehmen teuer zu stehen kommt. Außerdem habe Driessen gegen den Rat von Fachleuten auf der Einführung eines neuen Reisebüro-Buchungssystems bestanden, das nicht funktionierte und Millionenverluste verursachte. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Der LTU-Chef und sein gleichzeitig gefeuerter Mitgeschäftsführer Thomas Wrede mußten gehen, weil sie auch gegen einen engeren Zusammenschluß ihres Unternehmens mit dem ebenfalls von der WestLB beeinflußten TUI-Konzern und der Hapag Lloyd opponierten (SPIEGEL 24/1997). Ob die Kündigung Rechtens war, muß nun das Düsseldorfer Landgericht entscheiden.
Um den Rausschmiß zu rechtfertigen, haben die LTU-Eigner in Essensabrechnungen und Spesenquittungen nach Unregelmäßigkeiten gesucht. Außerdem überprüften sie wichtige Verträge, die der LTU-Chef in seiner Amtszeit unterschrieben hatte. Die Ausbeute hält sich bislang in Grenzen. Driessen besteht auf Weiterbeschäftigung.
Ende Juni trafen sich die Kontrahenten bereits vor dem Düsseldorfer Arbeitsgericht - ohne Erfolg. Weil Driessen mehr als 400 000 Mark Jahressalär zuzüglich Tantieme und Dienstwagen erhielt, fühlten sich die Arbeitsrichter nicht zuständig. Nun muß sich das Landgericht mit dem Fall befassen.
Die peinliche Personalposse könnte vor allem für die WestLB unangenehme Folgen haben. Am Rande des Rechtsstreits sickern immer neue, kompromittierende Details durch, die zeigen, in welchem Ausmaß Politiker und Manager den landesnahen Chartercarrier als Selbstbedienungsladen mißbrauchten.
In ihrer Begründung für Driessens Entlassung werfen die gegnerischen Anwälte dem Ex-LTU-Chef vor, Freunde und Bekannte ohne erkennbaren Anlaß bewirtet und nach Gutdünken Freitickets an Geschäftsfreunde verteilt zu haben. »Nach den internen LTU-Bestimmungen«, argumentieren die Anwälte, »dürfen Freiflüge nur an direkte Familienangehörige vergeben werden, d. h. an Ehepartner und Kinder.« Durch seine Großzügigkeit, heißt es in dem Schriftsatz sinngemäß, habe Driessen der LTU einen Schaden von 9000 Mark zugefügt. Das Geld wollen die LTU-Eigner nun zurückhaben.
Driessen soll 135 000 Mark zurückerstatten, weil er in seiner Amtszeit mit Freitickets den Austausch von Faschingsjecken zwischen Düsseldorf und Teneriffa beförderte. »Diese karnevalistische Betätigung«, so Neubers Anwälte, »hatte keinerlei Bezug zur Geschäftstätigkeit, die Herr Driessen für die LTU-Gruppe ausgeübt hat.« 25 Jahre lang hatte allerdings niemand Anstoß an den gegenseitigen Werbeauftritten der Narren genommen. Auch daß die LTU neben Mercedes und der Stadtsparkasse jahrelang zu den Hauptsponsoren des Düsseldorfer Karnevals zählte, wurde in der Vergangenheit nie kritisiert. Jetzt ist auch das auf einmal ein Thema.
Vor Gericht dürften die Vorwürfe nur schwer zu halten sein. Denn Driessen hatte für seine Freigebigkeit ein prominentes Vorbild: WestLB-Chef Friedel Neuber, den Vorsitzenden seines Ex-Verwaltungsrates.
Wenn der mächtige Bankier für Freunde und Geschäftspartner günstige Tickets benötigte, berichten LTU-Mitarbeiter, bediente er sich ebenfalls gern der Hotline zu seinem Fremdenverkehrsmanager und ließ über seine Sekretärin verbilligte Tickets anfordern. Auf diese Weise flogen zum Beispiel der Chef des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Manfred Scholle, oder eine Bekannte des nordrhein-westfälischen Finanzministers Heinz Schleußer besonders kostengünstig. Beide sitzen im Verwaltungsrat der WestLB.
Wichtige Freunde und Gönner Neubers ließen die begehrten Tickets mitunter sogar direkt auf dem kurzen Dienstweg von Chefbüro zu Chefbüro ordern, darunter der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau.
Der SPD-Regierungschef bestellte über sein Sekretariat seit 1992 für sich selbst, seine Frau, seine Schwiegermutter, seine Kinder und seinen Bruder nebst Ehegattin insgesamt neun verbilligte Tickets. In der Regel erhielt der Regierungschef 50 Prozent Rabatt auf den Bruttopreis. Einen Flug für seine Frau nach Korfu im Oktober 1994 beglichen die Raus erst vor wenigen Wochen, nachdem mehrere Presseanfragen eingegangen waren.
Von Ministerpräsident Rau sei bekannt, daß er immer auf äußerste Korrektheit Wert gelegt habe, heißt es in einer Stellungnahme der Landesregierung: »Weder von seinem Büro noch von ihm selber wurden in der Vergangenheit Rabattanforderungen gestellt, noch entsprechende Erwartungen geäußert.«
Wie die LTU-Mutter WestLB auf die Dienste der Touristiktochter zurückgriff, zeigen zwei andere Trips. Auf Einladung der staatsnahen Großbank durften im Herbst 1993 und 1994 eine Handvoll hochbezahlter Industriemanager nach London zum Konzertspektakel »Last Night of the Proms« fliegen, darunter Veba-Chef Ulrich Hartmann oder Preussag-Chef Michael Frenzel mit Gattin. Karten für das Konzert, bei dem die Zuschauer mitsingen und Fähnchen schwenken, sind bei Touristen sehr begehrt.
Die Teilnehmer der Vergnügungsreise erinnern sich heute nur noch vage an das Gemeinschaftserlebnis. »Wenn Herr Hartmann von Unternehmen oder Institutionen eingeladen wird, ist das stets dienstlich«, ließ der Veba-Chef vergangene Woche über seinen Sprecher bestellen. »Im übrigen sehen wir keinen Anlaß, die Öffentlichkeit über andere Reisen von Herrn Hartmann zu informieren.« Preussag-Chef Frenzel verweigert jeden Kommentar zu dem Wochenendtrip.
Die Kosten für die knapp 50 000 Pfund (120 000 Mark) teuren Vergnügungstrips übernahm die WestLB. »Zu den Kundenveranstaltungen eines Unternehmens gehören auch Einladungen ihrer wichtigsten Kunden sowie von Vertretern aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft«, ließ die WestLB vergangene Woche zur Rechtfertigung der Promi-Reisen mitteilen.
Organisiert wurden die Trips vom hauseigenen Touristikveranstalter LTU. Weil das Ehepaar Rau im September 1993 erst kurzfristig zusagte, mußten die LTU-Betreuer für den Regierungschef und seine Gattin auf dem Schwarzmarkt schnell noch zwei Eintrittskarten besorgen, Kostenpunkt: 750 britische Pfund.
»Die Einladung von Herrn Neuber, mit dem der Ministerpräsident seit 35 Jahren befreundet ist, zu der Veranstaltung XLast Night of the Proms'«, ließ der SPD-Politiker über seinen Sprecher vergangene Woche mitteilen, »hat das Ehepaar Rau gerne angenommen.«
Driessens Anwälte wollen diese Spezl-Wirtschaft zum Gegenstand des Verfahrens machen. Die Juristen ärgert nicht nur, daß der Ex-Arbeitgeber ihrem Mandanten Praktiken vorwirft, die bei der WestLB selbst offenbar gang und gäbe waren. Sie nervt zudem, daß Neubers Anwälte dem Ex-LTU-Chef immer neue Nickeligkeiten vorhalten.
Unter anderem soll Driessen Leasingraten für seinen Dienstwagen in Höhe von 8636,34 Mark zurückzahlen. Hinzu kommen Gebühren für Ferngespräche von 523,66 Mark, die der gefeuerte LTU-Chef über firmeneigene Telefonkarten geführt haben soll. »Dabei ist noch gar nicht sicher«, empört sich Driessens Kölner Anwalt Ulrich Weber, »ob die Kündigung überhaupt rechtswirksam ist.«
Sollte der Streit zwischen Driessen und seinem Ex-Arbeitgeber weiter eskalieren, will der Jurist den Spieß umdrehen. Weber ist überzeugt, daß der Stuttgarter Reiseveranstalter Hetzel überlebt hätte, wenn WestLB-Chef Neuber die geplante Übernahme der Firma durch den LTU-Konzern nicht im letzten Moment verhindert hätte. »Dann werden wir aufzeigen«, droht er, »welch unrühmliche Rolle Neuber beim Konkurs des schwäbischen Traditionsunternehmens gespielt hat.«
[Grafiktext]
Umsätze großer Reiseveranstalter im touristikjahr 1995/96
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Umsätze großer Reiseveranstalter im touristikjahr 1995/96
[GrafiktextEnde]