Medien A la carte
Schmucklos, nur mit dem Nötigsten möbliert, kein Türschild, kein Wegweiser, präsentiert sich der vierte Stock des Hauses Bahnhofstraße 27 in München-Unterföhring. Ebenso karg blieben bisher Auskünfte darüber, was dort getan wird.
Das entspricht der Tradition des öffentlichkeitsscheuen Mieters der Büroetage: Medienmogul Leo Kirch läßt hier von 40 Mitarbeitern den Einstieg in das Milliardengeschäft des digitalen Fernsehens vorbereiten.
Am 1. April geht der Sender DF 1 mit zunächst zwölf TV-Programmen an den Start. Einen Monat später sollen es schon 50 Kanäle sein, die abonniert werden können.
Im Wettrennen um die Einführung des digitalen Fernsehens liegt Kirch wieder vorn. Er hat, so scheint es, die Konkurrenz wieder einmal ausgetrickst.
Erst vor wenigen Wochen hatte sich der Bertelsmann-Konzern mit dem Medientycoon Rupert Murdoch verbündet, um zusammen mit dem französischen TV-Unternehmen Canal plus und dem Medien- und Werbegiganten Havas Kirch zu trotzen. Kurz zuvor waren die Bemühungen des Bertelsmann-Konzerns gescheitert, sich mit Kirch auf einen gemeinsamen Decoder für den Empfang des digitalen Fernsehens zu einigen.
Nun droht ein Systemkrieg: Jede der beiden Gruppen betont die Stärken ihrer Technik. Entscheidend wird sein, wer das Publikum zuerst von den Vorteilen seines Angebots überzeugt.
Und da hat Kirch einen entscheidenden Vorteil: Nach der technischen Testphase soll das geplante halbe Hundert Kanäle schon im Mai in Pilotprojekten auf Sendung gehen. Die breite Markteinführung ist für Juli vorgesehen. Großangelegte Verkaufskampagnen im September/Oktober sollen das Weihnachtsgeschäft anheizen. Mit Investitionen in deutlich dreistelliger Höhe will Kirchs Manager Gottfried Zmeck bis zur Jahrtausendwende zwei bis drei Millionen Abonnenten und die Gewinnschwelle erreicht haben. Das wird dann schätzungsweise 700 Millionen Mark gekostet haben.
Die Kanäle, sie werden größtenteils aus den Beständen von Kirchs Taurus-Film gespeist, heißen Starkino, Filmpalast oder Cine Royal und zeigen alte, neue und ganz neue Filme. Western und Romantic Movie, Cine Thriller, Action oder Comedy ergänzen nach Genres geordnet das Angebot.
Documania und Leonardo bringen nur Dokumentationen, vier Serien- und zwei Kinderkanäle, einer für klassische Musik und einer für Heimatfilme kommen dazu. Mit Drittanbietern wie Multimedia-Diensten, fremdsprachigen Sendern oder Firmen-TV wird verhandelt.
Sport ist, wie überall im Pay-TV, unverzichtbarer Bestandteil. Da ist von Vorteil, daß der teilweise Kirch gehörende Sender DSF im gleichen Hause sitzt. Das Deutsche Sportfernsehen wird dem Digital-TV-Veranstalter DF 1 drei Programme zuliefern.
Dieses Angebot wird den Kunden monatlich zwischen 25 Mark für das Grundpaket und 60 Mark für die Gesamtpalette kosten. Angeblich sind die Zuschauer bereit, so haben Marktforscher ermittelt, im Schnitt 41 Mark zusätzlich zu den ohnehin anfallenden Fernsehkosten (Gebühren für öffentlich-rechtliche Kanäle und Kabel) zu bezahlen.
Dazu käme dann noch das A-la-carte-Angebot. Hier werden spezielle Veranstaltungen übertragen, vom Box-Titelkampf über Opern- oder Filmpremieren, Pop-Konzerten bis hin zu Formel-1-Rennen. Sie müssen als Pay-per-view extra bezahlt werden.
Die Konkurrenz um den Bertelsmann-Konzern strahlt bereits seit zehn Tagen über das TV-Satelliten-System Astra eine Vorschau dessen aus, was diese Gruppierung senden möchte: Dokumentationen, Kino-Klassiker, Rock'n'Roll auf jeweils eigenen Kanälen. Doch die Rechte dieser Programme sind, so Konkurrent Zmeck, für den deutschen Markt größtenteils nicht verfügbar.
Bertelsmann-Manager Rolf Schmidt-Holtz sieht sich dennoch vorn. »Jetzt ist wohl geklärt«, sagt er, »wer der Erste im deutschen Markt sein wird.« Gleichzeitig spricht Bertelsmann dem Kirch-Decoder erneut die Marktreife ab.
Bertelsmann hat sich für ein eigenes System, den Seca-Standard, entschieden, er soll von der Multimedia-Betriebsgesellschaft MMBG vertrieben werden.
Doch dieser Zusammenschluß von Telekom, CLT, Bertelsmann, Canal plus, ARD, ZDF, RTL und weiteren, noch nicht entschiedenen Anwärtern ist trotz monatelanger Verhandlungen noch immer nicht gegründet worden. Die jetzt für Ende April endgültig vorgesehenen Unterschriften werden wohl erst nach der nächsten Aufsichtsratssitzung des Mehrheitsgesellschafters Telekom geleistet werden können - und die ist für Ende Mai geplant.
Fraglich ist, ob dann noch alle bisherigen Interessenten dabei sind oder sich der eine oder andere dann schon für ein bereits im Markt befindliches System entschieden hat.
Die CLT jedenfalls ist sich nicht mehr so ganz sicher, welchem Decoder sie ihre Programme anvertrauen will. Von ihrer eigens zur Vermarktung in Köln-Hürth installierten Verkäufer-Truppe trennt sie sich gerade.
Die Mannschaft wird voraussichtlich übernommen von der d-Box GmbH. Die vertreibt den Kirch-Decoder. Y