SPIEGEL: Liquide Opec-Staaten, so wird kolportiert, sind dabei, sich mit Aktien deutscher Unternehmen einzudecken. Was sind die Hauptgründe für das Kaufinteresse?
THIERBACH: Opec-Länder legen ihr Geld weniger in Firmen als bei Banken und in festverzinslichen Werten sowie in Grundbesitz an. Der Aktienerwerb wird überschätzt. Für die Opec-Länder gibt es zur Zeit im wesentlichen drei große Industrienationen, in denen sie bevorzugt investieren: die USA, die Bundesrepublik Deutschland und Japan.
SPIEGEL: Hat die Verbesserung des Mark-Kurses deutsche Aktien wieder attraktiver gemacht?
THIERBACH: Einer der Gründe für die verstärkten Anlagen im Mark-Bereich - keinesfalls allein in Aktien - ist sicherlich die Überzeugung, daß die Bundesrepublik Deutschland mit ihren Leistungsbilanzschwierigkeiten doch fertig werden kann. Und dazu hat ja die Exportaktivität der deutschen Industrie stark beigetragen.
SPIEGEL: Die Opec setzt also auf die neue Exportoffensive der deutschen Industrie?
THIERBACH: So einseitig darf man das wohl nicht sehen. Sicherlich können die Opec-Länder vor Ort am besten selbst den Erfolg und die Leistungskraft der deutschen Unternehmen abschätzen. Unsere arabischen Öllieferanten errechnen eine gute Chance für die deutsche Industrie und für die Bundesrepublik insgesamt im Rahmen der Weltwirtschaft.
SPIEGEL: Es gab verschiedene Hinweise, daß sich die Opec-Aufkäufe bei der deutschen Großchemie inzwischen auf Beteiligungspositionen von rund 15 Prozent des Aktienkapitals summieren.
THIERBACH: Niemand weiß, ob dies zutrifft. Nach meiner Kenntnis der Philosophie der arabischen Anleger besteht in einer Hochzinsperiode weniger Neigung, in sehr niedrig rentierliche Aktien einzusteigen. Aber es ist möglich, daß bei sinkenden Zinsen auch arabische Anleger von Renten in Aktien umsteigen.
SPIEGEL: Halten Sie einen Aktienerwerb in der Großchemie für unbedenklich?
THIERBACH: In einem Kauf von rund 15 Prozent des Aktienkapitals kann ich nichts Negatives sehen. Ich kann mir sogar Vorteile vorstellen, wenn ein Chemiekonzern Teilhaber aus den Ölländern hat. Schließlich verarbeitet gerade die Petrochemie eine Menge Öl.
SPIEGEL: Von wo an wird eine Beteiligung bedenklich?
THIERBACH: Bedenklich kann sie meines Erachtens ab 25 Prozent werden, vor allem, wenn kein Einvernehmen mit Vorstand und Aufsichtsrat hergestellt ist. Ich kenne allerdings viele für solche Großinvestitionen verantwortlichen Finanziers, die derartige Investitionen verantwortungsbewußt planen. Das sind sehr maßvolle, weltoffene und international versierte Araber. Es kommt also vor allem auf die Strategie der Investoren an. Die saudische Notenbank Sama zum Beispiel ist in der ganzen Welt als Partner sehr geschätzt.
SPIEGEL: Warum hat dann seinerzeit die Deutsche Bank den Einstieg des Iran bei Daimler-Benz verhindert?
THIERBACH: Das Beispiel Iran und Daimler-Benz sehe ich als einen besonderen Fall. Die Opec-Staaten sind meines Erachtens erfahrener geworden. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, daß die Kuweitis oder die Saudis beispielsweise heute größere Firmenpakete erwerben, ohne sich vorher mit dem Management abgestimmt zu haben. Denn das scheint mir die Voraussetzung für eine sinnvolle Beteiligung und Kooperation. Die Saudis haben erklärt, daß sie Anteile über fünf Prozent an einem Unternehmen nicht erwerben wollen.
SPIEGEL: Was würden Sie zum Aufkauf deutscher Banken durch Opec-Staaten sagen? Von den Aktien der Dresdner und der Commerzbank sollen Positionen von 10 bis 15 Prozent in Opec-Staaten liegen.
THIERBACH: Das sind Spekulationen. Ganz allgemein sollten meines Erachtens Kapitalanlagen von zehn bis 15 Prozent keine Größenordnungen sein, die stören können.
SPIEGEL: Ab wann würde Sie das stören?
THIERBACH: Auch hier wird es sicher stets problematisch, wenn die Beteiligung 25 Prozent erreicht. Denn große Banken arbeiten weltweit und gelten als neutrale Institutionen. Würden Sie von einem ausländischen Staat beherrscht oder kontrolliert, dann würden sie ihre Identität verlieren, die einen guten Teil ihres internationalen Ansehens ausmacht. Insoweit würde eine solche Bank nicht in gleichem Maße weltweit tätig sein können.