Affären Abends ein kühles Bier
Unbehagen überkam die Revisoren der Stuttgarter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Schitag, wenn sie die Bilanzen der Südmilch AG testierten. So informierten sie, wie in ihrem Gewerbe üblich, diskret den Aufsichtsrat der größten deutschen Molkerei über die unkonventionellen Geschäfte des Vorstands.
Doch regelmäßig wurden die Bedenken der Wirtschaftsprüfer beiseite gewischt. Der Aufsichtsratsvorsitzende Fritz Josenhans und sein Vize Helmut Wacker, beide im Hauptberuf Bauern, hatten wie die meisten anderen Aufsichtsräte gehörigen Respekt vor dem Vorstandschef Wolfgang Weber - einem Mann, der sich als »der größte Manager im Umkreis von 200 Kilometern« sah.
Das Auftreten von Wolfgang Weber, 58, sei schon »beeindruckend«, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Richard Bayha. Der Landwirt, der vor einem Jahr in den Aufsichtsrat berufen wurde, ließ sich freilich nicht blenden: Bei der Südmilch stieß Bayha auf »eine der übelsten Machenschaften, die ich je erlebt habe«.
In jahrelanger Arbeit, so stellt sich nun heraus, hat Weber die Firma (1,3 Milliarden Mark Umsatz, 1700 Beschäftigte) an den Rand des Ruins gebracht. Der Versuch, mit der Firma Sachsenmilch im Osten Geld zu verdienen, scheiterte ebenfalls.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen den Manager wegen Untreue und Bilanzmanipulation.
Dem Südmilch-Herrscher war ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen. Im Sommer vergangenen Jahres gab er sein Amt auf und ließ sich zum Aufsichtsratsvorsitzenden küren. Als seinen Nachfolger holte er Frank Staudacher, 54, einen erfahrenen Markenartikler und fähigen Sanierer.
Staudacher merkte schnell, warum die Südmilch so tief in den roten Zahlen steckte. Als er im Januar sein Sanierungskonzept vorlegte - Abbau der Belegschaft um 40 Prozent, Schließung von zwei Werken -, forderte er die Ablösung Webers. Der Aufsichtsratsvorsitzende mußte gehen, im Mai wurden seine langjährigen Vorstandskollegen Rudolf Hoffmann und Manfred Klecker gefeuert.
Die drei hatten Jahr für Jahr Verluste gemacht, aber immer eine ausgeglichene Bilanz vorgelegt. Die jährlich anfallenden Verluste - 1992 waren es 30 Millionen Mark - fing Weber durch »außerordentliche Erträge« auf.
Immer mal wieder kam durch den Verkauf von Grundstücken und Beteiligungen Geld in die Kasse und wurde trickreich in der Bilanz untergebracht. Das Grundstück der Stuttgarter Hauptverwaltung ist verkauft, weg sind die wertvollen Immobilien in Künzelsau wie in Heilbronn. »Der Firma gehört nichts mehr«, klagt eine Führungskraft. »Wir stehen nackt da.«
Von den Aktionären, überwiegend Bauern der Region, kam kaum Widerspruch. Im Aufsichtsrat wagte 22 Jahre lang niemand, gegen Weber aufzumucken. Klaglos nahmen es die Kontrolleure hin, wenn ihr Spitzenangestellter Aufsichtsratssitzungen im 60 Kilometer entfernten Freudenstadt ansetzte - im Hotel Schwarzwaldhof, das ihm gehörte. Und Südmilch-Angestellte, die in Webers Schwarzwaldhof zu Seminaren geschickt wurden, verbesserten ein wenig die private Vermögensbildung ihres Chefs.
Weber, ein gelernter Molkereimeister, residierte wie ein Provinzfürst. Er unterhielt drei Büros: in der Stuttgarter Zentrale, im Werk Künzelsau und im Werk Heilbronn. Am liebsten leitete er den Konzern von seinem Wohnort Künzelsau aus.
Dort hielt er sich einen Leibkoch, der gelegentlich auch im Schwarzwaldhof in der Küche stand. Der Südmilch-Angestellte kochte so gut, daß auch Webers Ehefrau gern zum Dinieren in die Firma kam.
Im Großraum Künzelsau-Stuttgart-Heilbronn fiel der Molkereichef durch weltmännisches Gehabe auf. Gern zeigte er Fotos, die ihn als bedeutende Persönlichkeit auswiesen: Weber in Paraguay mit Indios und einem erlegten Jaguar, Weber mit Steffi Graf, Weber mit dem Prince of Wales, Weber mit dem Stuttgarter Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder. Sein Büro schmückte Weber mit Spitzendeckchen und Trockenblumen.
Mit 34 Jahren war Molkereimeister Wolfgang Weber 1969 in den Vorstand der Südmilch eingezogen. In wenigen Monaten drängte er den Vorstandsvorsitzenden aus dem Unternehmen und stieg dann zum unumschränkten Herrscher auf.
Rund 10 000 genossenschaftlich organisierte Bauern lieferten ihre Milch damals in Webers Molkereibetrieb ab. Derzeit verarbeitet die Südmilch etwa 20 Millionen Kilo Milch pro Woche.
Bald hatte Weber aus dem Unternehmen einen kompliziert verschachtelten Konzern geschaffen. Schon Ende der siebziger Jahre gestand der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Josenhans, Landwirt aus Leonberg-Eltingen: »Ich blicke nicht durch.«
Für vier Millionen Mark holte Weber sich Steffi Graf als Werbeträger. Doch der Versuch, mit dem Namen des Tennis-Stars einen speziellen Fitneß-Joghurt auf den Markt zu bringen, schlug fehl.
Der Chef persönlich bestand darauf, eine Malvenfrucht in Joghurts zu rühren. Die exotische Frucht kam aus Paraguay, wo Weber ausgedehnte Ländereien besitzt, auf dem Umweg über die Marmeladefabrik Zentis zur Südmilch.
Bundesweit bekannt wurde der Südmilch-Chef, als er Ende 1991 wegen Steuerbetrügereien verurteilt wurde. Über eine Beef Vieh und Fleisch GmbH & Co KG in Heilbronn hatte Weber von Freunden und fast allen Südmilch-Führungskräften Geld gesammelt.
Die Millionen flossen angeblich nach Paraguay. Dort entstanden, fürs Finanzamt in Deutschland, hohe Buchverluste. Rinderherden, die Weber angeblich gekauft hatte, gab es nur auf dem Papier.
Mit einer Zahlung von 2,3 Millionen Mark und zwei Jahren Haft auf Bewährung kam Weber Ende 1991 äußerst glimpflich davon und blieb so der Firma erhalten.
Seit März beschäftigt Weber abermals die Staatsanwaltschaft. Doch gegen prominente Täter ermitteln Stuttgarter Staatsanwälte ziemlich lustlos, wie Verfahren gegen den früheren Mercedes-Manager Werner Niefer, den Bosch-Herrscher Hans Merkle oder den Ex-Ministerpräsidenten Lothar Späth belegen. Auch im Fall Weber ist für die Wirtschafts-Staatsanwaltschaft ein »Ende der Ermittlungen noch nicht greifbar«.
Hinweise für ungewöhnliche Geschäfte Webers sind reichhaltig dokumentiert, so etwa die Beziehungen zu dem Heidelberger Bauträger Roland Ernst.
Im Juni vergangenen Jahres erhielt Weber von seinem Geschäftspartner Ernst ein Darlehen von 750 000 Mark, doch der Heidelberger vergaß die Zinsen. Als Weber gekippt wurde, erinnerte sich gleich am nächsten Tag der Geldgeber wieder an die 750 000 Mark. »Wie wir erst jetzt festgestellt haben«, ließ Ernst anmahnen, »wurde es bisher versäumt, Ihnen die Zinsen für das vorgenannte Darlehen zu berechnen.«
Die Beziehung zu Roland Ernst begann 1990. Weber verkaufte ihm das wertvolle Südmilch-Gelände in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofs für 71 Millionen Mark. Ob der Preis angemessen war, ist unter Experten umstritten.
Höchst ungewöhnlich waren die Verträge, die Weber 1991 mit dem Heidelberger Bauträger abschloß. Die Südmilch wollte eine Milchverarbeitung in Leppersdorf bei Dresden aufbauen und die der Sachsenmilch AG kontrollieren, fast die Hälfte der Aktien sollte für 60 Millionen Mark an der Börse verkauft werden.
Das Projekt war mit insgesamt 260 Millionen Mark kalkuliert. Ernst sollte laut Vertrag für die »schlüsselfertige Erstellung des Neubauvorhabens« einen Festpreis von 100 Millionen Mark erhalten, zuzüglich zehn Prozent für seine Leistungen als Generalübernehmer (Gü).
Der Festpreis ist im offiziellen Vertrag vom 23. September vereinbart. Am gleichen Tag aber schloß Weber mit Ernst einen zweiten Vertrag, der den ersten aufhob.
»Abgerechnet«, so heißt es nunmehr in dem zweiten Vertrag, »wird auf der Grundlage der tatsächlich entrichteten Summe der Drittleistungen zuzügl. 10 % Gü-Zuschlag, wobei letzterer mindestens 10 Mio. DM incl. Mwst. betragen muß.«
Er habe nicht gewußt, versichert Ernst, daß Weber den zweiten Vertrag geheimhielt. Von vornherein sei klar gewesen, daß der Festpreis nur »eine vorläufige Regelung« sei. Das sei nötig gewesen, um an Subventionen für das sächsische Werk zu kommen.
Für den unwahrscheinlichen Fall, daß Ernst für weniger als 100 Millionen Mark die Fabrik errichtet, erhält er demnach gleichwohl sein Honorar von 10 Millionen. Muß Generalübernehmer Ernst aber an Drittfirmen mehr als 100 Millionen Mark für den Bau zahlen, werden die Mehrkosten auf die Südmilch und die Sachsenmilch-Aktionäre abgewälzt.
Der Bau wird teurer. Roland Ernst selbst taxiert die Baukosten auf rund 150 Millionen Mark. Der neue Südmilch-Chef Staudacher hat die Abmachungen angefochten und will nicht zahlen, Ernst stellte die Bauarbeiten in Leppersdorf ein.
Das Debakel mit der Sachsenmilch ist insbesondere der Deutschen Bank peinlich, die Ende 1991 die Aktien emittiert hatte. Viele Anleger hatten der Bank-Werbung für das erste und bislang einzige ostdeutsche Unternehmen vertraut, dessen Papiere an der Börse gehandelt werden. Die 750 000 Aktien waren im Nu verkauft, zum Emissionskurs von 80 Mark.
Vergangene Woche wurde die Sachsenmilch-Aktie außerbörslich mit 43 Mark gehandelt. An der Börse ist der Kurs seit Mitte des Monats ausgesetzt.
Wolfgang Weber geht derweil neuen Geschäften nach. Sein Hotel im Schwarzwald hat er verkauft, an die Ende vergangenen Jahres gegründete Agro Latina Trade GmbH in Künzelsau. Diese Firma will den deutsch-südamerikanischen Handel beleben und auch wohlhabenden Touristen auf einer Ranch im paraguayischen Chaco »deutsche Gastlichkeit« bieten. Zufällig besitzt Weber eine 100 000-Hektar-Farm im Chaco.
»Über Tag Hitze, Rinder-Trails und Herdenstaub«, so ein Prospektentwurf der Agro Latina, »abends ein kühles Bier am Pool der Gäste-Ranch.« Bei der Agro Latina fungiert Weber freilich nur als Geschäftsführer.
Die Firma in Künzelsau gehört - ziemlich sicher vor dem Zugriff deutscher Behörden - einer Aktiengesellschaft: der Remonia del Paraguay S.A., Chaco/Paraguay. Y