Absage vom Freund - DER SPIEGEL
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WIRTSCHAFTS-GIPFEL Absage vom Freund

Auf der Gipfelkonferenz in Puerto Rico warnte Kanzler Schmidt seine westlichen Kollegen vor den Folgen einer Rohstoff-Planwirtschaft -- nicht ohne Eigennutz: Vor allem Bonn mußte dabei draufzahlen.
• aus DER SPIEGEL 28/1976
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Bundeskanzler Helmut Schmidt fühlte sich wieder einmal berufen, großes Unheil abzuwenden nicht nur vom eigenen Vaterland, sondern von der ganzen westlichen Welt.

Mit zwei dicken Aktenordnern Material im Gepäck flog der Bonner Regierungschef, dessen Wohlbefinden immer dann steigt, wenn er eine Katastrophe von Weltmaßstab meistern kann, zum westlichen Wirtschaftsgipfel nach Puerto Rico, um die übrigen Führer des kapitalistischen Westens gegen eine Gefahr einzuschwören. die den reichen Industriestaaten von den Fußkranken der Weltwirtschaft dräut.

Die Entwicklungsländer nämlich verlangen immer heftiger, zuletzt auf der Welthandelskonferenz in Nairobi, daß ihre Rohstoffe mit stabilen Garantiepreisen bezahlt werden. Während Materialien wie Kupfer, Sisal oder Kaffee gegenwärtig an der Londoner Warenbörse je nach Angebot und Nachfrage notiert werden, sollen die Rohstoffpreise künftig auf Jahre hinaus festgeschrieben werden.

Eine solche Planwirtschaft aber, so fürchtet Schmidt, würde zwangsläufig zu höheren Preisen führen, die Industrienationen müßten draufzahlen. Und einige Weststaaten, allen voran Frankreich, haben bislang nach Ansicht des Kanzlers allzuviel Verständnis für die Wünsche der Entwicklungsländer gezeigt.

Im feinen Golfhotel »Dorado Beach« warnte der Deutsche die versammelten Kollegen: Rohstoffabkommen, wie sie die Habenichtse fordern, könnten ähnlich verheerende Auswirkungen auf die Weltökonomie haben wie die Explosion der Ölpreise.

Die Mahnung aus Bonn war nicht ohne Eigennutz: Der Kanzler geht, nicht zu Unrecht, davon aus, daß vor allem die Bundesrepublik bei einer Änderung der Geschäftsgepflogenheiten im Rohstoffhandel bluten müßte. Als größter Rohstoffimporteur Europas würden die Deutschen einmal von Preiserhöhungen am empfindlichsten getroffen; nur die Japaner und die Amerikaner hätten noch mehr zuzulegen. Zum anderen mußten die Westdeutschen riesige Summen für die Finanzierung von Rohstofflagern bezahlen, die bei einer internationalen Rohstofflenkung unvermeidlich wären.

Bonner Experten rechneten aus, daß die Deutschen beispielsweise allein für Kupfer-Halden jährlich zwischen 225 und 400 Millionen Mark aufzubringen hätten. Hinzu kämen Depots für 16 weitere Rohstoffe. Schmidt-Sprecher Armin Grünewald: »Damit wären alle

* Von links: Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing, Kanzler Helmut Schmidt, Japans Premier Takeo Miki, US-Präsident Gerald Ford, Briten-Premier James Callaghan, Kanada-Premier Pierre Elliott Trudeau, Italiens Ministerpräsident Aldo Moro.

Etat-Zuwächse im Bundeshaushalt bis 1985 verplant.«

Am siebeneckigen Konferenztisch im »Dorado Beach« allerdings ließ der Kanzler sich wohlweislich nicht über die deutschen Belastungen aus. Diplomvolkswirt Schmidt referierte statt dessen, mit Unterlagen aus dem Hause seines ordoliberalen Wirtschaftsministers Hans Friderichs gespickt, über allerlei Ungereimtheiten im Forderungskatalog der Entwicklungsländer.

Ungereimtes gibt es dort in der Tat genug. So würden nicht nur Entwicklungsländer bei Preiserhöhungen der wichtigsten Rohstoffe einen guten Schnitt machen, auch Industriestaaten mit großen Rohstoffvorkommen kämen fein heraus. Hauptgewinner wären die Sowjets im Osten, die Australier, Neuseeländer, Südafrikaner und Kanadier im Westen.

Unter den Ländern der Dritten Welt könnten einige Staaten mit reichhaltigen Lagerstätten ebenfalls besonders gut abkassieren, ärmere Nationen hingegen hätten kaum Profit.

Schmidt rechnete in Puerto Rico vor, daß die zwölf Entwicklungsländer mit der größten Produktion -- darunter beispielsweise Brasilien, Malaysia oder Sambia -- rund 57 Prozent des Zugewinns aus höheren Rohstoffpreisen einstreichen würden. In diesen Staaten leben rund 340 Millionen Menschen. Die übrigen 59 Rohstoffexporteure in der Dritten Welt, auf deren Territorium fast die vierfache Zahl zu ernähren ist, müßten sich mit dem Rest begnügen.

Eine von Fachleuten aus dem Hause Friderichs zusammengestellte Länderliste förderte groteske Ergebnisse zutage. Indien beispielsweise mit seinen rund 600 Millionen Menschen würde bei Preiserhöhungen für die wichtigsten Rohstoffe geringere Mehr-Erlöse einstreichen als das afrikanische Ghana, in dem zehn Millionen leben. Einige Entwicklungsländer, wie das afrikanische Obervolta, müßten mangels ausreichender exportfähiger Rohstoffe sogar noch draufzahlen, weil sie dann für ihre Importe höhere Preise zu bezahlen hätten.

Schmidts Fazit: »Wir bezweifeln, ob eine große Zahl von Rohstoffabkommen im wohlverstandenen Interesse der Produzentenländer und der Verbraucherländer läge.«

Als Alternative empfahl der Bonner Regierungschef erneut, was die Deutschen schon in Nairobi vergebens feilgeboten hatten: Fonds, aus denen die Erlöse einzelner Rohstoffe stabilisiert werden sollten. Nach diesem Modell -- von der Europäischen Gemeinschaft bereits mit 46 Staaten aus Afrika, dem karibischen und pazifischen Raum vereinbart -- würden sich die Marktpreise weiterhin frei bilden: bei einem starken Preisverfall jedoch erhielten besonders hart getroffene Exportländer in der Dritten Welt eine Geldspritze aus dem Fonds-Topf.

Des Deutschen Kollegstunde über Rohstoffe (Schmidt: »Die Debatte wurde bisher zu generell geführt") vermochte indes die westlichen Potentaten nicht zu einen. Britanniens Premier James Callaghan etwa optierte zwar für den Schmidt-Plan, bezweifelte aber, daß, wie der Kanzler meinte, die Einheitsfront der Entwicklungsländer auseinanderzubrechen sei.

Gänzlich unbeeindruckt von dem düsteren Gemälde des Deutschen zeigte sich Frankreichs Präsident Valéry Giscard d'Estaing. Der Franzose, der schon seine Abgesandten in Nairobi für die Pläne der Entwicklungsländer votieren ließ, bestritt Schmidts grundlegende Prämisse -- daß nämlich Rohstoffabkommen zwangsläufig höhere Preise zur Folge hätten. Giscard: »Die Preise sollen nicht erhöht, sondern stabilisiert werden. Und das ist auch vorteilhaft für die Industriestaaten.« Der Staatschef aus Paris verschloß sich dem Argument, daß Rohstoffabkommen für die Entwicklungsländer nur einen Sinn machen, wenn diese mehr Devisen in ihre Kasse bekommen.

Helmut Schmidt freilich hofft, mit seinem Freund Valéry doch noch auf einen Nenner zu kommen. Dann, so Schmidt, »ist die Sache schon zu 51 Prozent gelaufen«.

Die nächste Nachhilfestunde in Rohstoffkunde ist für diesen Montag angesetzt, wenn Giscard bei den Schmidts in Hamburg-Langenhorn zu Gast ist.

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