Abschied per Handy: "Ich liebe dich, ich springe jetzt" - DER SPIEGEL
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Abschied per Handy "Ich liebe dich, ich springe jetzt"

Noch vermissen die Mieter des World Trade Center Tausende von Mitarbeitern. Es kursieren schaurige Geschichten. Doch die Firmen bereiten sich bereits mit größten Anstrengungen auf den Alltag vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Der Schock in der New Yorker Finanzwelt sitzt tief. "Die Ereignisse haben unsere Gemeinschaft und uns selbst für immer verändert", schreibt David Morrow, Chefredakteur der Finanz-Website TheStreet.com , in einem Brief an die Leser. Einer seiner Kolumnisten, Bill Meehan von Cantor Fitzgerald, arbeitete im 104. Stock des World Trade Centers. Er ist unter den Trümmern begraben.

Fast jeder in der Finanzwelt ist persönlich betroffen. "Ich kannte Leute im 104. Stock. Es ist merkwürdig, wenn diese Leute, mit denen man täglich telefoniert hat, nicht mehr da sind", sagt Iwan Juwana, Analyst bei Glenrock Asset Management. Chris Aslanian, der selbst aus dem World Trade Center entkommen konnte, erzählt von einem Freund, der vor dem Rauch aufs Dach geflohen war. "Von dort rief er seine Freundin an, sagte: Ich liebe dich und ich springe jetzt."

Stephen Ross, Computerspezialist bei JP Morgan Chase, verbrachte den Mittwochabend wie den Tag zuvor - vor dem Fernseher mit Freunden aus der Finanzbranche. "Nachrichten schauen, zusammen leiden", sagt er.

Doch viel Zeit zur Trauer bleibt nicht. Die betroffenen Firmen arbeiten hart an der Rückkehr zur Normalität. Am Montag werde das New Yorker Büro wieder voll arbeitsfähig sein, sagt etwa Timothy Gleason von der Top-Anwaltskanzlei Harris Beach. Die Kanzlei hatte ein Büro im 85. Stock des zweiten Turms des World Trade Centers. Fünf Mitarbeiter haben sich bis Donnerstagmorgen noch nicht gemeldet. Die meisten der verbleibenden 108 Mitarbeiter werden in neue Büroräume an der Fifth Avenue in Midtown-Manhattan einziehen. Der Rest wird auf die acht weiteren Büros im Staat New York verteilt.

Fast alle Firmen aus dem Finanz-Distrikt betonen ihre Arbeitsfähigkeit. Selbst Morgan Stanley, mit 12,4 Prozent der Fläche der größte Mieter im World Trade Center, kann die Geschäfte weiterführen: Die Investmentbank hat mehrere Büros in Manhattan. Ebenso die Investmentbank Merrill Lynch, deren Zentrale im World Financial Center geschlossen ist. Die 8000 Mitarbeiter verteilen sich auf die andere Standorte auf der Insel.

Auch Ross ging am Mittwoch bereits wieder zur Arbeit. "Ich war einer der wenigen im Büro", sagt er. Die Attacke am Tag zuvor hatte er an seinem Arbeitsplatz in der Wall Street miterlebt. Nun untersuchte er die Computersysteme der Firma von einem der Büros in Midtown aus. "Da unten gibt es noch Probleme mit dem Strom", sagt er.

Juwana zog es ebenfalls am Mittwoch schon wieder ins Büro. Allerdings nur für einen halben Tag und um E-Mails an Freunde zu schicken. "Im Moment ist es einfach nicht richtig, Geld zu machen", sagt er. Juwana und Ross waren unter den ersten Rückkehrern. Am Mittwoch glich der Büro-Distrikt Midtown Manhattan immer noch einer Geisterstadt. "Es war wie ein Feiertag", sagt Juwana.

Am Donnerstag jedoch schien wieder alles wieder normal: Die U-Bahnen morgens um halb neun waren voll bis zu den Türen. Die Geschäfte öffneten, ebenso die Banken. Spätestens mit der Eröffnung der Börse nächste Woche, erwartet Juwana, werde wieder der Arbeitsalltag übernehmen. "Es wird allerdings ein gradueller Prozess sein."