Achterbahnfahrt: Anleger atmen tief durch - DER SPIEGEL
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Achterbahnfahrt Anleger atmen tief durch

Nach dem Verkaufsrausch erholen sich die Börsen am Abend deutlich. Der Dax, der zeitweise sieben Prozent im Minus notiert hatte, geht mit satten Gewinnen aus dem Handel. Der Dow Jones setzt am späten Abend zur Rallye an. Die T-Aktie klettert zweistellig.
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New York/Frankfurt am Main - Eine solche Achterbahnfahrt haben auch altgediente Börsianer lange nicht erlebt. Mit der schwachen Eröffnung in den USA war der Dax am Nachmittag in den freien Fall übergegangen. Panik herrschte auf dem Parkett, der Index fiel in der Spitze um bis zu sieben Prozent. Am frühen Abend legten jedoch sowohl Dow Jones als auch Nasdaq Composite eine Kehrtwende ein und zogen die europäischen Indizes aus dem Keller.

Der Dow Jones, der zeitweise rund 150 Zähler abgegeben hatte, notierte um 20 Uhr MEZ 230 Punkte (2,9 Prozent) fester und eroberte die Marke von 7900 Punkten zurück. Auch der Nasdaq Composite baute mit 1,6 Prozent seine Gewinne aus. Das Kräftemessen zwischen Bären und den Anlegern, die auf ein Ende des Ausverkaufs setzen, ist im vollen Gange: Bis 21.20 Uhr baute der Dow seine Gewinne sogar auf 6,1 Prozent aus und kletterte auf 8170 Zähler. Hält die Erholung, dürfte der Dax am Donnerstag mit deutlichen Kursgewinnen starten.

Hilfe von der Fed?

Anleger in den USA spekulieren weiterhin auf ein Einschreiten der US-Notenbank. Eine Zinssenkung könne die Märkte stabilisieren, so die Hoffnung. Die US-Notenbank lehnte jeden Kommentar zu den Gerüchten ab. Weiterhin hielten sich Gerüchte über ein Einschreiten des sogenannten "Plunge Protection Team" an der New Yorker Börse. Eine weitere Stärkung für die nervösen Märkte war außerdem die Ankündigung des Pharmariesen Merck, in großem Stil eigene Aktien zurück zu kaufen. Zudem meldete die Restaurantkette Mc Donald's deutlich steigende Gewinne.

Telekom und Versicherer im Aufwind

Der Dax kletterte den US-Börsen hinterher und schloss 3,3 Prozent fester bei 3632 Punkten, nachdem er vier Stunden zuvor deutlich unter 3300 Zähler gefallen war. Der Nemax 50 legte 1,6 Prozent auf 530 Punkte zu. Nach Reuters-Berechnungen hat der Dax seit Beginn dieses Monats knapp 130 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung eingebüßt. Allein während der vergangenen vier Handelstage hat der Index 20 Prozent verloren.

Einige Dickschiffe wie DaimlerChrysler  , Volkswagen  , Münchener Rück   und Deutsche Telekom   bauten am Abend ihre Gewinne aus: Die T-Aktie legte sogar zweistellig zu und ging als Tagessieger aus dem Handel.

Auch die Deutsche Bank   und die Allianz   eroberten den grünen Bereich zurück. Berichte, dass US-Banken wie JP Morgan Chase in den Enron-Bilanzskandal verwickelt seien, hatten den Sektor zunächst schwer belastet. Schwächste Werte blieben am Abend HypoVereinsbank   und Epcos   mit 6,3 bzw. 4,5 Prozent Verlust: Die HVB legt am Donnerstag Zahlen vor.

Kursverfall "nicht mehr zu erklären"

Für Analyst Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck war der Ausverkauf am Nachmittag eine klare Übertreibung. "Mit den bekannten Daten ist das nicht mehr zu erklären", kommentierte der Bankenspezialist. In einer derartigen Stimmlage werde jede Nachricht negativ interpretiert und in Verkäufe umgesetzt. Börsenplätze wie London und New York liegen jetzt wieder auf ihren Niveaus von vor rund fünf Jahren, als die Märkte unter anderem von der Schuldenkrise in Russland und der Schieflage des Risikofonds LTCM erschüttert worden waren. Nun wagen sich wieder Käufer vor.

Die Titel von Siemens   hatten nach der Vorlage von Quartalszahlen knapp acht Prozent verloren und waren unter 48 Euro gerutscht. Vor allem der Ausblick und die sinkenden Handy-Verkäufe stießen Aktionären sauer auf. Am Abend erholte sich auch Siemens und kletterte mit einem Gewinn von 1,2 Prozent wieder über 50 Euro.

Zitterpartie an Wall Street geht weiter

Zitterpartie an Wall Street geht weiter

Händler in New York bleiben jedoch skeptisch. Zu tief sitze der neuerliche Vertrauensverlust. "Die Amerikaner misstrauen inzwischen der Industrie und der Börse gleichermaßen", sagte ein Händler. Es bestehe ein hohes Risiko, dass die extrem schwachen Börsen sich nun auch als Bremsklotz für die langsam erwachende Konjunktur erweisen.

Besonders Finanzwerte gerieten in den USA zeitweise unter die Räder. Merrill Lynch gaben am Mittwoch ab, da die Bank bei den angeblichen Insider-Verkäufen von TV-Darling Martha Stewart offenbar eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Die Citigroup   und J.P. Morgan Chase  & Co. wurden bereits am Vortag verdächtigt, dem mittlerweile zusammengebrochenen Energiehändler Enron bei der Verschleierung seiner immensen Schulden geholfen zu haben. Auch hier stehen Untersuchungen an.

Warten auf AOL

Anleger warten auf die Zahlen von AOL Time Warner   und auf die Bilanz des Chemieriesen DuPont  . Der US-Medienkonzern erwägt nach Presseinformationen einen Börsengang seiner Kabelsparte Time Warner Entertainment (TWE). Der weltgrößte Chemiekonzern DuPont hat außerdem eine Übereinkunft zur Übernahme von ChemFirst für 408 Millionen US-Dollar unterzeichnet. Am Abend berichtete McDonald's um 13 Prozent anziehende Gewinne und übertraf damit die Erwartungen der Analysten deutlich.

Händler: Vergleich mit 1997

Fidel Helmer, Leiter des Wertpapierhandels bei Hauck & Aufhäuser, rechnet trotz der Entspannung am Abend nicht mit einer raschen Erholung an den Börsen. "Es ist blauäugig zu sagen, dass diese Ansammlung von schlechten Nachrichten hinsichtlich Bilanzierungsmethoden zu Ende wäre", sagte Helmer. Derzeit notiere der Dax auf dem Stand vom September 1997. Danach habe es eine langanhaltende kräftige Hausse gegeben. "Ich hoffe, dass es diesmal auch so ausgeht, bin aber keineswegs überzeugt davon." Frank Schallenberger, Aktienstratege bei der LBBW, war dagegen optimistischer und hatte bereits am Mittag einen Turnaround prophezeit: "Ich gehe davon aus, dass wir mit weniger als fünf Prozent Verlust schließen", so Schallenberger.

Neuer Markt: Schwergewichte legen zu

Neuer Markt: Balda profitiert von guten Zahlen

Am Neuen Markt stieg das Papier von Balda um knapp zehn Prozent und gehörte mit CE Consumer   zu den größten Gewinnern im Nemax 50. Der Handy-Zulieferer ist im abgelaufenen Quartal in die Gewinnzone zurückgekehrt. Für das laufende Quartal stellte der Vorstand erneut steigende Umsätzen auf 48 Millionen Euro in Aussicht, wie der im Nemax 50 notierte Kunststoffverarbeiter mitteilte. Ab dem 4. Quartal erwartet Balda zudem erste Umsatz-Beiträge aus dem neuen Unternehmensbereich Medizintechnik. Weitere Gewinner im Nemax 50 waren die Schwergewichte T-Online   und Medion  .

Euro über 0,99 Dollar

Der Euro kostete gegen 19 Uhr rund 0,9965 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs bei 0,9915 (Dienstag: 0,9910) US-Dollar fest. Der Dollar kostete damit 1,0086 (1,0091) Euro.