Ägypten: "Wir machen die Wüste urbar" - DER SPIEGEL
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Ägypten "Wir machen die Wüste urbar"

Die ägyptische Wirtschaft boomt, trotzdem kann das Land seinen Nahrungsmittelbedarf kaum decken. Investitionsminister Mahmud Safwat Mohieldin erklärt im SPIEGEL-Interview, wie er neue Flächen für die Landwirtschaft gewinnen möchte - und wie sich mit Wüstenwind Geld verdienen lässt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Hat Ägypten die sieben fetten Jahre hinter sich und muss sich auf die Zeit der mageren Kühe einstellen?

Mohieldin: Die Rezession liegt hinter uns. Statt magerer 3,5 Prozent Wachstum erwirtschafteten wir allein im vergangenen Jahr sieben Prozent, Tendenz steigend.

SPIEGEL: Das hört sich gut an. Dennoch kämpft Ägypten mit gravierenden Problemen, vor allem in der Jahrzehnte lang vernachlässigten Landwirtschaft. Darum müssen Sie inzwischen zwei Drittel der Nahrungsmittel für viel Geld importieren - ebenfalls Tendenz steigend.

Mohieldin: Wir müssen uns in der Tat auf den Agrarsektor konzentrieren, wo nach wie vor die meisten Arbeitnehmer beschäftigt sind. Unsere Äcker steuern immer noch weit mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als die Industrie und die Überweisungen der ägyptischen Gastarbeiter in den Golfstaaten.

SPIEGEL: Wie kann die Landwirtschaft reformiert werden?

Mohieldin: Diesem Ziel können wir näherkommen, wenn wir zum Beispiel mehr Wüstengebiete urbar machen, etwa an den Ufern des Assuan-Staudamms, wo wir zusammen mit dem Sudan das ungenutzte Staudammwasser für Neulandgewinnung verwenden werden.

SPIEGEL: Das riesige Reservoir steht bereits seit 38 Jahren für die Erweiterung der Anbaufläche zur Verfügung ...

Mohieldin: ... und wir werden es jetzt anzapfen. Wir stehen mit der Regierung in Chartum in Verbindung, die auf Urbarmachungsprojekte im Nordsudan setzt.

SPIEGEL: Die Modernisierung der ägyptischen Landschaft erfordert viel Geld. Wo soll das herkommen?

Mohieldin: Da sind Staat und Privatwirtschaft gleicherweise gefordert, zumal Straßen und Eisenbahnen und andere infrastrukturelle Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Die Urbarmachung eines Feddan (0,42 Hektar) Wüstenboden ist unter 15.000 ägyptischen Pfund (ca. 1830 Euro) nicht zu haben.

SPIEGEL: Die Landeigentümer, in der Mehrzahl Parzellenbesitzer, können da nicht mithalten.

Mohieldin: Wir wissen das und bemühen uns um eine Milderung der finanziellen Belastung. Wir unterstützen deswegen eigens geschaffene landwirtschaftliche Kreditinstitute, die zinsgünstige Langzeitdarlehen gewähren. Wir nehmen uns an Pakistan ein Beispiel, wo sich dieses System bewährt hat. Auch aus Indien lassen wir Experten kommen.

SPIEGEL: Bekommen Sie denn keine Hilfe von der Weltbank?

Mohieldin: Die Weltbank finanziert 38 Agrarprojekte mit einem Zweijahresvolumen von zwei Milliarden Dollar, die auch für die Modernisierung der Bewässerungssysteme und zur Sicherstellung einer effizienteren Wasserwirtschaft verwandt werden.

SPIEGEL: Trotz all dieser Pläne verschwindet immer mehr fruchtbares Ackerland im Nildelta und im Niltal, wo sich Städte und Dörfer wie Krebsgeschwüre in die Landschaft fressen.

Mohieldin: Das stimmt. Es gibt aber bereits einen urbanen Bebauungsplan, der den natürlichen Bevölkerungszuwachs berücksichtigt. Uns ist es lieber, ein paar Hektar für eingeplante Bauvorhaben zu verlieren, anstatt den Wildwuchs ungezügelt wuchern zu lassen. Die neuen Trabantenstädte auf Wüstenboden sind ein zusätzlicher Versuch, diese Probleme in Griff zu bekommen.

SPIEGEL: Die 80 Millionen Ägypter verbrauchen immer mehr Energie. Doch die Ressourcen reichen nicht aus. Warum greift Ihre Regierung nicht auf die immer vorhandenen natürlichen Energiequellen zurück: Wind und Sonne?

Mohieldin: Die Gewinnung von Solarenergie ist noch zu teuer, obwohl wir da schon in einem begrenzten Umfang Erfahrungen gesammelt haben. In der Windenergie dagegen machen wir gute Fortschritte. Eine der weltweit besten Windfarmen steht zum Beispiel bei Suez. Wir untersuchen bereits die Möglichkeit, durch Windkraft erzeugten Strom über Spanien und Bulgarien nach Europa zu exportieren. In diesen Sektor werden wir in Zukunft noch viel investieren müssen.

Das Interview führten Amira El Ahl und Volkhard Windfuhr