UNTERNEHMEN Ärger programmiert
Auf Geschäftsreise in den USA sah ein Mercedes-Manager Werbeplakate der Schreibmaschinenfirma Olympia, eines Tochterunternehmens des Elektrokonzerns AEG. Olympia gehört, wie ihre Mutter, seit Herbst vergangenen Jahres zur Firmenfamilie der Daimlers. Doch das Plakat mit dem Motto »Quality made in Germany« zeigte eine Olympia-Schreibmaschine auf dem Kühler eines BMW.
Kaum zu Hause schrieb der Daimler-Mann einen Protestbrief an die Olympia-Hauptverwaltung in Wilhelmshaven: Wenn Olympia schon auf einem Kühler posieren muß, dann solle das doch gefälligst auf einem mit dem Stern geschehen.
Kleinere Probleme wie dieses lösen die Manager aus Untertürkheim sofort. Für größere brauchen sie Zeit.
Eines trieb sie besonders lange um: die Suche nach einer passenden Führungsstruktur für das zusammengekaufte Firmenimperium, dem neben Daimler-Benz
und der AEG auch noch die Maschinenfabrik MTU und das Luft- und Raumfahrtunternehmen Dornier angehören.
Die Vorstandsherren hatten einige Mühe, sich zu verständigen; und so trat mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Alfred Herrhausen mal wieder ein Mann der Deutschen Bank an, um bei Daimler-Benz nach dem Rechten zu sehen.
Herrhausen, einer der beiden Deutsche-Bank-Sprecher, mußte Schiedsrichter spielen. Gegenüber standen sich Mercedes-Chef Werner Breitschwerdt auf der einen, sein Finanzvorstand Edzard Reuter und Produktionschef Werner Niefer auf der anderen Seite.
Breitschwerdt, ein Mann mit 33 Mercedes-Dienstjahren, wollte möglichst wenig an der Aufteilung der Vorstandsarbeit nach Funktionen (wie Finanzen, Produktion oder Vertrieb) ändern. Reuter und Niefer hingegen wollten die bisherige Organisation durch eine Aufteilung nach Produktionsbereichen (wie Pkw, Lkw oder Elektronik) ersetzen.
Schiedsrichter Herrhausen sah sich das Spiel eine Weile an, pfiff dann ab und sagte, wo es langgeht. Ergebnis: Der Einfluß von Reuter und Niefer auf die Geschicke des Konzerns steigt gewaltig. Aber gleichzeitig wird eine überaus komplizierte Führungsstruktur installiert, in der Kompetenz-Streitereien auf Dauer gesichert scheinen.
Der Vorstand soll künftig nach einem Mischsystem von Funktionen und Divisionen gegliedert werden. Fünf Manager sollen für die Funktionen Finanzen, Personal, Technik, Vertrieb und Materialwirtschaft zuständig sein. Daneben sitzen fünf Vorstände, die über die Bereiche Pkw, Lkw, AEG, MTU und Dornier herrschen.
5 : 5 lautet mithin das Ergebnis, ein scheinbar klares Unentschieden zwischen den Vorstellungen Breitschwerdts und denen von Reuter und Niefer. Doch anders als beim Sport zählt beim Großkonzern Daimler-Benz nicht jedes Tor gleich viel.
Werner Niefer, bislang Produktionschef, wird das Pkw-Geschäft alleinverantwortlich steuern und mithin einen Bereich führen, der für Daimler-Benz weiterhin Motor und Getriebe ist. Die Gewinne, die Niefer und seine Mannschaft einfahren, werden entscheidend die Ertragskraft des Gesamtunternehmens prägen und dem Wort des quirligen Schwaben noch mehr Gewicht verleihen.
Vor allem aber wird Edzard Reuter deutlich aufgewertet, soweit das überhaupt noch möglich ist. Er bleibt Finanzchef und bekommt gleichzeitig einen ganz besonderen Posten. Bankier Herrhausen will eine sogenannte Struktur-Kommission im Vorstand einrichten. Das Gremium, dem die für Pkw, Lkw, AEG, MTU, Dornier und Technik verantwortlichen Chefs angehören, ist eine Art Vorstand im Vorstand. Und Vorsitzender
soll Reuter, der Konzernstratege, werden.
Hauptaufgabe des exklusiven Kreises ist es, die Teil-Imperien des Riesen-Reiches unter dem Stern sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Da gibt es vieles, was sich ergänzt.
AEG und Dornier etwa könnten gemeinsam als erstes Unternehmen einen rein deutschen Nachrichten-Satelliten bauen. AEG und Daimler könnten die Automobil-Produktion weiter automatisieren. Möglichkeiten, durch Kombination das Gesamtergebnis zu vervielfachen, gibt es in der schönen neuen Daimler-Welt genügend.
Wieviel davon umgesetzt wird, ist noch offen. Sicher ist vorerst nur, daß im Top-Management viel Zeit für mannigfaltige Kompetenz-Streitereien draufgehen wird. Eine Gliederung nach zugleich funktionalen und divisionalen Zuständigkeiten, das ist, als zeichne man senkrechte und waagerechte Linien auf ein Blatt Papier: Da gibt es viele Schnittstellen.
Rudolf Hörnig etwa ist für Technologie im gesamten Konzern zuständig. Gleichzeitig haben die einzelnen Divisionen - der Personenwagen-Bereich oder Dornier - Entwicklungschefs. Streit darüber, wieviel Hörnig den Kollegen in den Bereichen hineinregieren kann, ist absehbar. Ähnliche Probleme wird es für Personalchef Manfred Gentz, für Vertriebschef Hans-Jürgen Hinrichs und Materialwirtschaftler Peter Sanner geben. Sie alle treffen auf Divisionschefs, die gewiß auf ihre Eigenständigkeit bedacht sind.
Ein Streit über die Struktur-Kommission ist bereits entbrannt, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen kann. Der oberste Daimler-Mann, Werner Breitschwerdt hat, zumindest im Prinzip, nichts gegen sie. Nur kann er kaum zulassen, daß in diesem erlauchten Zirkel, unter Edzard Reuter, die eigentliche Vorstandsarbeit geleistet wird.
Da geht es beispielsweise darum, ob Reuter die Ergebnisse der Kommission erst Breitschwerdt, dem Vorstandsvorsitzenden, oder gleich dem Aufsichtsrat Herrhausen vorträgt. Reuter will den Vorsitz in der Kommission nur annehmen, wenn sie unabhängig arbeiten kann und Breitschwerdt nicht ständig hineinregiert.
Daß die beiden so sorgfältig darauf achten, wer nach dem Herrhausen-Plan wieviel Kompetenzen zu- oder abgesprochen bekommt, liegt in der jüngeren Daimler-Geschichte begründet, in der Manager der Deutschen Bank ebenfalls Regie führten.
Zweimal schon sollte Reuter, Sohn des ehemaligen Berliner Bürgermeisters, auf dem Chefsessel Platz nehmen. Beide Male wußte die Deutsche Bank zu verhindern, daß Reuter, der Sozialdemokrat, diesen Vorzeige-Konzern steuert. Beim letzten Mal zogen die Banker den exzellenten Techniker Breitschwerdt dem exzellenten Unternehmensstrategen Reuter vor.
Der Streit um die Organisation der Struktur-Kommission ist denn auch eine Fortsetzung des Machtkampfs mit anderen Mitteln. Bankier Herrhausen wird wohl noch oft Gelegenheit haben, den Schiedsrichter zu spielen.