Ärztestreik "Gesundheitswesen auf der Intensivstation"
Hannover - Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund erwartet mindestens 3000 Demonstranten in Hannover. Gestreikt wird heute in 20 Städten, darunter in 14 Universitätskliniken und sechs psychiatrischen Landeskrankenhäusern. Schon gestern haben mehrere tausend Klinikärzte für eine höhere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen demonstriert. Die Mediziner, vertreten durch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund, fordern 30 Prozent mehr Gehalt und die Bezahlung von Überstunden.
Im Tarifkonflikt an den Universitätskliniken wollen die Länder ihr Angebot für die streikenden Ärzte nicht nachbessern. "Wir haben ein tolles Angebot gemacht. Nun muss sich erst mal der Marburger Bund bewegen", sagte der Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft der Länder, Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring, der Nachrichtenagentur dpa. Der CDU-Politiker betonte: "30 Prozent ist eine abwegige Forderung. Und der Streik ist besonders ärgerlich, weil wir dem Marburger Bund schon sehr weit entgegen gekommen sind."
Hauptkritikpunkt der Ärzte sei, dass sie derzeit unzählige unbezahlte Überstunden leisten müssten. Dazu hätten die Länder ein gutes Angebot vorgelegt. Zwar wäre die Regelarbeitszeit für Ärzte demnach mit künftig 42 Stunden höher als bisher und könnte sogar individuell auf bis zu 48 Stunden erweitert werden, diese Stunden würden aber voll bezahlt, betonte Möllring.
Die Forderung der Ärzte nach bis zu 30 Prozent mehr Gehalt stößt auch bei dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach auf Ablehnung. "Ich halte das nicht für bezahlbar", sagte er dem "Mannheimer Morgen". Lauterbach sagte, er gönne zwar Berufsanfängern und jungen Assistenzärzten wegen ihrer langen Arbeitszeiten moderat höhere Einkommen. Das gelte aber nicht für die etablierten Oberärzte, deren Dienste zum Teil gut bezahlt würden. "Und das gilt erst recht nicht für die Chefärzte, von denen nicht wenige mehr als 400.000 Euro im Jahr verdienen."
Das Problem der jungen Ärzte lasse sich nicht durch mehr Geld lösen. Das Gesundheitssystem in Deutschland müsse vielmehr effizienter werden. So sollten auch Klinikärzte Patienten ambulant behandeln dürfen. "Fast jeden dritten Krankenhausaufenthalt könnten wir uns sparen", sagte Lauterbach. Das Einsparpotenzial liege bei bis zu zehn Milliarden Euro. "Mit dem Geld könnten wir die Fachärzte deutlich besser bezahlen", sagte er.
Warnung vor "Wartelistenmedizin"
Der Chef der Gemünder Ersatzkasse (GEK), Dieter Hebel, empfahl in der "Berliner Zeitung" den Klinik-Arbeitgebern dringend, den Forderungen nicht nachzugeben. Hebel sagte, letztlich müssten die Beitragszahler die höheren Gehälter finanzieren. "Immerhin gibt es für viele Arbeitnehmer derzeit nur geringe oder gar keine Lohnzuwächse", sagte er. "Es geht längst nicht allen Ärzten schlecht", betonte Hebel. Ihm seien Fälle bekannt, in denen einfache Klinikärzte - einschließlich Abrechnungen für Privatpatienten - auf 80.000 Euro Bruttogehalt pro Jahr kämen, Oberärzte auf 120.000 Euro und Chefärzte auf eine halbe Million Euro pro Jahr. "Und das sind wirklich keine Ausnahmeerscheinungen", sagte Hebel.
Patienten, die den Eindruck hätten, ihre Operationen würden durch die Streiks zu Unrecht verschoben, riet Hebel, sich an ihre Krankenkasse zu wenden. "Wir nehmen solche Meldungen ernst", versicherte er. "Sollte sich herausstellen, dass die Beschwerden gerechtfertigt sind, werden wir alles daran setzen, dass den Patienten geholfen wird."
Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg Dietrich Hoppe, warnt jetzt vor einer "Wartelistenmedizin" in Deutschland. "Wenn alle Ärztinnen und Ärzte Deutschlands auf die Straße gehen, dann liegt das Gesundheitswesen auf der Intensivstation, dann hat die Politik höchsten Handlungsbedarf", sagte Hoppe der dpa in Berlin mit Blick auf den Streik an Unikliniken und auf den für Freitag geplanten Protesttag der Praxisärzte. "Rationierung und Unterfinanzierung dürfen nicht weiter ignoriert werden." Die Politik in Bund und Ländern müssten einer drohenden "Billigmedizin" entgegenwirken.
lan/ddp/dpa