Affären Wurde Mannesmann-Chef Esser bestochen?
Hamburg - Fest steht: Der Mannesmann-Konzern, Deutschlands Vorzeigeunternehmen, wurde nach dramatischer Übernahmeschlacht geschluckt von Vodafone, dem britischen Mobilfunkriesen. Chris Gent, von der Boulevardpresse der "Hai" genannt, hatte seinen Widersacher, Mannesmann-Chef Klaus Esser ("Bild": "Das Superhirn"), nach wochenlangem Machtpoker zur Strecke gebracht. Am 3. Februar 2000 willigte Esser endlich ein: "Für die Aktionäre", sagte er damals, "habe ich alles nur Mögliche herausgeholt."
Unklar ist bis heute nur: Mit welchen Methoden wurde der Sieg von Vodafone errungen? War es allein der Druck der Aktionäre, die vom großen weltbeherrschenden Mobilfunkanbieter träumten, der zum Einlenken zwang? War es die Einsicht, dass nach Gents Powerplay ohnehin die Kapitulation dicht bevorstand? Oder haben, wie die Staatsanwälte vermuten, die hohen Geldsummen eine Rolle gespielt, die Esser nach seiner Kapitulation erhielt? Die gezahlten Gelder, die in Aufsichtsratsprotokollen später als "Anerkennungs-Prämie" firmierten, betrugen 31 Millionen Mark für Esser und weitere 31 Millionen Mark für sein 14-köpfiges Team.
Die Schlüsselrollen in dem Wirtschaftskrimi spielen drei Personen. Da ist der Brite Gent, 52, gelernter Banker, der unbedingt Chef des größten Handy-Konzerns der Welt werden will. Da ist Esser, 53, der lange Jahre Finanzchef von Mannesmann war und der den Konzern erst seit wenigen Monaten leitet, und da ist ein Mann aus Hongkong, Canning Fok, 49, der sich in der heißen Phase der Übernahmeschlacht im Steigenberger Parkhotel einquartiert hatte.
Der weitgehend Unbekannte, von dem nur wenige Fotos existieren, ist Mitglied im damaligen Mannesmann-Aufsichtsrat gewesen. Dort vertrat er den größten und bedeutendsten Einzelaktionär Hutchison Whampoa, einen weltweit agierenden Mischkonzern, der dem Multimilliardär Li Ka-shing, 72, gehört. Fok weilte an diesen Tagen in Düsseldorf, um die Interessen seines Chefs zu vertreten, diskret und wirkungsvoll.
Er ist der Mann, dem Esser bereits den Kauf der britischen Mobilfunkfirma Orange verdankte. Er ist es, der Esser die Millionenprämie nach übereinstimmender Aussage andiente.
Mittlerweile haben sich viele Beteiligte zu den Vorgängen während der heißen Tage der Übernahmeschlacht geäußert, in Büchern, Interviews und Hintergrundgesprächen. Die Chronik der letzten fünf Tage vor dem Aus für den selbständigen deutschen Konzern Mannesmann ist die Chronik eines Machtpokers, bei dem es um viele Arbeitsplätze und viele Milliarden Mark ging.
SONNTAG, 30. JANUAR 2000
Der Tag fängt schlecht an für Klaus Esser. Der französische Mischkonzern Vivendi, mit dem er eine Fusion anstrebt, um einer Übernahme zu entgehen, lehnt dankend ab und das öffentlich. Was für eine Demütigung für das "Superhirn".
Sein Widersacher Gent ist ihm zuvorgekommen. Der Vodafone-Chef und Vivendi-Boss Jean-Marie Messier treten in Paris freudestrahlend vor die Kameras der Weltpresse und verkünden eine Kooperation der beiden Firmen. "Für mich und mein Team", sagt Esser, "eine herbe Enttäuschung."
Monatelang hatte Esser mit Messier über eine Fusion verhandelt. Doch kurz vor Abschluss wechselt der Franzose überraschend ins andere Lager. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Darstellungen. In einem kürzlich erschienenen Buch zweifelt Messier an den seriösen Vertragsabsichten des "Zauderers" aus Düsseldorf und nährt damit die Vermutung der Ermittler.
Kurz vor Abschluss der bereits ausgehandelten Verträge, schreibt Messier, habe der Mannesmann-Chef per Fax unverhofft neue Forderungen vorgetragen. Esser, so Messier, stellte fest vereinbarte Eckpunkte in Frage. Die Anschuldigungen von Messier seien "haltlos", sagt Esser. Er sei hintergangen worden, weil Messier "ohne mein Wissen mit Gent verhandelt hat".
MONTAG, 31. JANUAR 2000
Der Mannesmann-Chef sortiert seine Karten: Welche Trümpfe hält er in der Hand? Wer steht noch zu ihm aus dem Lager der Aktionäre? Gibt es da noch einen Joker, den es auszuspielen lohnt?
Über 30 Telefonate mit Fondsmanagern und Bankern führt er an diesem Tag. Zuhören, nachfragen, mitnotieren. Auch seine Berater geben den Telefonhörer stundenlang nicht aus der Hand.
Viele der Befragten signalisieren dem Konzernchef, dass "er das Umtauschangebot von Vodafone nach dem Vivendi-Deal nun doch lieber annehmen soll". Eine Mehrheit von über 50 Prozent der Aktionäre, die eine Abwehr der Attacke gesichert hätte, sieht er schon "zu diesem Zeitpunkt als gefährdet an". Gegen Mittag unterrichtet der Mannesmann-Chef in Düsseldorf seinen Aufsichtsrat über die Lage. Die Uhr tickt. Nur eine Woche noch, dann läuft die Frist für die Annahme des Vodafone-Angebotes aus. 53,7 Vodafone-Aktien für ein Mannesmann-Papier hat Gent allen Anteilseignern geboten. Esser schlägt dem Aufsichtsrat vor, "Verhandlungen mit Gent über eine friedliche Einigung aufzunehmen". Das Gremium stimmt zu, wohlwissend, dass Esser noch einen Trumpf im Ärmel hat.
Parallel nämlich verhandelt ein Mannesmann-Team über eine Kooperation, die den Verkauf des Konzerns noch abwenden kann: einen Zusammenschluss mit dem zweitgrößten europäischen Internet-Anbieter, AOL Europe. Doch die Gespräche mit den Amerikanern und dem zweiten Anteilseigner von AOL Europe, Bertelsmann, erinnert sich Esser, "liefen seit Wochen klebrig".
Um 14 Uhr telefoniert Esser mit Gent. Beide verabreden sich zum Verhandlungsgespräch in Düsseldorf. Ohne Vorbedingungen.
DIENSTAG, 1. FEBRUAR 2000
Gent fliegt schon am frühen Morgen mit einem Privatjet nach Düsseldorf. Er hält einen Vortrag auf Einladung der Messegesellschaft, danach trifft er Esser im traditionsreichen Industrieclub, nahe der Königsallee. Es geht um die Details einer Fusion. Über einige Rahmenbedingungen wie die Europa-Zentrale in Düsseldorf oder die Abspaltung der Mannesmann-Röhrenwerke, sagt Esser, besteht schnell Einigkeit.
Nur über die alles entscheidenden Unternehmensanteile können sich die beiden nicht einigen. Esser will 52 Prozent an der Fusionsfirma für die Mannesmann-Aktionäre sichern, Gent setzt auf Sieg und verlangt 53 Prozent für die Vodafone-Aktionäre. Einigung? Ausgeschlossen! Esser schlägt vor, den Kapitalmarkt, also das Stimmungsbarometer Börse, noch eine Weile zu beobachten und sich dann erneut zu treffen. Gent ist einverstanden.
Hektische Telefonate mit Großaktionären folgen. Aktionäre, die über dreistellige Millionenpakete verfügen, werden nach ihrer Meinung befragt. Um 18 Uhr berichtet Esser dem Aufsichtsrat: "Die Stimmung ist gekippt."
MITTWOCH, 2. FEBRUAR 2000
Seit Stunden bekommt der Mannesmann-Chef weitere Negativmeldungen von der Kapitalseite. Es gibt, sagt er, "keinen Zweifel mehr, dass wir die Mehrheit verloren haben". Allein im Büro, greift Esser zwischen 14 und 15 Uhr zum Telefonhörer und ruft Gent an, der längst wieder nach Newbury in sein Hauptquartier geflogen war. Er solle doch bitte "nach Düsseldorf zurückkommen, um den noch ausstehenden Punkt zu klären".
Doch Gent stellt Bedingungen. Er werde nur kommen, wenn sichergestellt sei, dass Mannesmann eine Minderheitsbeteiligung akzeptiert. Er verlangte quasi eine Unterwerfungserklärung.
Esser sieht für sich keine Chancen mehr und lenkt ein. "Bei 49,5 Prozent habe ich schließlich Ja gesagt." Für den Mannesmann-Chef ist damit der entscheidende Punkt der Übernahmeschlacht erreicht: "Da hat es endgültig klick gemacht."
Knapp drei Stunden später, gegen 18 Uhr, sitzt Gent bereits in einem der fünf Konferenzzimmer in der 21. Etage des Mannesmann-Hochhauses, um Einzelheiten zu besprechen.
Esser hat in der Zwischenzeit zwei weitere entscheidende Telefonate geführt. Mit Canning Fok, den er über seine Bereitschaft informiert, "mit Gent bei 49,5 Prozent" abzuschließen. Fok sitzt zu diesem Zeitpunkt nur wenige hundert Meter entfernt.
Seit Tagen residiert er schon im nahe gelegenen Hotel an der Königsallee und zieht im Hintergrund die Strippen, lässt sich von Esser informieren und nimmt die Instruktionen des Hongkonger Multimilliardärs Li Ka-shing entgegen. Fok ist hocherfreut. Mit diesem Abschluss hätte sich der Wert des Hutchison-Aktienpakets in wenigen Wochen um einen zweistelligen Milliardenbetrag gesteigert.
Ein zweites Telefonat führt Esser mit Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff. Der Vorsitzende des Medienkonzerns ruft an, um frohe Botschaft aus New York zu verkünden. Der Knoten bei den Verhandlungen über eine Kooperation mit AOL sei endlich geplatzt. Die Verträge, so Middelhoff, könnten unterschrieben werden. Steve Case, Chef des US-Internet-Dienstes, stehe für einen Termin bereit.
Esser winkt ab. "Ich habe Herrn Middelhoff gesagt, dass es zu spät sei. Denn ich hatte Gent gerade eben zugesagt." Middelhoff später gegenüber Vertrauten: "Ich verstehe diesen Esser nicht."
Warum hat der Noch-Mannesmann-Chef diese vielleicht letzte Chance nicht genutzt, fragen sich seine Kritiker? War denn wirklich schon alles gelaufen?
"Mit meiner Prämie", sagt Esser, "hatten all die Vorgänge nichts zu tun." Von dem Geld will er erst um "19 oder 20 Uhr am gleichen Tag" erfahren haben.
Da nämlich spaziert ein unerwarteter Gast in die laufenden Gespräche mit Gent: Hutchison-Geschäftsführer Fok. Er bittet den Mannesmann-Chef "um ein kurzes Gespräch im Nebenraum". Dort, so Esser, "hat Fok mir gratuliert und gesagt, dass Hutchison mir wegen der hervorragenden Leistung eine Prämie von 31 Millionen Mark zukommen lassen will".
Esser lehnt nach eigener Aussage ab. "Ich habe Fok mitgeteilt, dass ich Geld nur von meinem Arbeitgeber annehmen kann." Nur für den Fall, dass dieser zustimme, habe er vorsorglich zwei Bedingungen gestellt: "Die Hälfte der Prämie sollte an mein Team gehen. Außerdem müsse auch Vodafone als künftiger Besitzer des Gesamtkonzerns der Zahlung zustimmen." Der Noch-Chef will später keinen Ärger mit Gent haben.
Wie in einem mittelmäßigen Krimi geht es weiter: Fok verschwindet im Nachbarzimmer, telefoniert nun mit seinem Boss Li Ka-shing. Dessen Botschaft: "Fok teilte mir mit, dass Li die Summe verdoppeln wolle" damit Esser und nun auch sein Team reich belohnt werden können.
Danach redet Fok mit Gent, ebenfalls im Nebenzimmer. Der Vodafone-Chef verspricht, in seinem Board am nächsten Morgen für die Prämie zu werben. Zumindest will er sicherstellen, das niemand sie später beanstanden wird vorausgesetzt, in den nächsten Stunden werde eine Einigung erzielt.
Sie wird erzielt. Alle strategisch wichtigen Fragen vom Verkauf der Röhrenwerke bis zur künftigen Festnetz-Strategie werden in den nächsten Stunden abgearbeitet. Um 1.30 Uhr nachts sind sich Gent und Esser schließlich handelseinig. Im 21. Stock knallen die Champagnerkorken.
Hat die Millionenprämie den Ausgang der Übernahmeschlacht beeinflusst? Gab es "geheim getroffene Absprachen" zwischen den Kontrahenten, die den Beteiligten "den größtmöglichen persönlichen Profit versprachen", wie es die Staatsanwaltschaft in ihren Ermittlungsakten vermutet und weshalb sie Ermittlungsverfahren gegen Esser, Gent und den Aufsichtsratschef Joachim Funk einleitete? Warum griff Esser bei Vivendi nicht zu? Warum nutzte er das AOL-Angebot nicht zumindest als Joker, um doch noch eine 50:50-Lösung auszuhandeln? Waren Teile der Übernahme gar eine geschickte Inszenierung? Esser bestreitet all das vehement.
In der Entgegnung, die sein Anwalt Sven Thomas am 31. Januar 2001 bei der Staatsanwaltschaft hinterlegte, heißt es: Die Anerkennungsprämie sei "erstmals nach Erzielung einer Einigung (...) durch Canning Fok in Vorschlag gebracht worden".
DONNERSTAG, 3. FEBRUAR 2000
Der Nervenkrieg geht weiter, eine rechtsverbindliche Einigung gibt es noch nicht. Gent hat, so Esser, nach kurzer Sitzung von seinem Board die Zustimmung für den Deal erhalten. Auch der Anerkennungsprämie, teilt er dem Mannesmann-Chef telefonisch mit, habe das Gremium zugestimmt.
Gegen Mittag landet Triumphator Gent in Düsseldorf. Doch überraschend lässt ihn das Mannesmann-Management nicht ins Konzernhochaus einziehen. Telefonisch wird dem Vodafone-Boss mitgeteilt: "No way". Gent muss zu seinem Team, das in einem anderen Mannesmann-Gebäude auf der gegenüberliegenden Rheinseite sitzt.
Der Grund: Die Juristen und Investmentbanker von Vodafone, die in Düsseldorf den Vertrag formulieren sollen, sind in Siegerlaune und wollen die Deutschen offenbar demütigen. Die nachts verabredeten Punkte sind mittags noch immer nicht schriftlich fixiert. Hinzu kommt: Die Briten fordern, dass der Mannesmann-Aufsichtsrat sofort zurücktritt. Erst Stunden später gelingt es Gent und Esser nach hektischen Telefonaten von der einen zur anderen Rheinseite einen Vertrag zu präsentieren. Der Aufsichtsrat bleibt vorerst im Amt.
Spät in der Nacht, gegen 23 Uhr, treten beide Konzernchefs lächelnd vor die Kameras der Weltpresse und verkünden, dass die Übernahmeschlacht ein friedliches Ende gefunden habe. Der Vodafone-Chef: "Klaus und ich, wir sind beide Gewinner." Esser sagt: "Ich freue mich auf eine Zusammenarbeit mit Chris Gent."
FREITAG, 4. FEBRUAR 2000
Der Aufsichtsrat tritt gegen 12 Uhr zusammen. DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp, Henning Schulte-Noelle von der Allianz-Versicherung und Ex-Bahnboss Heinz Dürr sind laut Protokoll erst gar nicht erschienen. Andere, wie Wirtschaftsexperte Jürgen Donges, werden per Telefonkonferenz zeitweise zugeschaltet. Fok jedoch ist anwesend. Er bedankt sich für die "hochprofessionelle Arbeit" Essers.
Der bittet den Aufsichtsrat, die Verträge anzunehmen. Außerdem, teilt der Mannesmann-Chef mit, werde er den Konzern am 31. Juli verlassen. Bis dahin will er "beim Übergang helfen". Von der hohen Abschiedsprämie erfahren die Aufsichtsräte an diesem Tag nichts.
Die Millionenzahlung wird nur im kleiner besetzten Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten unter Leitung von Chefkontrolleur Funk und mit den Stimmen von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und Deutsche Bank-Vorstand Josef Ackermann abgesegnet. Das Gremium tagt vor der Aufsichtsratssitzung. Im Protokoll heißt es:
Herr Dr. Esser soll auf Initiative des Großaktionärs Hutchison Whampoa und nach einer zwischen Hutchison und Vodafone getroffenen Abstimmung eine Anerkennungsprämie in Höhe von 10 Millionen Britischen Pfund erhalten. Der Ausschuss stimmt diesem zu. Die Prämie wird gezahlt, wenn Vodafone die Aktienmehrheit erworben hat.
GEORG BÖNISCH, FRANK DOHMEN, GABOR STEINGART