»Aggressive Expansion« - DER SPIEGEL
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Fernsehen »Aggressive Expansion«

• aus DER SPIEGEL 16/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Sie haben einen Vertrag mit Leo Kirch abgeschlossen. Was genau wurde vereinbart?

Redstone: Was wir beschlossen haben, geht weit über einen normalen Programmlizenzvertrag hinaus und bedeutet sehr viel für Viacom. Die Kirch-Gruppe wird unsere TV-Stoffe und Filme verwerten können. Außerdem sollen unsere Fernseh-Kanäle MTV, VH-1 und ein täglich zweistündiges Kinderprogramm von Nickelodeon demnächst über Kirchs digitales TV-Paket angeboten werden. Das ist eine entscheidende Verstärkung unserer Präsenz in Deutschland, einem sehr wichtigen Markt für Viacom.

SPIEGEL: Warum brauchen Sie dafür Leo Kirch, der als Schlitzohr gilt und von Konkurrenten als schwieriger Partner geschildert wird?

Redstone: Mir ist egal, was andere über ihn sagen. Ich kenne Leo Kirch persönlich leider nicht gut genug, aber was ich von ihm weiß, nötigt mir Respekt und Bewunderung ab. Unsere Produktionsfirma Paramount arbeitet seit 30 Jahren hervorragend mit ihm zusammen. Er war immer ein ehrenwerter, verläßlicher Partner, eine der ganz großen Adressen in Deutschland.

SPIEGEL: Was wollen Sie und Kirch dem deutschen Fernsehzuschauer an Neuem präsentieren?

Redstone: Wir sind noch in der Planungsphase. Seien Sie versichert, wir werden den Deutschen noch vieles bieten, das haben wir mit Herrn Kirch verabredet. Es wäre allerdings verfrüht, schon jetzt über Umsätze oder gar Marktanteile zu spekulieren.

SPIEGEL: Und Viacom-Sender und Filme werden in Deutschland nur noch über Kirch angeboten?

Redstone: Das gilt weitgehend für Paramount TV-Shows und Filme, aber nicht für unsere Sender. MTV, VH-1 und Nickelodeon werden auch weiterhin für Kabelkunden verfügbar bleiben. Wir werden uns nicht dauerhaft exklusiv an nur einen Partner binden. Wenn Bertelsmann ein anderes System für den digitalen Vertrieb von TV-Programmen bietet, werden unsere Sender sicher auch dort zu sehen sein.

SPIEGEL: Das heißt, der Vertrag mit Kirch ist kein Exklusivvertrag? Wofür wird Kirch dann in den nächsten zehn Jahren rund 2,5 Milliarden Mark an Sie bezahlen?

Redstone: Kirch hat für die nächsten Jahre das Recht, unsere TV-Programme exklusiv für den deutschsprachigen Markt zu verwerten: egal ob für Abo- oder Gratis-TV. Für Kontinental-Europa behalten wir uns die Pay-Vermarktung unserer Filmrechte selbst vor, Kirch hat die Exklusivlizenzen für das kostenlose Free-TV. Dieser Deal ist, das können Sie glauben, erst der Anfang einer künftig weit umfangreicheren Kooperation - warum nicht auch mit anderen Partnern?

SPIEGEL: Sie wollen sich auch in Spanien und Italien einkaufen, suchen Partner für Asien und Südamerika. Planen Sie, Ihre Konkurrenten, Medienmulti Rupert Murdoch und Disney-Chef Michael Eisner, zu überrunden?

Redstone: Ich sehe keinen von beiden als Konkurrenten. Viacom expandiert und achtet nicht so sehr darauf, was die anderen tun. Bei Viacom stand immer schon auf der Tagesordnung, unsere Produkte auf der ganzen Welt zu vertreiben. MTV zum Beispiel war Pionier für globales Sparten-Fernsehen und wird heute in 270 Millionen Haushalten empfangen. Und so wollen wir für all unsere Marken aggressive Expansion.

SPIEGEL: Welche Bedeutung hat das Auslandsgeschäft heute für Sie?

Redstone: Es macht 20 Prozent unseres Umsatzes aus. Ich habe mir vorgenommen, das bis zur Jahrtausendwende zu verdoppeln.

SPIEGEL: Und alle Menschen sollen überall auf der Welt das gleiche sehen?

Redstone: Manche Filme und TV-Shows sind universell einsetzbar. Deshalb konnten wir auch das Geschäft mit Kirch machen. Unsere Sender dagegen sind erfolgreicher, wenn sie den Märkten angepaßt werden. Von weltweit neun MTV-Versionen gibt es allein vier in Asien: in Englisch, Mandarin und Hindu. Die sind alle komplett verschieden von dem, was Sie hier in Deutschland sehen.

SPIEGEL: Auch andere Medienkonzerne kaufen TV-Stationen oder kooperieren, um ihren Vertrieb organisieren zu können. Muß ein globales Medienunternehmen sich wirklich um alles selbst kümmern - den Film, den Sender und die Vermarktung?

Redstone: »Content is king« - das bleibt unser Credo. Leute gucken nicht nach Kanälen oder Vertriebssystemen, die Menschen gucken sich Sendungen an. Besonders in Europa können uns allerdings Beteiligungen an Sendern helfen, unsere Programme bekannt zu machen. Wir sind derzeit die einzige Company, die es erfolgreich geschafft hat, ein Filmstudio mit einem großen Fundus wie Paramount mit einer Gruppe sehr erfolgreicher Networks zu verheiraten. Wie wir arbeiten, sehen Sie in Deutschland, wo es bei dem Deal mit Leo Kirch nicht nur um unsere Produkte, sondern auch um unsere Sender geht.

SPIEGEL: Nur noch wenige Medienkonzerne geben weltweit den Ton an. Sehen Sie keine Gefahren für die Meinungsvielfalt?

Redstone: Diese Frage wird mit Recht überall auf der Welt gestellt. Ich denke, Regierungen haben die Pflicht, darüber zu wachen, daß es gesunden Wettbewerb gibt, daß offener Zugang für die größtmögliche Zahl von Stimmen besteht. Das Grundrecht freier Meinungsäußerung ist für mich unverzichtbar. Ich glaube nicht, daß die großen Unternehmen dieses Recht gefährden.

SPIEGEL: Deutschland gilt vielen Ausländern als schwieriger, weil von Medienwächtern regulierter Markt. Dennoch wollen Sie hier Geld verdienen?

Redstone: Ich bin kein Experte für Deutschland, obwohl wir hier sehr präsent sind mit drei Sendern und unserer Videokette Blockbuster. Ich sehe viel gesunden Wettbewerb mit großen Unternehmen wie Bertelsmann oder Burda, die ich alle auch persönlich kenne. Allein die Tatsache, daß wir um den jetzt mit Kirch geschlossenen Vertrag mit drei möglichen Partnern hart verhandelt haben, zeigt mir, wie gut der Markt bei Ihnen funktioniert.

SPIEGEL: Viacom-Programme in Deutschland sollen auch im Abonnementfernsehen vermarktet werden. Sehen Sie für das Pay-TV überhaupt Chancen angesichts des überwältigenden Angebots freier TV-Kanäle?

Redstone: In der ganzen Welt hat es immer zuerst freies Fernsehen gegeben, und erst später wurden den Leuten spezielle Angebote gegen zusätzliche Bezahlung gemacht. Überall gibt es Menschen, die für tolle Fernsehangebote bezahlen wollen. Aber Pay-TV wird immer nur eine von vielen Wahlmöglichkeiten sein. Es wird immer eine große Auswahl freier Kanäle geben. Von unseren wirklich nicht geringen TV-Umsätzen weiß ich nämlich, daß das im Pay-Bereich erwirtschaftete Einkommen im Verhältnis zum Free-TV deutlich geringer ist. So wird das auch auf absehbare Zeit bleiben.

SPIEGEL: Sehen Sie die Gefahr, das Free-TV zum Billig-Fernsehen verkommt?

Redstone: Ich glaube nicht. Wir haben das in den Staaten nicht erlebt, und ich glaube nicht, daß es in Deutschland passieren wird.

SPIEGEL: Sie sind schon 72 Jahre alt.

Redstone: . . . ich weigere mich, das einzugestehen. Ihre Behauptung ist eigentlich eine Verleumdung. Ja, ich bin 72, aber ich fühle mich wie 40.

SPIEGEL: Leo Kirch wird 70, wie zukunftweisend ist diese Allianz der alten Männer?

Redstone: Das hat mit dem Alter der Eigentümer nicht viel zu tun. Hier geht es um junge, engagiert zupackende Unternehmer. Wir führen Firmen, die so vital sind wie wir selbst.

SPIEGEL: In einem Alter, wo andere längst in Pension gehen, haben Sie vor ein paar Wochen ihren obersten Manager gefeuert. Machen Sie jetzt alles selbst?

Redstone: Wir mußten Defizite bei der internationalen Expansion korrigieren. Passiv zu sein, sich nicht zu kümmern garantiert den Mißerfolg. Wer ein Unternehmen erfolgreich führen will, muß vor allem Leidenschaft mitbringen und damit alle Mitarbeiter anstecken.

SPIEGEL: Haben Sie schon ihre Nachfolge geregelt?

Redstone: Kaum eine andere Firma hat so eine hervorragende Truppe bestausgebildeter Executives wie wir. Und für den unglücklichen Fall, daß ich ausfallen sollte, wird dieses Unternehmen ein professionelles Management haben. Und dann wären da noch meine Kinder. Meine Tochter Shari leitet die National Amusements Inc., die in den USA, in Südamerika und in England Kinos betreibt. Sie ist mir sehr ähnlich, voller Energie und Leidenschaft fürs Geschäft. Auch mein Sohn Brent ist Member of the Board bei Viacom. So wird die Firma wohl in der Familie bleiben. Vorerst aber gibt es mich noch, und ich werde demnächst öfter in Deutschland sein. Es gibt da viel zu tun.

[Grafiktext]

Viacom in Zahlen

[GrafiktextEnde]

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