Aggressive Multis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 40 / 122

WEIN Aggressive Multis

Übersee-Weine erobern den alten Kontinent. Vor allem internationale Getränkekonzerne wittern das große Geschäft mit den exotischen Tropfen.
Von Kai Stenzel
• aus DER SPIEGEL 44/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eichen säumen den Weg zum prächtigen Herrenhaus im kapholländischen Stil. Im Museum von Groot Constantia am Kap der Guten Hoffnung wird die Geschichte erzählt, wie der Wein im 17. Jahrhundert vom alten Kontinent an die Südspitze Afrikas kam.

Ein neues Museum wäre längst überfällig. Denn heute nehmen viele Trauben den umgekehrten Weg über den Atlantik. »Die Hälfte unserer Weine exportieren wir nach Europa, die meisten gehen nach Großbritannien und Deutschland«, sagt Pierre Alberts, der Verwalter des ältesten Weinguts in Südafrika. Besonders gefragt seien die Roten: Cabernet Sauvignon, Shiraz und Merlot.

Nicht nur am Kap freuen sich die Winzer über volle Auftragsbücher. Der Handel mit den Übersee-Tropfen boomt wie verrückt. Die Exporte nach Deutschland und in andere europäische Länder stiegen im vergangenen Jahr zweistellig.

Schon treten die internationalen Getränkekonzerne, die über sinkende Margen bei Bier und Spirituosen klagen, auf den Plan. Gierig greifen die Multis nach Weingütern in der Neuen Welt.

So war der australischen Foster's-Gruppe die Übernahme der kalifornischen Kellerei Beringer im vergangenen September rund drei Milliarden Mark wert - Branchenrekord. Doch es geht auch bescheidener: Im April kaufte der Konzern für zehn Millionen Mark den neuseeländischen Weinhersteller Matua Valley. »Unsere Akquisitionsstrategie geht weiter. Wir setzen auf das Weinsegment, da man dort verdammt gut verdient«, sagt Alexander Melsheimer, Marktmanager für Zentraleuropa.

Seit Jahresmitte verzichtet Foster's auf den Namenszusatz »Brauerei« - ein Zeichen für den Wandel des Getränke-Riesen.

Anfang des Jahres legte der australische Weinbauer Southcorp ("Penfolds«, »Lindemans") 1,6 Milliarden Mark für die australische Kellerei Rosemount auf den Tisch. Über die Hälfte seines Umsatzes von 1,2 Milliarden Mark erzielt der nunmehr fünfgrößte Weinproduzent der Welt durch Exporte. Vor allem in Deutschland sieht Southcorp-Chef Keith Lambert das Marktpotenzial noch wenig ausgeschöpft.

Der britische Spirituosenkonzern Allied Domecq erhöhte Ende August seinen Anteil an dem neuseeländischen Weinproduzenten Montana von 27 auf 70 Prozent. Im Juni kauften die Briten das kalifornische Weingut Buena Vista. Gute Aussichten erwartet Deutschland-Geschäftsführer Chris Zanetti: »Übersee-Weine spielen in unserem Sortiment eine überragende Rolle. Für Europa und speziell für den deutschen Markt gehen wir von einem weiteren Wachstum aus.«

Deutschland ist nach Frankreich, Italien und den USA der umsatzstärkste Weinmarkt der Welt. »Zwar haben Weine aus der Neuen Welt bisher nur einen Marktanteil von vier Prozent, doch wenn die Wachstumsdynamik anhält, können in ein paar Jahren daraus sicher zehn werden«, schätzt Armin Göring, Geschäftsführer des Deutschen Weininstituts.

Knapp 24 Liter Rebensaft trank der Durchschnittsdeutsche im vergangenen Jahr - sechs Prozent mehr als 1999 und so viel wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Das Land der Biertrinker ist Geschichte: Erstmals gaben die Haushalte für Wein genauso viel aus wie für Bier.

Besonders Rotwein bleibt mit einem 11prozentigen Absatzplus ein Renner. In der klassischen Heimat von Müller-Thurgau und Riesling stieg der Marktanteil von Dornfelder und Co. auf 48 Prozent - und überflügelte damit den Weißweinverkauf. Da aber auf den rund 100 000 Hektar Anbaufläche in Deutschland zu drei Vierteln weiße Trauben wachsen, liegt vor allem im Rotweingeschäft die große Chance der Newcomer aus Übersee.

Konsequent werden deshalb dort die Anbaugebiete erweitert: Bis zum Jahr 2005 will Südafrika seine Rebflächen um fast ein Drittel ausbauen, Chile sogar um 75 Prozent. Im Gegensatz dazu sind die Anbauflächen in Westeuropa in den vergangenen fünf Jahren geschrumpft.

Mit riesigem Werbe-Tamtam ziehen die großen Weinproduzenten vor allem in deutsche Verbrauchermärkte und Discounter ein, wo drei Viertel der ausländischen Weine über die Ladentheke gehen. »Der kalifornische Riese Gallo kalkuliert mit einem Marketing-Budget von bis zu 1,50 Mark pro Flasche, für deutschen Wein kann man höchstens 20 Pfennig ansetzen«, sagt Göring, dessen Weininstitut seit diesem Frühjahr den Schauspieler Heinz Hoenig ins Werbe-Rennen schickt.

Unter der geistlosen Zeile »Hat Klasse schmeckt klasse« wirbt der rundliche Genießer für trockene Weine aus deutschen Landen. Reklameheld Hoenig behauptet: »Nichts liegt näher.« KAI STENZEL

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 122

Mehr lesen über