Airbus-Chef Galloi "Wir lassen keinen fallen"
Paris - "Alles wird über Dialog und Abstimmung laufen. Wir lassen niemanden fallen", sagte Louis Gallois der Zeitung "La Dépêche du Midi" (Toulouse). Der Sanierungsplan "Power8" könne "nur in einem Kontext der Gleichheit" der Airbus-Gründerländer umgesetzt werden.
Die Entwicklungsprobleme und Lieferverzögerungen beim Prestigeobjekt A380 hatten den europäischen Flugzeugbauer Airbus und seinen Mutterkonzern EADS in eine tiefe Krise gestürzt.
"Die Zukunft von Airbus steht auf dem Spiel", sagte der EADS-Co-Chef. "Wegen des Dollarverfalls haben wir seit dem Start des A380 20 Prozent Wettbewerbskraft im Vergleich zu Boeing verloren." Die Befehlskette müsse tiefgehend reformiert werden. "Man kann nicht länger ein System behalten, das in der Kommandokette von Airbus mit verborgenen nationalen und parallelen Hierarchien arbeitet."
Zwar stünden weder Hamburg noch Toulouse zur Disposition, doch könne man "sich fragen, ob keine bessere Aufteilung der Aufgaben vorstellbar" sei. Dies werde nun geprüft. Auch die Lieferanten müssten sich anpassen und effizienter werden.
Die Stelle eines Airbus-Geschäftsführers soll laut Gallois "so schnell wie möglich" besetzt werden. Als einziger Kandidat soll nur noch der Eurocopter-Chef Fabrice Brégier im Rennen sein.
1000 Zeitarbeiter müssen gehen
Gestern war bekannt geworden, dass die Verträge von 1000 Zeitarbeitern nicht verlängert werden. "Sicherheit durch Flexibilität", kurz "SiduFlex" - so heißt die 2003 getroffene Betriebsvereinbarung bei Airbus. Sie kommt jetzt erstmals voll zum Tragen. Verträge von 1000 der 7300 derzeit beschäftigten Zeitarbeiter werden nicht verlängert. Künftig werde außerdem Mehrarbeit nicht mehr ausbezahlt, sondern auf Arbeitszeitkonten eingezahlt, teilte das EADS-Tochterunternehmen mit. Ausgelagerte Arbeiten würden möglichst wieder in die Standorte integriert, weitere Fremdvergaben von Aufträgen verschoben. Airbus prüfe außerdem die Möglichkeit, Mitarbeiter zwischen den Standorten zeitweise auszuleihen oder ganz auszutauschen.
Geschäftsführung, Tarifvertragsparteien und der Konzernbetriebsrat vereinbarten den SiduFlex-Vertrag vor drei Jahren. So sollten betriebsbedingte Kündigungen auch im Krisenfall verhindert werden. Dieser Krisenfall ist nun eingetreten, nach der erneuten Lieferverzögerung beim A380. In den vergangenen Tagen war immer wieder berichtet worden, dass "SiduFlex" jetzt zum Tragen komme und Airbus plane, Tausende Zeitarbeiter zu entlassen.
Unterdessen geht der Kampf um die Zukunft der deutschen Airbus-Werke weiter. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hat im Hinblick auf eine mögliche deutsche Staatsbeteiligung bei EADS eine Mischlösung gemeinsam mit privaten Investoren ins Gespräch gebracht. In der N24-Sendung "Was erlauben Strunz" sagte er aber, der Staat solle beim Mutterkonzern des in die Krise geratenen Flugzeugherstellers Airbus "keine direkten Entscheidungen wahrnehmen".
Eine Staatsbeteiligung Deutschlands könne nur "der letzte Ausweg" sein, falls sich keine privaten Investoren finden, sagte der CSU-Politiker. Es gebe derzeit "den Versuch, ein Konsortium zu bilden, das dann zur Verfügung steht", falls DaimlerChrysler einen Teil seines Anteils rasch verkaufen sollte. "Wir bemühen uns, hinter den Kulissen etwas auf die Beine zu stellen, was nicht staatliche Beteiligung ist."
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) setzt bei EADS auf private Investoren statt auf ein staatliches Engagement. Der Tageszeitung "Welt" sagte er, eine staatliche Beteiligung bei Airbus dürfe nur "vorübergehend" sein. Vielleicht gebe es auch "wesentlich bessere Wege, um über private Investitionen die Balance im Konzern beispielsweise zwischen Deutschland und Frankreich aufrechtzuerhalten".
Singapore Airlines könnte A380-Auftrag kündigen
Wulff hat zudem EADS-Co-Chef Thomas Enders und Airbus-Deutschlandchef Gerhard Puttfarcken bei einem Treffen in Hannover aufgefordert, die norddeutschen Airbus-Standorte nicht zu benachteiligen. Sparprogramme müssten ausgewogen auf die Produktionsstandorte verteilt werden, forderte er: "Die erhebliche Aufbauleistung der Beschäftigten bei Airbus muss gewürdigt werden." Enders betonte, Einzelheiten der Restrukturierung stünden noch nicht fest, das Programm werde in den kommenden Monaten ausgearbeitet.
Derweil hat Singapore Airlines eine Rücknahme seiner A380-Bestellung nicht ausgeschlossen, sollte sich die Auslieferung des neuen Airbus-Großraumflugzeugs zu lange verzögern. "Wenn die Auslieferungen zu lange verschoben werden und zu einem Zeitpunkt kommen, wenn wir sie nicht benötigen, könnten wir sie tatsächlich annullieren", sagte der Vizepräsident der Fluggesellschaft, Bey Soo Khiang, der Zeitung "La Tribune". Dem französischen Blatt zufolge hat Airbus Singapore Airlines noch kein konkretes Lieferdatum für die neun bestellten Maschinen genannt.
Ein Sprecher der Fluggesellschaft betonte, die Äußerungen des Vizepräsidenten bezögen sich auf die vertragliche Option, den Auftrag im Verzögerungsfall zu kündigen. Eine Entscheidung dazu sei aber noch nicht gefallen. Das Unternehmen habe bereits bei Bekanntwerden der Verzögerungen erklärt, diese Option nicht auszuschließen. Eine Stellungnahme von Airbus lag nicht vor.
tim/dpa-AFX/AP/Reuters