Airbus: Trügerischer Messe-Rausch - DER SPIEGEL
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Airbus Trügerischer Messe-Rausch

Wie ein Phoenix aus der Asche: Auf der Luftfahrtmesse in Le Bourget trumpft Airbus auf, als hätte es nie eine Krise gegeben. Doch die Liste der Bestellungen ist nur auf den ersten Blick spektakulär.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paris - Mit Louis Gallois und seiner Mannschaft zieht gute Laune in den düsteren Konferenzraum: "Ich kann ihnen voller Überzeugung versichern, Airbus ist zurück", schmettert der Chef des krisengeschüttelten Flugzeugherstellers auf der wichtigsten Airbus-Pressekonferenz der Luftfahrtmesse Le Bourget den Journalisten entgegen. Zwei Stühle weiter sitzt Verkaufschef John Leahy, strahlt über das ganze Gesicht. Er hat am Tag zuvor praktisch stündlich beeindruckende Deals verkünden dürfen - 339 Bestellungen im Wert von 45,7 Milliarden Dollar, heute kamen etliche hinzu.

US-Konkurrent Boeing brachte es gestern mit 49 Aufträgen gerade mal auf ein Volumen von 4,4 Milliarden Dollar - eine Bilanz, die heute mit einem Auftrag von 63 Maschinen im Wert von 8,8 Milliarden Dollar ein wenig aufgebessert wurde.

Doch trotz der Boeing-Erfolge heute: Am Tag nach dem großen Triumph wirken die Konzernoberen von Airbus, die sich auf der Bühne nebeneinander drängen, so gelöst wie Schuljungen am letzten Tag vor den Sommerferien.

Kein Wunder. Die Show - sonst ein Heimspiel für den europäischen Konzern - drohte, für Airbus peinlich zu werden. Für das neue Prestige-Objekt des Konzerns, A350 XWB, gab es nur 13 Festbestellungen - bei Boeing standen für das Konkurrenzmodell 787 schon rund 600 Orders in den Büchern. Airbus gehe mit Super-Sonderrabatt-Angeboten bei den Kunden hausieren, lästerte das "Wall Street Journal" und berief sich auf den Chef der irischen Fluglinie Aer Lingus, Dermot Manion, der gerade sechs A350 bestellt hatte: "Natürlich haben wir das bestmöglich genutzt", sagte der. Auch sonst sei es um Airbus nicht gut bestellt - eine Auftragsflut sei diesmal in Le Bourget unwahrscheinlich, munkelten Schwarzseher. Ein Ansporn für Leahy und seine Mannschaft? Zumindest verhandelten sie im Akkord.

Die Bestellung von Air France über 18 A320 wurde gestern unterschrieben, "um 14.30 Uhr", wie Leahy heute zufrieden erklärt. Von der Riesen-Auftragswelle zeigte sich mancher Messebesucher überrascht. Sicher, von den mehr als 300 Aufträgen sind nur 163 Festbestellungen, als die PK stattfindet. Und oft wurden bereits bekannte unverbindliche Order in verpflichtende Vereinbarungen umgewandelt. "Doch selbst wenn man die abzieht, ist das ziemlich ordentlich", sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Grossbongardt auf der Messe.

Experten bleiben skeptisch

Dennoch bleiben die Experten skeptisch. Von "wieder da sein" könne bei Airbus noch nicht die Rede sein, heißt es. Die Flut an neuen Ordern zeige zwar, dass die Kunden dem Unternehmen vertrauten, sagt Stefan Halter, Analyst bei der HypoVereinsbank (HVB). "An den grundsätzlichen Problemen von Airbus ändern die starken Auftragseingänge indes nichts." Die Erfolge seien noch lange nicht der Beweis, dass die Kunden die neuen Airbus-Flieger für gut befunden haben, so die Experten. Beim A380 komme die kritische Phase im Oktober, wenn die erste Maschine an Singapore Airlines geliefert ist, sagt Halter. Nach den Branchengesetzen müsste es danach zu zahlreichen Orders kommen. Auch Luftfahrtexperte Grossbongardt schränkt sein Airbus-Lob ein: "Die Bestellungen kommen nur von Stammkunden", sagt er. Wirklich symbolträchtige Verträge seien nicht dabei.

Ob die noch abgeschlossen werden, ist fraglich. Denn wichtige Kunden haben vor Le Bourget herumgenörgelt am A350. Dabei sind die Entwürfe schon einmal generalüberholt worden, was die Entwicklungskosten von fünf auf elf Milliarden Euro steigen ließ. Doch auch die neue Version überzeugt längst nicht jeden. Der Chef der Leasinggesellschaft ILFC, Steve Udvar-Hazy, erklärte der "Seattle Times" lapidar: "Mein Team hat einfach nicht das Gefühl, dass Airbus genügend Fortschritte gemacht hat." Emirates-Chef Tim Clark setzte noch einen drauf - und forderte Änderungen am Rumpf, die Airbus wohl noch einmal um Jahre zurückwerfen würden. Im Gegensatz zum Konkurrenzmodell Boeing 787 soll der Flugzeug-Torso zu Clarks Unbehagen bei der A350 nicht aus einem Guss, sondern aus mehreren zusammengenieteten Teilen bestehen. Die Wartung sei leichter, argumentieren Befürworter der Technologie - doch Clark klagt über die erhöhten Reibungsverluste.

Noch dazu gab es vor der Messe mächtig Ärger zwischen Deutschen und Franzosen bei Airbus und im Mutterkonzern EADS. Co-Chef Tom Enders etwa empörte sich via "Bild" über die 8,5-Millionen-Euro-Abfindung für den umstrittenen Gallois-Vorgänger Noël Forgeard, den er für die Krise von Airbus verantwortlich macht. Und der frisch gebackene französische Premier Nicolas Sarkozy wackelt wieder einmal am sorgsam austarierten deutsch-französischen Aktionärspakt. Sogar ein zur Beziehungspflege gedachtes Treffen zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Sarkozy im Juli in der Airbus-Zentrale in Toulouse stand Insidern zufolge auf der Kippe.

Risiko Dollarverfall

Dass bei Airbus nach dem fulminanten Messeauftakt deshalb längst nicht alles so harmonisch abläuft, lässt sich trotz der gut inszenierten Jubelstimmung auch auf dem Fliegerfest nicht verbergen. So forderte etwa der Koordinator der deutschen Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, Peter Hintze (CDU), gestern, die zum Verkauf stehenden Airbus-Werke in Deutschland mögen doch bitte an deutsche Firmen verkauft werden. Heute kommentiert Gallois mit kühlem Lächeln diese Bitte: Der für die Unternehmen beste Bieter werde das Rennen machen.

Für einen Augenblick droht dem Airbus-Chef die gute Laune sogar abhanden zu kommen - als er auf eines seiner Statements vor der Messe angesprochen wird. Werde der Dollar noch schwächer, reiche das Sanierungsprogramm "Power 8" möglicherweise für die gesetzten Sparziele nicht mehr aus, hatte er angedeutet. Das nämlich ist für einen Eurokurs von 1,35 Dollar konzipiert. Ob das weitere Einschnitte bedeuten könne? "Wir entwerfen da keine Szenarien", poltert Gallois. Sollte das tatsächlich stimmen, sollte er sich schnell an die Arbeit machen. Immerhin ist der Euro schon bei rund 1,34 angelangt.

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