Airline-Branche Konterrevolution gegen Sicherheitschecks
Schanghai - Pierre Jeanniot ist kein Mann, die der Chancen der Luftfahrt durch die rosa Brille sieht. Nach dem September-Schock drohe der Airline-Branche ein neues Horrorjahr, fürchtet der Franzose, der demnächst sein Amt als Chef der Internationalen Luftfahrvereinigung IATA aufgeben wird. Vor Steuern würden die Fluglinien weltweit in diesem Jahr Verluste von sechs Milliarden Dollar einfliegen - der zweitgrößte Defizit in der Geschichte der Luftfahrt. Jeanniots designierter Nachfolger, der Italiener Giovanni Bisignani, erwartet gar, dass sich die Luftfahrt frühestens für 2004 erholt. Noch befinde sie sich in einem "Zustand der Not".
Kein Wunder also, dass Airline-Manager beim Jahreskongress der IATA in Schanghai - dem ersten seit dem 11. September - vor allem über eines sprechen: über Kosten und wie man sie kürzt. Vor dem Hintergrund dieses Sparzwangs ist eine neue Debatte über die Sicherheitsmaßnahmen auf Flughäfen entbrannt.
Lufthansa-Chef Jürgen Weber etwa warnt, mit "hektischem Tun" würde nur zu viel Geld ausgegeben. Natürlich müsse rund um die Welt der höchste technische Stand der Sicherheit erreicht werden, sagt er - warnt aber zugleich: "Wir müssen aufpassen, dass nicht eine Region durchdreht und alle mitmachen müssen - die USA sind auf dem besten Weg dazu." Die Fluglinien dürften ihre Kunden nicht "schikanieren".
Webers Äußerungen passen zu denen von Donald Carty, dem Chef der größten US-Fluglinie American Airlines. Er hatte schon in der vergangenen Woche, vor dem IATA-Kongress, dazu aufgerufen, einige der Anti-Terror-Maßnahmen auf Flughäfen wieder abzuschaffen. Es wäre ein "hohler Sieg", wenn Flüge zwar sicherer werden, der Sicherheitsaufwand aber so hoch sei, dass Normalpassagiere abgeschreckt würden. Nach dem 11. September seien viele "übereilte Entscheidungen" getroffen worden. Es sei zum Beispiel nicht nachvollziehbar, warum Fluggäste am Gate noch einmal durchsucht oder durchleuchtet werden müssten, wenn sie schon durch einen anderen Sicherheits-Checkpoint gegangen seien.
Selbst William Gaillard, der Sicherheitsexperte der IATA, schlägt in dieselbe Kerbe: "In den USA haben die Leute heute keine Angst vorm Fliegen, sondern Furcht vor dem ganzen Aufwand zuvor", sagte er bei der IATA-Tagung. Zwei Stunden Abfertigungszeit auch für einen Kurzstreckenflug seien ein Problem, unterschiedliche Forderungen beim Sicherheitscheck ein anderes. Manchmal müssten die Fluggäste ihre Schuhe ausziehen, manchmal nicht. "Das hängt nur davon ab, was der Dienst habende Beamte gerade will", sagt Gaillard.
Die IATA setzt deshalb auf moderne, aber weniger personalaufwendige Technologie, die mehr Komfort für den Passagier ermöglichen soll. Vor allem hofft der Verband auf die Biometrie, das Erfassen von Fingerabdrücken, Augen oder Gesichtsformen per Computer. Durch die Kontrolle dieser Angaben, die bereits im Reisepass der Fluggäste und in zentralen Datenbanken von Behörden gespeichert sein könnten, ließe sich verhindern, dass Terroristen an Bord gingen.
Sollten die Regierungen aller beteiligten Länder zustimmen, so die IATA, fielen für die 99 Prozent der Passagiere, die völlig unverdächtig seien, stundenlange Wartezeiten und komplizierte Sicherheitstests weg. "Die 85-Jährige im Rollstuhl müsste nicht mehr aufwändig überprüft werden", sagt IATA-Funktionär Gaillard.