Aktien oder Lohnerhöhung Streit um Köhlers Vorschlag
Düsseldorf - Unternehmer sollten ihre Mitarbeiter mit Gewinnbeteiligungen und Aktien motivieren, hatte Bundespräsident Horst Köhler in einem Interview erklärt. Eine Idee mit großem Entwicklungspotential, finden deutsche Arbeitgeber. Der Bundespräsident weise hier den richtigen Weg, erklärte der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, Reinhard Göhner, dem "Handelsblatt". "Die Produktivitätsentwicklung ist der richtige Maßstab für Lohnerhöhungen."
Auch eine breite Beteiligung der Bevölkerung am Produktivkapital sei "natürlich richtig", sagte Göhner. Dabei solle aber das Ziel im Vordergrund stehen, möglichst vielen Arbeitnehmern den Aufbau einer privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge zu ermöglichen.
Empört reagierte allerdings die IG Metall auf Köhlers Vorschläge. "Neben dem Arbeitsplatzrisiko können die Arbeitnehmer nicht auch noch das Kapitalrisiko tragen", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Jürgen Peters. Wenn eine Beteiligung der Arbeitnehmer an Betrieben über die Tarifverträge vereinbart würde, "dann ist das so etwas wie Zwangssparen". Die Massenkaufkraft werde so nicht gestärkt, und bei einem Abschwung würden die Beschäftigten doppelt bestraft.
Zwar sei die IG Metall dafür, dass die Arbeitnehmer am Gewinn beteiligt werden, erklärte Peters. In der Praxis würden die Beschäftigten derzeit aber nur am Verlust beteiligt. Köhler hatte dagegen erklärt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten begreifen, "dass sie im Betrieb angesichts des weltweiten Wettbewerbs im selben Boot sitzen." In den USA und Großbritannien sind ähnliche Ideen unter Begriffen wie stakeholder society spätestens seit den Tagen Ronald Reagans und Margaret Thatchers verbreitet.
Glos und Rüttgers hinken 20 Jahre hinterher"
Köhler war nicht der einzige Politiker, der dieser Tage mit seinen Vorschlägen für die Arbeitswelt von morgen für Aufruhr sorgte. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) appellierten ihrerseits an die Wirtschaft, mit Rücksicht auf den Konsum bei den anstehenden Tarifverhandlungen gute Lohnangebote zu machen - und lösten damit ebenfalls eine hitzige Debatte aus.
"Die Löhne sollten endlich wieder stärker steigen als die Inflationsrate, so dass die Kaufkraft der Menschen steigt", sprang der Wirtschaftsweise Peter Bofinger den Politikern zur Seite. "Glos und Rüttgers hinken mindestens 30 Jahre hinter dem Stand der Wissenschaft her", konterte jetzt der Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Lohnerhöhungen können die Nachfrage nicht beleben, weil sie zu Lasten der Investitionen finanziert werden müssen. Ohne Investitionen entstehen auch keine neuen Arbeitsplätze."
Lucke gehört zu den Initiatoren des "Hamburger Appells" vom vergangenen Juni. Darin hatten 250 deutsche Professoren bestritten, dass die Binnennachfrage durch eine Umschichtung von Gewinnen zu den Arbeitseinkommen gestärkt werden könne.
"Außer dem Interessenvertreter der Gewerkschaften im Sachverständigenrat gibt es kaum einen prominenten Wirtschaftswissenschaftler, der der Ansicht wäre, dass man den Herausforderungen der Globalisierung mit Lohnerhöhungen begegnen kann", sagte der Hamburger Volkswirt jetzt noch einmal. Die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland werde von Vorstellungen geprägt, die einen erschreckenden Mangel an ökonomischem Sachverstand erkennen ließen.