Aktien-Premiere Bahn riskiert Börsendebakel
Hamburg - Es ist kein besonders guter Tag für die große Nachricht. Am Morgen ist die größte US-Sparkasse Washington Mutual zusammengebrochen, in Belgien bringen Gerüchte über Liquiditätsprobleme den Finanzkonzern Fortis an den Rand des Abgrunds. Doch die Bahn zieht ihre Pläne durch: In Zeitungen werben vierseitige Anzeigen für den "Champion aus Deutschland", die russische Staatsbahn RZD bekundet ihr Interesse an dem Konzern. Und gegen zehn Uhr heißt es: Am 27. Oktober ist es so weit.
Glasfassade des Bahn-Towers am Potsdamer Platz in Berlin: "Das ist einfach nur erzwungen", sagt ein Experte über den Börsengang
Foto: DDPDie Katastrophenmeldungen von den Finanzmärkten wirken allerdings wie ein böses Omen. Kaum ein Unternehmen traut sich zur Zeit an die Börse: Die Anleger sind hochnervös, lassen sich von Gerüchten treiben, niemand weiß, ob nicht auch in Deutschland bald Banken ins Wanken geraten. Die Konjunkturaussichten sind mies. "Es ist die schwierigste Zeit für einen IPO seit vielen Jahren", resümiert Oliver Roth von der Close Brothers Seydler AG. Heino Ruland, Analyst des unabhängigen Beratungsunternehmens FrankfurtFinanzPartner geht noch weiter: "Dieser Börsengang kommt zum völlig falschen Zeitpunkt", erklärt er. Da würden aus politischen Gründen Milliarden verbrannt.
Vor allem Mehdorn hatte bei dem Prestigeobjekt Druck gemacht: Er will den Gang an den Aktienmarkt unbedingt noch 2008 durchziehen. Im Wahljahr 2009 wird die Große Koalition der höchst umstrittenen Aktion sicher keine Rückendeckung mehr geben, so das Kalkül. Eine Überlegung, die Milliarden kosten wird, wettert Ruland. "Wenn sich die Situation an den Finanzmärkten wieder beruhigt und die Wirtschaft sich erholt hat, könnte man sehr viel mehr an der Börse einspielen."
24,9 Prozent der Bahn-Transporttochter DB Mobility Logistics will der Staat verkaufen - auf Erlöse von bis zu acht Milliarden Euro hoffte die Regierung noch vor wenigen Wochen. Von solchen Summen spricht inzwischen niemand mehr. Für die zum Verkauf stehenden Teile würden derzeit 4,7 bis 5,3 Milliarden Euro veranschlagt, berichtet die "Financial Times Deutschland" unter Berufung auf Finanzkreise. Ruland findet auch diese Schätzung noch "sehr vermessen." Er taxiert das Potential auf gerade einmal 2,5 Milliarden Euro.
Schon ohne Börsenkrise wäre der Börsengang ein Abenteuer. Erfahrungswerte gibt es nicht in Deutschland. Und die Chancen des Papiers sind heftig umstritten. Grundsätzlich seien Eisenbahnaktien ein "defensives" aber attraktives Investment, sagt Stefan Rausch, Analyst bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). "Es gibt bei Eisenbahnen keine großen zyklischen Schwankungen", sagt er. "Das gilt vor allem für den Personenverkehr." Schließlich müssen die Menschen auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten zur Arbeit kommen. Noch dazu hätte die Deutsche Bahn den Vorteil, in Europa eines der wenigen börsennotierten Eisenbahnunternehmen und damit weitgehend konkurrenzlos als Anlage zu sein.
Kritiker weisen dagegen auf die miesen Erfahrungen mit anderen Privatisierungen hin. Vor allem der Kurs der T-Aktie stürzte nach einem fulminanten Start dramatisch ab. "Ein ehemaliger Staatsbetrieb schleppt Altlasten mit sich herum: extrem hohe Personalkosten beispielsweise, weil viele Mitarbeiter noch verbeamtet sind", sagt Roth. Er sei deshalb "nicht euphorisch", was die Bahn betreffe.
"So ein bisschen Immobilienkrise"
Mehdorn tut alles, um Erinnerungen an das T-Aktien-Debakel zu vermeiden. Er ignorierte den Wunsch der SPD nach einer zweiten Volksaktie - die B-Aktien richten sich vor allem an institutionelle Anleger. Schlichte Werbespots für den Normalbürger, für die bei der Telekom Schauspieler Manfred Krug auftrat, sind derzeit nicht im Fernsehen zu sehen. Stattdessen reist Mehdorn durch die Welt, um das Gespräch mit Vertretern von Staatsfonds oder Banken zu suchen.
Der Bahnchef entwirft rosige Zukunftsszenarien. Angesichts steigender Ölpreise und der Angst vor dem Klimawandel werde die Bahn als umweltfreundliches Transportmittel zunehmend attraktiv, wirbt er gern. Der Welthandel werde in den kommenden Jahren Prognosen zufolge zudem um jährlich fast sechs Prozent wachsen, die Logistikbranche deshalb blühen, lautet ein weiteres Argument. Da werde man sich doch nicht abhalten lassen, weil in den USA "so ein bisschen Immobilienkrise" sei, erklärte er vor einigen Wochen flapsig vor Journalisten. Oder auch "ein bisschen arg", wie er dann noch hinzufügte.
"Die Frachtraten sind in den vergangenen sechs Monaten international dramatisch eingebrochen", hält Analyst Ruland dagegen. Die Branche bekomme die Wirtschaftskrise mit voller Wucht zu spüren. Der Börsengang sei deshalb ein echtes Himmelfahrtskommando für die Bahn, die potentiellen Anlegern vor allem die Logistiktochter Schenker anpreist.
Auch Börsenexperte Roth warnt: "Man muss sich nur vorstellen, der 27. Oktober ist ein Tag wie heute. Das wäre ein sehr, sehr unglücklicher Startpunkt - für jedes Unternehmen." Für Roth ist klar: Die Bahn hat den Termin "in der Hoffnung auf Genesung" erst einmal festgezurrt. "Nehmen wir mal an, der Dax verliert in den kommenden Wochen wegen unerwarteter Ereignisse 600 oder 800 Punkte. Dann möchte ich behaupten, dass das Unternehmen den IPO doch noch einmal verschiebt."