Aktienhandel Wie Börsen Kursbeben stoppen wollen
Hamburg - Auf dem Börsenparkett in Tokio herrschte in den letzten zwei Tagen das Chaos. Nachdem bekannt geworden war, dass die Staatsanwaltschaft gegen das Internetunternehmen Livedoor ermittelt, stießen zahllose Anleger ihre Papiere aus Angst ab, in den Strudel eines Börsenskandals gezogen zu werden. Der Nikkei-Index rauschte heute zwischenzeitlich um mehr als 700 Punkte in den Keller. Der 225 Werte umfassende Index verlor zeitweise mehr als fünf Prozent und schloss 2,94 Prozent niedriger bei 15.341 Zählern.
Am Ende des Tages musste die Börse schließlich die Notbremse ziehen. Die Börsenleitung beendete den Handel zum ersten Mal 20 Minuten vor Ablauf der regulären Zeit - weil das Computersystem durch den aufgeheizten Handel zusammenzubrechen drohte. Die Zahl der Transaktionen hatte die kritische Marke von etwa vier Millionen erreicht, die Kapazitätsgrenze des Systems liegt bei 4,5 Millionen.
Es ist nicht das erste Mal, dass das Computersystem seine Schwächen offenbart. Im November hatte ein neues Betriebssystem die Großrechner und den gesamten Handel fast einen ganzen Tag lang lahm gelegt. Im Dezember ließ dann der Tippfehler eines Brokers den Nikkei um zwei Prozent einbrechen - weil die fehlerhafte Verkaufsorder erst am nächsten Tag korrigiert werden konnte. Japans damaliger Börsenchef Takuo Tsurushima war daraufhin von seinem Posten zurückgetreten.
"50 Milliarden Euro Kapital vernichtet"
Doch nicht nur wegen des offensichtlich maroden Zustands des Börsen-Systems treibt der Kurseinbruch dieser Tage japanischen Börsianern und Regierungsmitgliedern den Schweiß auf die Stirn. Sie fürchten vor allem die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Immerhin wurde durch den Aktiensturz innerhalb von drei Tagen Kapital in Höhe von 250 Milliarden Euro vernichtet, was etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Schweden entspricht.
Der japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi versuchte bereits, das Problem möglichst klein zu reden. Die Panik auf dem Parkett sei nur "vorübergehend" und die japanische Wirtschaft "stabil", so dass sie ein solches Ereignis verkraften könne, erklärte er. Koizumi rief die Börse und die Händler auf, gemeinsam an einer Lösung mitzuwirken.
Um ähnliche Szenarien zu verhindern, haben europäische und amerikanische Börsen in den letzten Jahren nicht nur ihre Computer entsprechend ausgerüstet. Auch gegen extreme Kurseinbrüche in Folge von Panikverkäufen gibt es Sicherheitsmechanismen. In New York etwa wird der Handel nach den Regeln des sogenannten circuit breakers für eine Stunde ausgesetzt, wenn der Dow Jones bis 14 Uhr Ortszeit um zehn Prozent nach unten rutscht. Sinkt er zwischen 14 und 14.30 Uhr auf minus zehn Prozent, ruhen die Geschäfte für eine halbe Stunde. Sollte der Kurs um 30 Prozent fallen, wird der Handel auf dem Parkett sogar für den Rest des Tages eingestellt.
Erstmals eingeführt wurde dieses Kontrollsystem nach dem Crash von 1987. Nach seiner ersten Bewährungsprobe 1997, als der Dow Jones nach Eröffnung des Handels um über 550 Punkte einbrach, geriet es jedoch heftig in die Kritik. Die Aussicht auf einen kompletten Handelsstopp habe die Händler eher noch zu kurzfristigen Verkäufen angetrieben und so den Einbruch noch verstärkt, erklärten Kritiker. Danach wurde das System zwar nachgebessert. Doch noch immer vermuten manche Experten, dass die aufgezwungenen Atempausen wenig geeignet seien, die Stimmung an den Märkten zu beruhigen. Stattdessen führten sie zu einem Stau von Aufträgen, die sonst gleichmäßiger abgegeben würden.
Zwei Minuten Pause, um zur Vernunft zu kommen
An der Deutschen Börse verlässt man sich deshalb lieber auf direkt ins elektronische Handelssystem integrierte Sicherheitsmaßnahmen. So werden beispielsweise anhand von Umsatz und Auftragsvolumen automatisch wöchentlich bestimmte Preiskorridore für jede Aktie ausgerechnet.
Bricht der Kurs zum Beispiel aufgrund von plötzlichen Insolvenzgerüchten aus diesen Bereichen aus, wird der Handel des Papiers für zwei Minuten unterbrochen. Das reiche schon oft, um außergewöhnliche Schwankungen zu verhindern, erklärt die Sprecherin. "Händler erhalten so die Möglichkeit, die Situation zu überprüfen." Manchmal seien dafür auch mehrere Zwei-Minuten-Unterbrechungen hintereinander nötig.
Eine weitere Vorsichtsmaßnahme sei das sogenannte Fast-Market-Tool - ein schlichtes Signal, das Händlern auf ihren Bildschirmen anzeigt, dass in bestimmten Werten außergewöhnlich viel Bewegung herrscht und der Kurs deshalb großen Schwankungen unterliegen kann.