Automobile Aktion 49
VW-Großhändler Stefan Glasmacher aus Essen umschreibt die ungewohnte Marktlage nur mit Vorsicht: »Das ist ein brisantes Thema für uns.«
Die Brisanz steckt in der Bilanz der 2400 Vertragshändler des größten deutschen Konzerns. Erstmals seit Kriegsende nämlich müssen die VW-Handelsmänner an der Verkaufsfront einen kräftigen Rückschlag hinnehmen. Deshalb rüsten sie zum Aufstand. Ziel ihres Angriffs ist Wolfsburgs Verkaufs-Chef Carl Hahn, 45, dessen Rücktritt insgeheim gefordert wird.
Die Händler werfen Hahn vor, mit einer zweifelhaften Vertriebspolitik die derzeitige Krise des Käfer-Konzerns zusätzlich angeheizt zu haben. Die Kritik entzündete sich Anfang des Jahres an Hahns Plan, den Konzern an den selbständigen Großhandelsfirmen zu beteiligen und kleinere Großhändler ganz auszuschalten. Das Ziel dieser Strategie: durch Computer-Einsatz die Lieferfähigkeit bei Neuwagen und im Ersatzteil-Geschäft zu beschleunigen.
Ein Proteststurm aus den VW-Läden war die Antwort. Die Händler lehnten jeden direkten Einfluß aus Wolfsburg
* Norbert Blüm: »Reaktion oder Reform. Wohin geht die CDU? rororo aktuell Juni 1972: 2,80 Mark.
ab und erzwangen bei VW-Chef Leiding einen Stopp des Hahn-Konzepts.
Um die Unruhe einzudämmen, diskutierten Manager und einige Aufsichtsräte bereits die Versetzung des VW-Verkaufschefs nach den USA. Schon zuvor mußte sich Hahn massive Kritik nicht nur wegen seines Umgangs mit den Händlern, sondern auch wegen der verfrühten Einführung des VW 411 und des mißlungenen Markt-Engagements mit dem VW-Porsche gefallen lassen.
Der Aufstand der Kändler trifft den Konzern in seiner schwersten Krise. Die jüngsten, von der VW-Spitze noch geheimgehaltenen Zahlen machen das wahre Ausmaß der Misere deutlich. So ging der Verkauf des VW-Konzerns auf seinem wichtigsten Exportmarkt, den USA, in den ersten vier Monaten dieses Jahres um 20 Prozent zurück. Und allein in Deutschland setzte das Wolfsburger Unternehmen in der gleichen Zeit mit 215 000 Fahrzeugen rund 30 000 (zwölf Prozent) weniger ab als im Jahr zuvor.
Die Käfer-Produktion mußte in die ser Saison um rund 50 000 Wagen (etwa 13 Prozent) gedrosselt werden, der Verkauf des VW 1600 ging sogar drastisch um rund 30 Prozent zurück.
Der K 70, für den eigens das Werk Salzgitter gebaut wurde, setzte sich gegen das Konkurrenz-Angebot wegen technischer Mängel der ersten Serien sowie wegen des hohen Preises ebenfalls nicht durch. Seine Produktion mußte bis April um rund acht Prozent gedrosselt werden. Im gesamten Konzern schrumpfte trotz einer Produktionssteigerung von über 30 Prozent beim Audi 100 der Absatz um gut sieben Prozent.
Mit der Produktion muß VW-Chef Leiding nun auch die Belegschaft schrumpfen lassen. Sein bereits im November verhängter Einstellungsstopp reduzierte das Heer der Konzern-Beschäftigten bis heute von 134 000 auf 125 000 Arbeiter und Angestellte.
Diesen Mannschaftsschwund forcierte der VW-Generaldirektor durch die sogenannte »49er-Aktion«. Danach entlassen die VW-Direktoren jeden Monat 49 »Bummelanten und Faulenzer« (ein VW-Manager) und umgehen so den Vorwurf der Massenentlassung. Denn Kündigungen von 50 und mehr Beschäftigten gelten nach dem Gesetz als Massenentlassung. Leiding befreite sich von der drückenden Personallast zudem durch vorzeitige Pensionierungen. VW-Bedienstete können schon mit 64 Jahren in den Ruhestand treten.
Mit dem Personal-Schnitt allein indes kann Leiding den Konzern nicht sanieren. Denn auf allen Märkten kämpfen die zum Teil überalterten VW-Modelle mit schwindendem Erfolg gegen die ausländische Konkurrenz an. Vor allem die Japaner jagten Wolfsburg überall Marktanteile ab. Die General-Motors-Tochter Opel verkaufte von Januar bis April in Deutschland mehr Autos als der VW-Trust.
Trotz des Rückschlags geben sich die Manager und Aufsichtsräte der Käfer-Fabrik optimistisch: Sie setzen auf den Techniker Leiding, der mit einer neuen Modellreihe den alten Ruf Wolfsburgs wiederherstellen soll.
Furcht jagt allerdings den Managern und Aufsichtsräten die Summierung negativer Meldungen ein, die in den letzten Wochen aus dem Werk drangen. So gar Daimler-Benz-Chef Joachim Zahn bereiten die schlechten Nachrichten aus Wolfsburg Kummer. Zahn in der vergangenen Woche: »Wir haben großes Interesse an einem gut funktionierenden Unternehmen VW.«