Akuter Kollaps - DER SPIEGEL
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FOTOINDUSTRIE Akuter Kollaps

Knapp sieben Monate nach dem Neustart steht die Traditionsfirma AgfaPhoto vor der Pleite. Hat der Investor zu hoch gepokert?
Von Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 23/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hartmut Emans versprach eine glänzende Zukunft. Aufgrund der »sehr soliden Bilanz« habe AgfaPhoto eine »exzellente Ausgangsbasis«. Die neue Firma werde »mit ausreichender Liquidität« und »ohne Altlasten« an den Start gehen. »Bereits am ersten Tag stehen dem Unternehmen Barmittel von mehr als 70 Millionen Euro für das Geschäft zur Verfügung«, betonte der Geschäftsmann.

Das war im Spätsommer vergangenen Jahres. Unterlegt mit bunten Folien, präsentierte da der ehemalige McKinsey-Berater Emans der Belegschaft im Leverkusener Stammwerk seine Strategie für die Fotosparte, die er gerade vom belgischen Konzern Agfa-Gevaert übernommen hatte.

»Die neuen Eigentümer kennen das Geschäft und glauben an das Potential«, versicherte Emans. Am Ende überzeugte der Mann, der in den neunziger Jahren in den neuen Bundesländern als Investor bei den Firmen Elpro und Lintra schon zweimal viel versprochen und wenig gehalten hatte, sogar die skeptischen Betriebsräte von seinem »langfristigen Engagement«.

Der Glaube an dessen unternehmerische Fähigkeiten währte nicht lange. Am 20. Mai, nicht einmal sieben Monate nach dem offiziellen Start, meldete der von Emans eingesetzte Finanzchef Marc Bamberger beim Amtsgericht in Köln für die wichtigste Tochterfirma des Konzerns Insolvenz an. Grund: Akuter Liquiditätsmangel bei der AgfaPhoto GmbH, in der alle sechs Fabriken zusammengefasst sind. Die Not war offensichtlich so groß, dass Bamberger nicht einmal die Rückkehr des AgfaPhoto-Chefs Eddy Rottie von einem Japan-Trip abwartete.

Die wundersame Pleite, über die die Belegschaft erst fünf Tage später informiert wurde, verblüffte alle. »Am 12. Mai, bei der Sitzung im Wirtschaftsausschuss, war davon mit keinem Wort die Rede«, schäumte Aufsichtsrat Bernd Dykstra. Selbst Emans behauptet: »Das ist für mich noch ein Rätsel.«

Auch Branchenkenner staunten. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Firmen hatten die Agfa-Manager den Trend zur Digitalfotografie keineswegs verschlafen. Zwar haben sie den Einstieg in das Kamerageschäft verpasst. Doch im industriellen Bilder-Markt spielt der Fotopionier nach einigen Rückschlägen wieder in der Spitzenliga mit. Bei Hochleistungsprintern zum Beispiel, die sowohl Bilder vom klassischen Film als auch von Digitalkameras und Fotohandys verarbeiten, ist Agfa unangefochten die Nummer eins am Weltmarkt.

Die Geräte, die bis zu 20 000 Fotos pro Stunde entwickeln, werden sogar von Kodak und Fuji übernommen und unter deren eigenen Markennamen verkauft. Auch bei sogenannten Minilabs, mit denen Händler vor Ort Abzüge machen können, sowie bei Fotochemikalien und -papier mischt Agfa in der Spitzengruppe mit.

Der rapide Schwund im traditionellen Filmgeschäft sowie die enormen Entwicklungskosten der neuen Hochleistungssysteme, die sich auf mehr als 300 Millionen Euro summierten, hatten die Risikobereitschaft der Konzernmutter Agfa-Gevaert allerdings arg strapaziert. Händeringend suchten die Manager in der Zentrale im belgischen Mortsel deshalb nach einem Käufer für die Fotoabteilung.

Mit dem Münchner Investor Emans, der bereits 2001 den Konzernteil übernehmen wollte, wurden sie im August vergangenen Jahres schließlich handelseinig. Für 175,5 Millionen Euro wollten die Belgier nicht nur die gesamte Fotosparte (Umsatz rund 700 Millionen Euro) samt Fabriken und Vertriebsgesellschaften in 30 Ländern nahezu schuldenfrei an Emans und dessen Partner abgeben. Sogar den wertvollen Markennamen können Emans NannO Holding und die übrigen Investoren »kostenfrei dauerhaft« nutzen.

Alles sah nach einem wirklich guten Deal aus. Doch dann begann ein zähes Ringen um den Kaufpreis, der im Übernahmevertrag noch nicht endgültig fixiert worden war. Nachdem die Belgier von sich aus den Betrag bereits von 175 auf 112 Millionen Euro reduziert hatten, pokerte Emans hoch. Gestützt auf erste Ergebnisse der von ihm eingesetzten Wirtschaftsprüfer, forderte er weitere Abschläge. »Der wollte den Kaufpreis gegen null drücken«, sagt ein Aufsichtsrat.

Der Streit weitete sich aus. Dazu kamen »Auseinandersetzungen über interne Verrechnungszahlungen«, bestätigt Emans. Einnahmen aus den noch nicht voll in den neuen Konzern integrierten Tochtergesellschaften im Ausland, die zunächst noch über die ehemalige Mutter liefen, seien zeitweilig zurückgehalten worden, heißt es in Leverkusen. Gleichzeitig liefen dort die Geschäfte in einigen Bereichen nicht so gut wie erhofft.

Ob das reicht, um den akuten Kollaps der AgfaPhoto GmbH zu erklären, oder ob womöglich unrechtmäßig Gelder aus dem Unternehmen abgezweigt wurden, soll nun der vom Gericht bestellte Insolvenzverwalter Andreas Ringstmeier herausfinden. Dabei, so beschloss der Aufsichtsrat am vergangenen Mittwoch, sollen auch die Geldströme in der nicht von der Insolvenz betroffenen Holding überprüft werden.

Während Ringstmeier versucht, die angeschlagene Firma zu sanieren, brodeln in den Büros und Werkhallen bei AgfaPhoto die Gerüchte. Von einer »strategischen Pleite« ist da die Rede, mit der Emans auf billige Art die Produktion loswerden wolle. Am Ende werde sich Emans nur noch auf das Handelsgeschäft mit zugekauften Produkten unter dem Markennamen Agfa konzentrieren.

Emans hält solche Ideen für »grotesk«. »Ich stecke doch nicht fast 20 Millionen Euro in eine Firma«, sagt der glücklose Investor, »wenn ich sie anschließend platt machen will.« KLAUS-PETER KERBUSK

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