FAMILIEN Alles anders
Kein Vergleich schien dem Wirtschaftshistoriker Wilhelm Treue zu gewagt. »In mancherlei Hinsicht«, schwärmte der Wissenschaftler auftragsgemäß, seien die Quandts »mit den Geschlechtern der Medicis und der Fugger zu vergleichen«.
Auf 291 Buchseiten hat der Göttinger Geschichtsprofessor im Auftrag des Bad Homburger Industriellen-Clans die Familienchronik niedergeschrieben. Das Buch wurde nur an Freunde des Hauses verteilt. Es gehört nun mal zur Maxime der Familie, daß nichts nach außen dringen darf, selbst Hochlöbliches nicht.
Der Älteste des Clans, der am vorigen Mittwoch im Alter von 71 Jahren verstorbene Herbert Quandt, hat nie Wert darauf gelegt, seinen Namen gedruckt zu sehen. Keines seiner Unternehmen trug den Namen der Sippe, keiner der hochdotierten Paladine durfte mit Erfolgszahlen in der Öffentlichkeit brillieren.
Es war alles anders als bei den Flicks oder den Oetkers. Quandts Firmen und Beteiligungen mit einem Umsatz von rund 13 Milliarden Mark und 70 000 Beschäftigten werden nicht von einer Holding gesteuert, sondern nach biederer Kaufmannsart von einigen Vertrauten in einer grauen Homburger Waschbeton-Zentrale. Quandt hinterläßt den größten deutschen Industriellenbesitz in Privathand. Das feinste Aktienpaket im Portefeuille ist der Anteil von rund zwei Dritteln am Autounternehmen BMW. Der Batterie-Konzern Varta ist auch zu zwei Dritteln im Besitz der Familie. Zum Quandt-Imperium gehört überdies die Altana AG, in der Pharma-Fabriken und die Kindernahrungsfabrik Milupa zusammengefaßt sind.
Das Familienoberhaupt hatte zu seinen Lebzeiten dafür gesorgt, daß sein Firmenreich unter den Nachkommen nach seinem Wunsch aufgeteilt wird. Eine Tochter aus erster Ehe wurde bereits abgefunden, den drei Kindern aus seiner zweiten Ehe vermachte Herbert Quandt zu gleichen Teilen die Varta AG. Seine dritte Ehefrau und der Nachwuchs Susanne und Stephan sollen BMW und die Altana bekommen.
Zwei der drei Varta-Erben kümmern sich schon seit längerem im Aufsichtsrat um den Firmenbesitz. Bei BMW allerdings müssen die Quandt-Kinder noch etliche Jahre warten, ehe sie dort mitbestimmen können. Erst mit Vollendung des 30. Lebensjahres dürfen laut Testament die 19jährige Susanne und der 16jährige Stephan frei über ihre BMW-Anteile verfügen. Bis dahin wird ein Treuhand-Gremium über den Nachlaß entscheiden. Ihm gehören neben BMW-Generaldirektor Eberhard von Kuenheim der Quandt-Manager Hans Graf von der Goltz und der Varta-Chef Eberhard von Heusinger an.
BMW-Chef von Kuenheim wird das nur recht sein. Allzu lange mußte er es sich gefallen lassen, daß Quandt ihm ins Geschäft dreinredete. Seit Anfang der 70er Jahre mußte Kuenheim einmal pro Woche von der Isar zum Rapport nach Bad Homburg, und oft genug entschied der eigensinnige Firmeneigner gegen den Willen seines Managers.
Ohne Quandts Zustimmung durfte kein neuer BMW in Serienfertigung gehen. Zur Endabnahme eines neuen Modells reiste Quandt nach München und inspizierte, inzwischen fast blind, die neue Limousine.
Der Einstieg bei BMW war Quandts beste Spekulation. Die Automobilfirma stand 1960 vor der Pleite, heute zählt sie zu den ertragsstärksten Unternehmen. In den letzten sieben Jahren warf BMW Dividenden von 18 und 20 Prozent ab.
Quandt hatte, ganz anders als etwa Friedrich Flick, mit dem er oft verglichen wird, nie selbst Firmen gegründet. Er hat sie wie ein Börsianer durch Spekulation in seinen Besitz gebracht.
Das Spielkapital dafür hatten er und sein jüngerer Halbbruder Harald, der einer Ehe des Vaters mit der späteren Magda Goebbels entstammte, 1954 geerbt. S.106 Beide waren damals mit kleineren Paketen von Daimler-Benz-Aktien und je einer 40-Prozent-Beteiligung am früheren Rüstungskonzern Industrie-Werke Karlsruhe bedacht worden.
Als Harald 1967 bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, begannen die Quandts sich um das Erbe zu zanken. Der Streit dauerte über sieben Jahre und wurde erst beigelegt, nachdem Herbert Quandt 1974 den 15prozentigen Daimler-Benz-Anteil der Familie nach Kuweit verkauft und mit dem Erlös Haralds Witwe ausgezahlt hatte.
Quandt hatte diesen Coup, wie fast alle seine Geschäfte, bis zur letzten Stunde geheimgehalten. Nur wenige waren an der Entscheidung beteiligt; selbst der damalige Wirtschaftsminister Hans Friderichts, der noch am Morgen mit Quandt telefoniert hatte, erfuhr erst am Nachmittag den Namen des Daimler-Käufers aus den Nachrichten.
Bis auf seine Mitarbeiter von der Goltz, von Kuenheim und von Heusinger hatte kaum jemand Zugang zu Quandt. Seine streng bewachte Zentrale durften nur wenige Freunde betreten.
In den letzten Jahren war der Konzernchef fast völlig isoliert. Seine Post ließ er sich auf Tonband sprechen. Weil er seine Gesprächspartner nicht genau erkennen konnte, beurteilte er, so Biograph Treue, sein Gegenüber nach dem »Wechsel der Lautstärke, der Sprachgeschwindigkeit und aus den Pausen zwischen Frage und Antwort«.
Quandt hinterläßt, so ließ der als Testamentsvollstrecker eingesetzte von der Goltz nach dem Tod des Inhabers mitteilen, ein »wohlbestelltes« Haus. Davon kann jedoch kaum die Rede sein.
Streit scheint unvermeidlich. Quandt hat allen Erben die gleichen Rechte vermacht, daran aber keine Pflichten geknüpft. So kann jeder über sein Erbteil ungehemmt entscheiden.